Alexander Issajewitsch Solschenizyn: „Nicht nach der Lüge leben“

Solschenizyn_Alexander_in_Moskau,_Dezember_1998_RIA Novosti archive image 6624 Yuryi Abramochkin CC-BY-SA 3.0Solschenizyn_Alexander_in_Moskau,_Dezember_1998_RIA Novosti archive image 6624 Yuryi Abramochkin CC-BY-SA 3.0
image_pdfimage_print

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier).

Als Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde, weil er dieses System verurteilte, wurde er im Westen gemäß dem Leitsatz „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ bejubelt – sein Erfolg war zunächst auch die Folge eines Schwarz-Weiß-Denkens, das bis heute nicht ausgerottet ist. Dass jemand, der das eine System verurteilt, nicht zwangsläufig ein Befürworter des anderen Systems sein muss, wurde geflissentlich übersehen. Solschenizyn aber blieb auch in der Emigration ein Russe, der sein Volk liebt. Nur nach und nach stellte man dies im Westen erstaunt fest. Hinzu kamen seine – für den Westen sehr eigenwillige – typisch russische Denkweise und die ungeschminkt deutliche Aussprache seiner Überzeugungen, die – vorsichtig gesagt – nicht recht kompatibel war mit der westlichen political correctness. Seine (auch in Russland nicht unumstrittenen) Vorstellungen von dem Weg, den Russland in der Zukunft gehen sollte, passten ganz und gar nicht zu den Vorstellungen des Westens.

Damit wurde er immer mehr zur persona non grata.
Deswegen war es im Westen still um ihn geworden.

Aber nicht nur der Westen rieb sich an seiner Person, auch in Russland scheiden sich bis heute an ihm die Geister:

In dem Jahrhunderte alten Streit zwischen den Westlern (wie Peter der Große, Tschaadajew, Belinski, Herzen, Pasternak und Sacharow, um nur einige zu nennen) und den Slawophilen (Tolstoi, Gorki, Dostojewski u.a.) war er die streitbare Autorität der Slawophilen.

Prägende Ereignisse in seinem Leben

Alexander Issajewitsch Solschenizyn wurde am 11. Dezember 1918 im Nordkaukasus in Kislowodsk geboren. Sein Vater, der schon ein halbes Jahr vor seiner Geburt starb, war als Kosake Angehöriger eines sehr stolzen, mutigen und eigenwilligen Volkes. Alexander Issajewitsch wuchs bei seinen Großeltern mit den Bräuchen und dem Glauben dieses Volkes auf. Seine Schulzeit verbrachte er in Rostow am Don bei seiner Mutter, wo er, weil seine Mutter krank war, anschließend auch Mathematik und Physik studierte; viel lieber hätte er in Moskau Literatur studiert. Seine Vorbilder waren Tolstoi, Gorki und natürlich – wie bei fast allen Jugendlichen seiner Zeit – Lenin. Der große Dichter Lew Tolstoi: ein religiöser Revolutionär, zum Ende seines Lebens gar Anarchist und der Prototyp eines Russen. Der von Staat und Volk gepriesene und verehrte Maxim Gorki: der große literarische und politische Revolutionär Russlands. Und Lenin: der Revolutionär schlechthin.

Von 1941 bis 1945 war Solschenizyn Batteriechef einer Artillerieeinheit und bei der Einnahme Ostpreußens dabei. Darüber schrieb er in seiner Dichtung Ostpreußische Nächte ebenso wie in der Erzählung Schwenkitten ’45.

So groß seine Begeisterung für Lenin war, so kritisch äußerte er sich über Stalin, und das ausgerechnet in den Feldpostbriefen, die er während seines Einsatzes in die Heimat schickte. Der militärische Abwehrdienst fand diese Briefe und Solschenizyn wurde im Februar 1945 noch an der Front verhaftet und ohne Verhandlung zu acht Jahren Zwangsarbeit in Lagern des GULAG und anschließender Verbannung verurteilt; in einem Sonderlager für Wissenschaftler lernte er Lew Kopelew kennen.

1953 – nach dem Tode Stalins – wurde er aus der Lagerhaft entlassen und nach Rjasan verbannt, wo er sich als Lehrer in einer Dorfschule durchschlug. Eine Krebserkrankung schien sein Leben beenden zu wollen, er überlebte jedoch wie durch ein Wunder.

In Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch und in Krebsstation verarbeitete Solschenizyn die Ereignisse. Beide Romane sind Abrechnungen mit dem stalinistischen System, die nach Chruschtschows Entstalinisierung auf dem 20. Parteitag 1956 plötzlich gut ins Bild der Zeit passten. So wurde Solschenizyn 1962 von Chruschtschow empfangen und sein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch gedruckt. Das Buch machte seinen Verfasser schlagartig berühmt, doch der Friede währte nicht lange. Ende 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, Breschnew beendete die „Tauwetterperiode“ und Solschenizyn wurde zu einem „Objekt“ des KGB.

Im Mai 1967 veröffentlichte Solschenizyn einen Brief an die Teilnehmer des vierten Kongresses der sowjetischen Schriftsteller, in dem er zur Abschaffung der Zensur aufrief. Der Brief wurde wenige Wochen später von Pavel Kohout auf dem tschechischen Schriftstellerkongress verlesen und löste einen Aufstand der Intellektuellen gegen die stalinistischen Methoden ihrer Regierung aus, womit der Prager Frühling begann.

Da er ahnte, was auf ihn zukam, schmuggelte Solschenizyn eine Kopie von Der erste Kreis der Hölle (das Original war schon vom KGB beschlagnahmt) ins Ausland. 1968 erschien dieser Roman – eine weitere Abrechnung mit dem Stalinismus – ebenso wie Krebsstation in mehreren westlichen Ländern. In der Folge wurde Solschenizyn 1969 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

1970 bekam er den Nobelpreis, den er jedoch nicht persönlich entgegen nahm, weil er voraussah, dass man ihn nicht wieder einreisen lassen würde. 1973 wurde sein berühmtes Hauptwerk Der Archipel GULAG im Westen gedruckt und in die Sowjetunion zurückgeschmuggelt (Tamisdat), 1974 wurde er ausgewiesen und ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt – Willy Brandt hatte sich in Geheimgesprächen bereit erklärt, ihn aufzunehmen, sonst wäre er in Sibirien verschwunden. Nach seiner Ausreise lebte Solschenizyn in der Schweiz und dann bis 1992 in den USA.

Im Exil arbeitete Solschenizyn weiter an seinem monumentalen historischen Romanwerk Das rote Rad, eine unparteiische und unabhängige Geschichte Russlands vom Ersten Weltkrieg bis zur nachrevolutionären Zeit. Drei Teile wurden veröffentlicht, August vierzehn (1971), November sechzehn (1984) und März siebzehn (1986), danach gab der Autor aus Altersgründen auf.

Nach seiner Rehabilitierung kehrte er 1992 nach Russland zurück, wo er als Held empfangen wurde. Bis zuletzt engagierte sich Solschenizyn mit Schriften wie Russlands Weg aus der Krise (1990), die Forderung nach einem konservativen Ideal der religiös motivierten Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Russland im Zusammenbruch (1998), eine scharfe Kritik an der Passivität des russischen Volkes und an Präsident Jelzin, als moralische Instanz für die Veränderung der russischen Gesellschaft und Politik.

2001 und 2002 veröffentlichte er die beiden Bände Zweihundert Jahre zusammen. Die russisch-jüdische Geschichte 1795 – 1916 und Zweihundert Jahre zusammen. Die Juden in der Sowjetunion, die von manchen heftig als antisemitisch kritisiert werden.

Am 8. August 2008 starb Solschenizyn in Moskau

Solschenizyns Kritik an der westlichen Welt

2004 veröffentlichte Solschenizyn nach Die Eiche und das Kalb (1975) – dt. Übersetzung des Originaltitels: Es rieb das Kalb seine Hörner an der Eiche – und Zwischen zwei Mühlsteinen (2005) den letzten Teil seiner dreiteiligen Autobiografie: Meine amerikanischen Jahre. Darin beschreibt er nicht nur sein Leben in den USA, sondern analysiert auch sein Gastland und dessen Bewohner; er wertet, was er erlebt hat, und wehrt sich gegen Vorwürfe aus amerikanischen und Emigrantenkreisen. Schon hier wird deutlich, was Solschenizyn in der Nachperestroikazeit in Russland noch vehementer vertritt: die Kritik am individualistischen Verhalten der Menschen, ein Verhalten in der westlichen Welt, für das die USA faktisch das Symbol sind.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in diesem Teil seiner Biografie die Enttäuschung über westliche Profitgier, die Zerstrittenheit der russischen Emigranten und die Ohnmacht der schriftstellerischen Arbeit in Bezug auf gesellschaftliche Änderungen zum Ausdruck kommt.

