Boeing 737 zerschellt in Rostow am Don: 62 Tote

Foto: Wikipedia/Phillip Capper CC BY 2.0Foto: Wikipedia/Phillip Capper CC BY 2.0
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Im südrussischen Rostow ist in der Nacht auf Samstag eine Boeing 737 der Airline Fly Dubai abgestürzt. Alle 62 Menschen an Bord kamen ums Leben. Die Maschine zerschellte bei stürmischem Wetter kurz vor der Landebahn.

Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres ist ein Passagierjet mit russischen Urlaubern verunglückt – und wieder gab es keine Überlebenden: Ein Terrorakt wie Ende Oktober über dem Sinai scheidet diesmal jedoch als Ursache mit höchster Wahrscheinlichkeit aus. Die aus Dubai kommende Maschine der dortigen Billigairline FlyDubai stürzte bei sehr schlechten Wetterbedingungen im Anflug auf den Flughafen von Rostow am Don ab. Um 3.42 Uhr Moskauer Zeit zerschellte sie 250 Meter vor dem Beginn der Piste.

Zu diesem Zeitpunkt fegten Sturmböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h über den Flughafen. Die Sichtbedingungen waren hingegen akzeptabel: Die Wolken lagen in über 500 Meter Höhe, die Sichtweite betrug 6 Kilometer.

Passagiere aus Russland und der Ukraine, Crew international

An Bord der Maschine befanden sich 55 Passagiere: 44 russische Staatsbürger, acht Ukrainer, zwei Inder und eine Person aus Usbekistan. Die siebenköpfige Crew bestand nach Angaben des russischen Generalkonsulats aus zwei spanischen Staatsbürgern und je einer Person aus Russland, Kirgisien, Zyprern, Kolumbien und den Seychellen. Zunächst hatte es geheißen, der Pilot der Boeing sei Grieche gewesen.

Das Flugzeug erreichte bereits gegen 1.40 Uhr das Ziel des Fluges, doch brach die Crew den Landeanflug wegen der schwierigen Wetterbedingungen ab. Anschließend kreiste das Flugzeug volle zwei Stunden in der Nähe Rostows – offenbar um ein Abschwächen des Sturms abzuwarten. Beim zweiten Versuch einer Landung schlug die Maschine jedoch vor der Piste auf und zerschellte. Der Flughafen von Rostow am Don wurde nach der Katastrophe für mindestens einen Tag geschlossen.

Während die FlyDubai-Boeing ihre Wartschleifen zog, hatte eine Aeroflot-Maschine dreimal versucht, in Rostow zu landen. Das Flugzeug drehte schließlich ab und landete sicher im benachbarten Krasnodar. Ebenso entschieden sich die Piloten einer Rostow anfliegenden tschechischen Maschine. Der Flughafen arbeitete zu diesem Zeitpunkt nach dem „faktischen Wetter“. Das heißt, die Piloten erhalten vom Tower alle Wetterdaten und entscheiden selbst, ob sie eine Landung versuchen wollen oder nicht.

Lange Warteschleifen statt Ausweichflughafen

Warum die Crew des Unglücksflugs nicht einen Ausweichflughafen ansteuerte, dürfte jetzt eine der Hauptfragen bei der Untersuchung des Unglücks werden. Während der zweistündigen Wartezeit hätte die Maschine auch noch bis Moskau fliegen können. Unklar ist, wie viel Treibstoff noch an Bord war, als das Flugzeug schließlich den verhängnisvoll endenden zweiten Anflug machte. Zu diesem Zeitpunkt tobte der Sturm noch stärker als beim ersten Mal.

Die Wetterbedingungen, Fehler der Cockpitcrew und ein technisches Versagen werden deshalb zum gegenwärtigen Zeitpunkt als die wahrscheinlichen Unglücksursachen betrachtet. Der Sprechfunkverkehr verlief offenbar bis zum Aufschlag völlig normal, die Crew hatte keine Probleme gemeldet.

Am Schluss ein Sturzflug in Richtung Erde

Möglicherweise wurde die Maschine aber nicht erst kurz vor dem Aufsetzen durch eine Windbö aus der Balance gebracht oder zu Boden gedrückt. Darauf weist ein im Internet veröffentlichtes Video einer Überwachungskamera hin, dessen Echtheit allerdings noch unbestätigt ist: Darauf ist in gehöriger Entfernung ein Lichtpunkt zu sehen, der mit hoher Geschwindigkeit und in einem steilen Winkel von etwa 45 Grad auf den Boden zurast – gefolgt von einer mächtigen Explosion. Sollte der Eindruck, den diese Bilder vermitteln, zutreffen, so würde dies darauf hindeuten, dass die Piloten entweder schon deutlich über Grund die Kontrolle über das Flugzeug verloren hatten. Oder aber, dass sie sich – möglicherweise aufgrund von Defekten – über die reale Fluglage nicht im Klaren waren.

Die Webseite Flightradar24.com, auf der faktisch weltweit alle Flüge anhand ihrer Radardaten verfolgt werden können, veröffentlichte ein Profil des Fluges, das nahelegt, dass die Crew auch den zweiten Anflug bereits abgebrochen hatte und die Maschine in den Steigflug übergegangen war. Dabei kam es offenbar zu einem Strömungsabriss durch eine überzogene Fluglage – und einem unbeherrschbaren Sturzflug: Denn nach einer Twitter-Information von flightradar.com schoss das Flugzeug anschließend mit 106 m/s (ca. 380 km/h) dem Boden entgegen.

Die Flugschreiber der Maschine wurden inzwischen am Absturzort gefunden. Ihre Auswertung dürfte Klarheit darüber bringen, was mit Flug FZ 981 genau passierte.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.