Angeklagt! Nikolai Gogol und Nikolai Leskow – „geistige Väter“ der Finanzkrise ?

Gemälde "Troika"Gemälde "Troika"
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Eine literarische Satire von Hanns-Martin Wietek

Moskau – Wie aus für gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen der russischen Regierung verlautet, soll der berühmte russische Schriftsteller Nikolai Gogol vor dem Internationalen Gerichtshof als geistiger Vater der weltweiten Finanzkrise angeklagt werden.

Mit seinem weltberühmten Roman »Die Toten Seelen« (1842) habe er die Akteure der von der USA ausgehenden Finanzkrise inspiriert, ja mehr noch, ihnen einen „Arbeitsplan“ geliefert.

Mitangeklagt werde Nikolai Leskow, der in seiner Erzählung »Das erlesene Korn« (1884) den Tathergang noch genauer vorgeschlagen und damit noch größere kriminelle Energie gezeigt habe (siehe unten). In beiden Fällen geht es um Betrug durch den Verkauf nicht existierender Ware, im heutigen Sprachgebrauch „Leerverkäufe“ genannt.

Die russische Regierung ist noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen und behält sich rechtliche Schritte gegen die Anklage vor. Man werde aber die Angeklagten keinesfalls ausliefern, heißt es aus Moskau.

Zum besseren Verständnis hier kurz der Kern von Gogols – natürlich maskiertem – Plan:

Vorausgeschickt werden muss, dass leibeigene Bauern („Seelen“) damals nicht sofort nach ihrem Tod aus den Listen der Leibeigenen gestrichen wurden, sondern erst bei periodisch stattfindenden Revisionen; bis dahin galten sie als lebend und die Gutsbesitzer mussten Steuern für sie bezahlen.

Tschitschikow, der smarte, freundliche, redegewandte Sohn eines Gutsbesitzers, kommt auf die Idee, diese toten, aber auf dem Papier noch lebenden Seelen den Gutsbesitzern für ein Spottgeld abzukaufen; teilweise werden sie ihm sogar geschenkt. Die Gutsbesitzer müssen nun keine Steuern mehr für sie bezahlen und Tschitschikow hat auf dem Papier viele, viele Seelen, also ein großes Vermögen (in Wahrheit hat er nichts), das er versetzen und beleihen kann – natürlich ohne zu sagen, dass diese Seelen schon tot sind. Mit dem Geld will er dann ein gutes Leben führen; er will aus dem morbiden gesellschaftlichen System seinen eigenen Nutzen ziehen. Als die Sache auffliegt, macht sich Tschitschikow mit seiner Troika auf und davon.

Angeblich soll Gogol dem durch Schneegestöber davoneilenden Tschitschikow pathetisch nachgerufen haben „…. meine Moral! Wohin geht deine Fahrt? Gib Antwort! Keine Antwort. …“ [Anm. d. Red.: falsch! Im Original heißt es „Mein Russland?“]

Die Anklage geht davon aus, dass Gogol den letzten Satz nur zur Verschleierung seiner wahren Absichten hinzugefügt hat. (Man bemerke die Widersprüche!)

Die Vorwürfe gegen Leskow wiegen noch schwerer, da er, wie schon oben gesagt, erheblich mehr kriminelle Energie bei der Ausarbeitung des Planes gezeigt habe. Die Vorwürfe gegen ihn gehen von Verleitung zu bewusster Täuschung, über Betrug bis hin zu Bildung einer kriminellen Vereinigung und vorsätzlichem Versicherungsbetrug.

In seinem als Erzählung maskierten Plan lässt ein Gutsbesitzer aus seiner Getreideernte von seinen Leibeigenen alle weit übergroßen Körner herauslesen. Diese bringt er auf eine landwirtschaftliche Ausstellung, wo er sogar einen Preis für diese außergewöhnliche Qualität erhält.
Hier ködert er einen Käufer und treibt mit Hilfe von als potentielle Käufer getarnten Komplizen den Preis exorbitant nach oben. Nachdem der Käufer zugesagt hat, wird ein Vertrag aufgesetzt, der sehr geschickt dafür sorgt, dass der Käufer, wenn er später den Schwindel bemerkt, keinerlei Ansprüche an den Verkäufer stellen kann. Und dieser bemerkt den Schwindel natürlich, als er seinen gekauften Weizen abholen kommt.
Um den Schaden von sich abzuwenden, kauft der betrogene Käufer von dem betrügenden Verkäufer noch sehr viel mehr Korn – viel mehr als der Verkäufer überhaupt besitzt; auch das wird vertraglich hieb- und stichfest gemacht.
Nun werden entsprechend viele Säcke mit Stroh, Abfall und Dreck gefüllt und via Schiff an die Adresse des Käufers geschickt. Selbstverständlich wird die Ware versichert, denn Unfälle können immer geschehen. Ein kluger, geschickter Kapitän sorgt dafür, dass das Schiff an einer gefährlichen Stelle kentert. Die Gauner teilen sich das Geld und alle Beteiligten sind zufrieden und vor allem viel viel reicher geworden.

Der Leidtragende sei wieder einmal der Steuerzahler [Anm. d. Red.: Versicherung!], so die Anklage.

Man darf gespannt sein, ob die Klage angenommen wird. Bei der zurzeit herrschenden Russophobie, in der Russen und Russland für alles und jeden unbesehen verantwortlich gemacht wird, dürfte die Klage große Chancen haben, angenommen zu werden.

Hintergrund der Anklage gegen Gogol und Leskow ist, dass einer der sehr seltenen in russischer Literatur bewanderten Staatsanwälte in einem Prozess gegen sogenannte Heuschrecken deutliche Parallelen in beiden Fällen sieht und sehr, sehr kurzerhand – wahrscheinlich, um einen Präzedenzfall zu haben – auch in diesem Fall Anklage erhob.
Ein wesentlicher Punkt bei den Verhandlungen dürfte sein, zu klären, ob die Heuschrecken Gogol und Leskow gelesen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass profitbesessene, skrupellose Akteure des Finanzmanagements sich mit Kultur beschäftigen und berühmte – und noch dazu russische – Schriftsteller lesen, tendiert allerdings gegen Null.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit zehn Jahren bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.