Solschenizyn weigert sich, den Rationalismus als Maß aller Dinge anzuerkennen, und er verabscheut den Pragmatismus des Westens. Für sich nimmt er in Anspruch, immer überzeugt gewesen zu sein von dem, was er tat, und nie gegen sein Gewissen gehandelt zu haben.

Schon in den vierziger Jahren bezeichnete er sich als „Schriftsteller im Untergrund“ und formulierte für sich eine Lebensmaxime, der er bis zuletzt eisern folgte:

„Nicht nach der Lüge leben.“

Über seinen Glauben an Gott sagt er: „Für mich gehört der Glaube zu den Grundlagen und Grundfesten des Lebens eines Menschen.“

Auf westlicher Seite wurde Solschenizyns Überzeugung, seine Lebenseinstellung, als rein politisch (und damit oberflächlich) und nicht als kulturell begründet angesehen. Das führte letztlich zu dem Vorwurf, er sei ein nationalistischer, orthodoxer Patriot, der ein autoritäres System gut heiße – ein Vorwurf, der bis heute an ihm haften geblieben ist.

„Die russische Seele“ – Grundlage zum Verständnis für Solschenizyns kritische Westsicht

Die nachfolgende Erklärung ist nicht als eine (unzulässige) Verallgemeinerung zu verstehen, sondern als Reduktion auf den Kern, auf die kleinste Gemeinsamkeit in Wesen und Mentalität der russischen Menschen: die „russische Seele“.

Es fällt dem Westen – aus welchen Gründen auch immer – sehr schwer, zu begreifen, dass Russen einer anderen Kultur angehören und eine andere Mentalität besitzen, während wir das Anderssein anderer Kulturen (wie beispielsweise der japanischen oder der indischen) vielleicht verständnislos, aber doch klaglos akzeptieren. Dabei wird das Anderssein der russischen Kultur an vielen Punkten offenbar. Nur einige davon sollen hier im Zusammenhang mit den Angriffen auf Solschenizyn und zum besseren Verständnis russischer Schriftsteller allgemein herausgegriffen werden.

In Russland findet der Einzelne, das Individuum, nur innerhalb einer Gemeinschaft seinen Platz; er kann nur in ihr bestehen, niemals außerhalb oder gar gegen sie. Das war schon immer so und hat nichts mit der kommunistischen Vergangenheit zu tun, und wenn, dann höchstens in dem Sinn, dass der Kommunismus hier eine günstige Voraussetzung fand. Das „Ich“ hat nur Sinn und Bestand innerhalb des „Wir“. Russen brauchen die Gemeinschaft, um sich als Individuum zu fühlen, wohingegen sich das Individuum im Westen durch die Abgrenzung gegen Andere definiert.

Der grundlegende Wunsch nach Gemeinschaft findet seinen Ausdruck auch in den ausgelassenen Feiern und in der für Westler unfassbar großen Gastfreundschaft.

Ein noch viel größeres Indiz für das Gesagte ist aber die russische Sprache.

Während in westlichen Sprachen „Ich oder Du“ oder „Ich und Du“ ganz klar zwei Einzelpersonen (Individuen) benennt, sagt man im Russischen „Wir mit Dir“ („my s toboj“) und drückt damit denselben Sachverhalt aus, meint also „ich und du“. Die Einzelpersonen lösen sich quasi in der Gemeinschaft auf. Die russischen Worte „ja“ (deutsch „ich“) und „ty“ (deutsch „du“) werden nur im Zusammenhang mit Verben gebraucht (wie bei „ich gehe“ oder „du gehst“). Hieran wird sprachlich deutlich, dass das Individuum nur innerhalb der Gemeinschaft existiert.

Ein Individualist westlicher Prägung dagegen ist nach russischem Empfinden jemand, der sich gegen die Gemeinschaft stellt – jemand, der egoistische Ziele verfolgt. Ein Gesellschaftssystem, das auf dieser Grundlage basiert, muss bei „den Russen“ zwangsläufig Unbehagen hervorrufen, ja Ablehnung provozieren. (Inwieweit Empfindung und im geschäftlichen Leben praktizierte Realität vereinbar sind, ist – für Russen – eine andere Frage.)

