Brief aus Russland: Eindrücke von der anderen Seite

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Liebe Freunde zu Hause in Deutschland, liebe Freundinnen,

erlaubt mir heute bitte ein paar persönliche Worte zur gegenwärtigen Lage aus Russland, wo ich mich zurzeit aufhalte.

Weit entfernt  von den Redaktionen, aus denen gegenwärtig der Welt mitgeteilt wird, was Russland alles zu tun hat, um nicht als Aggressor zu gelten, erlebe ich hier zur Zeit einen bemerkenswert ruhigen Alltag.

Bemerkenswert deswegen, weil ja die Atmosphäre von Eskalationselementen nur so schwirrt, die uns zurzeit aus jeder Ecke der Welt entgegenkommen: Die Europäische Union will sich jetzt die Südamerikaner vorknöpfen. Mit erhobenem Zeigefinger werden sie vermahnt, die durch die westlichen Sanktionen gegenüber Russland entstandene Situation „nicht auszunutzen“! Litauen erwägt, die Grenzen zu Kaliningrad mit Embargos zu belegen, nachdem Russland Sanktionen mit Gegensanktionen beantwortet hat. Die Ukrainische Regierung ist drauf und dran in geradezu selbstmörderischer Idiotie ihre Gas-Transitverbindungen zwischen Russland und Europa zu kappen. Die deutsche Bundeskanzlerin erklärt, sie gebe sich alle Mühe mit Wladimir Putin zu sprechen, aber Sanktionen müssten nun einmal sein.  Wer sich nicht hören will, muss eben fühlen. Russlands Bereitschaft zur humanitären Hilfe wird in perverser Verkehrung als Aggression hingestellt und mit neuerlichen Sanktionen bedroht.

Dies alles eskaliert wild vor sich hin. Die viel gepriesene Globalisierung verwandelt sich vor unseren Augen in eine grassierende Fragmentierung der Welt, während in der Ukraine selbst die Kämpfe um Donezk auf Tage der Entscheidung zulaufen. Aus den Reihen der Donezker Kämpfer, die sich in die Enge getrieben sehen, werden die Stimmen lauter, die der russischen Führung, namentlich Putin vorwerfen, die russische Bevölkerung in der Ukraine im Stich zu lassen. Orthodoxe Russische Nationalisten wie Alexander Dugin, Alexander Prochanow, Sergei Kurgenjan, im Westen inzwischen gut bekannt als diejenigen, die ein Eingreifen Russlands im Sinne der Wiederherstellung russisch-imperialer Größe fordern, reden gar von Verrat.

Westliche Analytiker, selbst besonnene, sehen Putin inzwischen hilflos in die Klemme eines fatalen Entweder-Oder taumeln: Entweder Einmarsch zur Rettung der Donbass-Kämpfer, der einen Weltbrand auslösen könnte, oder Enthaltung mit dem Ergebnis der Vernichtung der Autonomie-Bewegung und der Unterdrückung der russischen Bevölkerung im Donbass, was zu scharfer Kritik an Putin und zu Unruhen in Russland selbst führen könne.

Es scheint als gäbe es keinen Ausweg. Politischer Alarmismus droht selbst in die besonnensten Köpfe einzuziehen.

Aber liebe, Freunde, liebe Freundinnen, was erlebe ich hier? Stimmt: Jeden Abend Berichte aus den umkämpften Gebieten. Jeden Abend Berichte über Flüchtlinge. Jeden Abend lange Listen der Preise, die es nach dem Übergang von ausländischen auf einheimische Produkte geben wird. Jeden Abend neue Nachrichten über neue Sanktionen. In allen Orten, die ich in den letzten Wochen berührt habe, Flüchtlinge. Heute kamen die ersten Flüchtlinge aus Lugansk mit einem Sonderzug im sibirischen Nowosibirsk an. Junge Männer lassen sich als Freiwillige unter „Kontrakt“ nehmen, um im Donbass zu kämpfen.

Man sollte denken, dass die Menschen alarmiert seien, hysterisch, aggressiv.  Nichts dergleichen. Sanktionen? Was soll schon sein? Man ist sicher, dass das, was in der Vergangenheit gelungen ist, zuletzt in der Krise 2008, auch für die Zukunft gilt: Wer Russland angreift, fordert seine Selbstbesinnung heraus. Wer Putin schwächen wollte, hat das Gegenteil erreicht. Man lobt Putin dafür, den beständigen Provokationen des Westens mit Ruhe zu begegnen. Solche Positionen kommen selbst von Kritikern Putins. Aber nationalistische Überhöhungen des Präsidenten sind im Alltag nicht zu hören. Stattdessen viele Fragen: Warum das Ganze? Was hat die Europäische Union davon? Warum läuft sie hinter den Amerikanern her? Was könnte der Ausweg sein, der aus der Eskalation herausführt? Was könnte Russland dazu tun?

Eine Antwort schält sich aus all dem heraus: Sie liegt nicht im Entweder-Oder von Einmarsch oder Nicht-Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine, nicht in der Eskalation der bewaffneten Kämpfe durch russisches Militär, sondern in der weiteren Öffnung und Ebnung des humanitären Korridors für die in der Ukraine in ihrer Existenz bedrohten Menschen. Angebot eines friedliches Ausweges statt militärischer Aggressionen. Alle Hoffnungen der Menschen hier richten sich darauf, dass ihre Regierung es schafft, diese Richtung zu halten und sich auch in Zukunft nicht zu militärischem Eingreifen provozieren zu lassen.

Selbst wenn die Flüchtlinge auf Dauer hier blieben, heißt es, könne das nicht das Problem sein. Nicht nur Äpfel und Kartoffeln, wie von mir schon mehrfach benennt, auch Arbeitsplätze habe Russland mehr als genug.

Kai Ehlers, www.kai-ehlers.de

Über den Autor

Kai Ehlers
Selbstständiger Forscher, Buchautor, Presse- und Rundfunkpublizist. Mit Vorträgen, Seminaren, Workshops und Projekten bei Bildungsakademien, freien Trägern, politischen Gruppen in Deutschland und Russland tätig. Schwerpunkt liegt auf den Wandlungen im nachsowjetischen Raum und deren lokalen wie auch globalen Folgen.