Arzt befördert Patienten mit Faustschlag ins Jenseits

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Ärzte bringen gelegentlich einmal Patienten um – in der Regel nennt man das Kunstfehler. Der Tod eines Kranken in Belgorod war jedoch die Folge eines wütend um sich schlagenden Chirurgen.
Am 29. Dezember suchte der Mittfünfziger Jewgeni W. zusammen mit einem jüngeren Begleiter in der russischen Provinzmetropole Belgorod das Gebietskrankenhaus auf. Er hatte Probleme mit dem Magen, im Erbrochenen war Blut.

Die Behandlung verlief zunächst wie üblich: Man machte ihm eine Magenspiegelung. Dabei passierte etwas, dass sich kurz darauf zur Tragödie für den Patienten und das ganze Krankenhaus ausweiten sollte: Der Patient trat eine Krankenschwester. Ob aus Böswilligkeit oder aufgrund eines Reflexes oder schmerzhaften Zuckung, ist bislang nicht endgültig geklärt, aber nun ebenfalls Gegenstand polizeilicher Ermittlungen.

Der Begleiter des Patienten sagte allerdings, sein Bekannter habe sich für den Tritt sofort entschuldigt. Einige Zeit später, der Patient befand sich mittlerweile in einem anderen Raum und saß völlig friedlich mit entblößtem Oberkörper im Beisein zweier Krankhausbediensteten zur Untersuchung auf einer Liege, stürmte ein kräftig gebauter Mann in blauem Arztkittel ins Zimmer.

Arztzimmer wird zum Boxring

Was weiter geschah, wurde erst bekannt, nachdem am 8. Januar auf Youtube ein Video einer Überwachungskamera in Umlauf kam – das zum Ausklang der russischen Neujahrsfeiertage zu einer der Hauptnachrichtenthemen des Landes avancierte: Der Arzt fragt eine ihn begleitende Krankenschwester noch: „Wer war es?“, diese zeigt auf den Patienten. Der Arzt reißt den Mann hoch und schubst ihn brutal in einen Nebenraum.

Darauf mischt sich der Begleiter des Patienten ein – und wird von dem Doktor mit einigen routinierten Links-Rechts-Kombinationen zu Boden geprügelt. Die Krankenschwestern im Raum schreien verzweifelt nach der Wache. Nun will der Patient seinem Freund beistehen – und fängt sich zwei präzise Schläge an den Kopf ein. Dieser Doppelschlag war fatal: Der Mann geht rückwärts zu Boden, im Bildausschnitt bleiben nur noch seine reglosen Beine. Wie sich später bei der Obduktion herausstellte, erlitt er beim Aufprall auf den Kachelboden einen tödlichen Schädelbruch.

Erst totgeschlagen, dann Reanimation

Der Arzt, ein Chirurg mit angeblich tadellosem Ruf, nimmt davon zunächst keine Kenntnis: Er prügelt weiter auf den sich am Boden krümmenden Begleiter des Patienten ein. Erst nach einigen Minuten erkennt er, dass mit dem anderen Mann etwas nicht stimmt: Er beginnt bei dem Opfer seiner Boxkünste mit Wiederbelebungsversuchen – doch die bleiben vergeblich. Der Mann ist tot.

Die Behörden scheinen zunächst gewillt, den Vorgang tief zu hängen: Gegen den Arzt wurde zunächst nur ein Ermittlungsverfahren wegen „fahrlässiger Tötung“ eingeleitet – Höchststrafe zwei Jahre Haft. Die Leitung des Krankenhauses verfügt seine Entlassung – betont aber gleichzeitig, was für ein tadelloser und guter Chirurg er immer gewesen sei.

Das öffentliche Echo auf die brutale Patientenbestrafung sorgt dann nach drei Tagen aber dafür, dass der Fall weitere Konsequenzen hat: Der Gebietsgouverneur entlässt den Chefarzt des Krankenhauses. Und der prügelnde Chirurg wird in Haft genommen, die Ermittler begründen dies mit neuen Erkenntnissen über den Tatverlauf. Nun drohen ihm auch bis zu 15 Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung.

Der Anwalt des Arztes teilte inzwischen mit, dass sein Mandant das Geschehen zu tiefst bedauere und sich selbst nicht erklären könne, was ihn bei der Prügel-Orgie im Krankenhaus getrieben habe. Die Kosten der Beerdigung seines Opfers in Höhe von 90.000 Rubel (ca. 1100 Euro) hat er übernommen.

Viele Kommentare im russischen Internet fordern nun eine harte Bestrafung des Arztes. Es gibt aber auch nachdenkliche Stimmen, die den unverzeihlichen Ausraster des Chirurgen mit den Bedingungen zu erklären versuchen, untern denen das medizinische Personal in Russland gegenwärtig arbeitet: Faktische Lohnkürzungen um 15 bis 20 Prozent, Überlastung durch Personalmangel und finanzielle Engpässe bei der Verfügbarkeit von teuren, aber wichtigen Medikamenten und Materialien.

Deshalb wird es in russischen Kliniken manchmal laut und auch handgreiflich. Und wenn dann auch noch renitente, uneinsichtige oder gewalttätige Patienten, immer wieder auch einmal betrunken, dazukommen, dann kann es selbst in einem Krankenhaus zu Szenen kommen, die einer so zutiefst human ausgerichteten Institution völlig wiedersprechen. Und dies nicht nur in Russland.

Hier können Sie sich selbst ein Bild von dem Vorfall machen…

[ld/russland.RU]

 

 

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.