Vor diesem Hintergrund werden Solschenizyns Vorwürfe gegen das westliche Gesellschaftssystem verständlicher.

Ein zweites Thema ist das Verwachsensein des russischen Menschen mit seiner Heimat, seinem „Mütterchen Erde“, wobei mit „Heimat“ alles von der kleinsten gemeinschaftlichen Einheit (Wohnung, Haus mit Garten, Datscha, Dorf) bis hin zur großen russischen Erde (Russland – aber nicht der politische Staat!) gemeint sein kann.

Diese übergangslose Definition von Heimat ist ganz sicher durch die geografisch gesehen im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlose Weite Russlands bedingt: Nirgends stößt das Auge auf einen Widerstand, alles verschwimmt im Horizont. Ein Russe, der sich auf Reisen begab, blieb (und tut das auch heute noch, sofern er sich nicht mit dem Flugzeug in den Westen aufmacht) immer im eigenen Land. Er konnte Wochen unterwegs sein und war doch in der Heimat. Es war da kein anderes Land – nicht wie im Westen, wo man manchmal schon nach Stunden an die Grenzen eines anderen Landes mit einer anderen Sprache kam.

Für einen Russen gibt es nur Russland, zu dem auch die Völker zählen, die in Russland „aufgegangen“ sind. Kosaken, Burjaten, Ewenken oder Sibirjaken sind für ihn Russen, keine Fremden. Für ihn ist sein Heiliges Russland das Zentrum der Menschheit.

Die Identifikation des Russen mit Russland ist eine gefühlte Verwurzelung in der Heimat. Sie hat rein gar nichts mit Politik, mit einer Zugehörigkeit zu einem Staat oder mit Patriotismus im westlichen Sinn zu tun. Wie der Ausdruck „Heiliges Russland“ zeigt, spielt auch der (orthodoxe) Glaube dabei eine Rolle. Auch er geht eine gefühlte Verbindung mit dem Land, der Heimat, ein; er ist Bestandteil des Russentums (Slawentums). Ein Nationalbewusstsein im westlichen Sinn ist etwas völlig anderes.

Aus dem oben Gesagten über die Heimat und das Wirgefühl auf der einen Seite und der bedingungslosen Akzeptanz des Zaren als geistlichen und weltlichen Herrscher im Sinn eines göttlich Beauftragten auf der anderen Seite ergab sich eine Art „Arbeitsteilung“, die noch heute Bestand hat. Der Einzelne in seiner kleinen Gemeinschaft hat dafür zu sorgen, dass es ihm und den Seinen ausreichend gut geht. Dafür, dass er dazu in der Lage ist, hat der „ganz oben“ zu sorgen. Tut er es nicht, kann man daran auch nichts ändern. Diese patriarchale Einstellung ist, mit fatalistischen Zügen verbunden, ebenfalls tief in der russischen Mentalität verwurzelt. (Das Sowjetsystem hat im Übrigen diese Mentalität noch gefördert.) Russen haben schon immer einen starken Herrscher (Staat, Regierung) gewollt und wollen ihn auch heute, wie alle aktuellen Umfragen ergeben. Sich (im westlichen Sinn) aktiv an der „Regierung“ zu beteiligen, lehnen die meisten ab; diese Arbeit zu erledigen, ist die Aufgabe von anderen, von wem auch immer (Gott, Zar, Partei, Wahl) bestellten Menschen. Wenn diese ihre Arbeit nicht zufriedenstellend erledigen, kann man meckern und schimpfen (was man ohnehin tut) und auf bessere Zeiten warten, aber nichts daran ändern. Prototypischer Träger dieser dort freilich ins Extrem übersteigerten Persönlichkeitsstruktur ist der Titelheld »Oblomow« aus Gontscharows gleichnamigem Roman, weshalb man im Russischen auch von »Oblomowerei« spricht.

Ein Demokratieverständnis im westlichen Sinn ist in der russischen Seele nicht angelegt.

Ein letzter Punkt an dieser Stelle.

Auch die Stellung der Kirche in Russland und das gefühlsbetonte, für den Westler häufig irrationale, ja fatalistische Denken – im Gegensatz zur gefühlsarmen Rationalität des Westens und dem damit einhergehenden Individualismus – kann man nur aus der Geschichte heraus begreifen.

Bis zum 18. Jahrhundert waren sich der europäische Westen und Russland in den genannten Punkten gar nicht so fremd. Auch in Westeuropa stand die Kirche als gottgewollte oberste Instanz über der weltlichen Macht, war eins mit ihr. Dann kamen die Aufklärung und die Französische Revolution. Das Primat der Kirche wurde sowohl machtpolitisch als auch geistig gebrochen. Die Französische Revolution machte dem „gottgewollten Herrschertum“ (Absolutismus) den Garaus. Die Freiheit des Einzelnen als vernunftbegabtes Wesen war Sinn und Zweck dieser geistigen und auch ganz handfesten Revolution: Der Mensch wurde frei, um verantwortlich handeln zu können.

In Russland strandete die Aufklärung kläglich am Hof der Zarin Katharina die Große. Sie „strandete“ insofern, als sich zwar die Zarin (und ein enger Kreis des Adels bei Hofe) begeistert mit der Philosophie der Aufklärung beschäftigte – Katharina II. pflegte einen ausführlichen Briefwechsel mit Voltaire und kaufte nach seinem Tod seine vollständige Bibliothek (heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg) –, diese aber auf das Leben ihrer Untertanen nicht die geringste Auswirkung hatte. Russland blieb eine absolutistische Monarchie von Gottes Gnaden. Die orthodoxe (zu Deutsch: rechtgläubige) Kirche, nach deren Verständnis nicht die Erkenntnis, sondern allein das Sich-in-Gott-geborgen-Fühlen der rechte Weg zu Gott ist, erklärte weiterhin im Alleingang, wie der Mensch sein Leben zu leben habe.

Die brutale „Abschaffung“ der Religion durch die Revolution in Russland ist mit der Wirkung der Aufklärung im Westen nicht zu vergleichen. In Russland fand keine Bewusstseinsänderung statt, sondern die Trennung, besser Vernichtung, war von oben befohlen, was einerseits Jubel, andererseits große Angst und Trauer hervorrief. In den „Seelen“ der Menschen blieb die Religion so bestehen, wie sie war: als Feindbild oder als Hoffnung. Bildlich gesprochen schlummerte sie fortan in den Menschen wie ein Samenkorn, das nur darauf wartete, wieder in der alten Form zu erblühen (was sie bekanntlich dann nach der Perestroika auch tat).

Die Aufklärung bewirkte demnach in Westeuropa eine schrittweise Bewusstseinsänderung, Staat und Kirche wurden getrennt, der Mensch wurde – wie schon gesagt – frei, um verantwortlich und zielgerichtet handeln zu können. In Russland veränderte sich nichts. Die wenigen Dekabristen, die 1825 etwas in dieser Richtung (nach dem Vorbild der Französischen Revolution) verändern wollten, landeten bekanntlich in Sibirien.

Auch hier ist die Sprache wieder ein wichtiges Indiz:
Im Russischen gibt es zwei Wörter für „Freiheit“. Die Freiheit, zielstrebig (also im Sinn der Aufklärung) zu handeln, heißt im Russischen „svoboda“. Es ist eine Freiheit, die auch das Handeln anderer akzeptiert, also eine aus Vernunftgründen eingeschränkte Freiheit. Das andere Wort ist „volja“ und wird im Sinn von „frei sein von“ gebraucht. Es ist die Oblomowsche Freiheit, die bedeutet, einfach ungebunden zu sein, ohne Verantwortung; eine eher anarchistische Freiheit, ein grenzenloses Umherschweifen in der russischen Weite und Zeitlosigkeit, vergleichbar mit dem Gefühl, das der Hippie- und Flower-Power-Bewegung Mitte des letzten Jahrhunderts im Westen zugrunde lag.

In der russischen Literatur wird fast durchgängig von „volja“ geredet. Der russische Mensch begibt sich ziel- und zeitlos auf Wanderschaft, beispielsweise auf Gottsuche, wobei er aber Gott nicht am Ende seiner Wanderschaft sucht und findet, sondern im Umherwandern selbst. Auch ein Leben in der Einsiedelei, frei von allem Irdischen, ist eine solche (geistige) Wanderschaft, bei der nicht die Erlösung im Tod, sondern die Wanderschaft selbst das Ziel ist.

Dazu sagt man heute im Westen: „Der Weg ist das Ziel“.

Mit diesem Wissen muss man Solschenizyn – und nicht nur ihn, sondern letztlich alle russischen Schriftsteller – lesen und hören, dann wird man sie auch besser verstehen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit zehn Jahren bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.