Charkiw: Vor dem Fest ist nach dem Fest

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[Eine vorösterliche Nachweihnachtsposse von Michael Barth/russland.RU] – Nürnberg/Charkiw – Der Weihnachtsmann hat seinen Rentierschlitten wieder in der Garage eingeparkt und der Osterhase eiert jetzt auf Hochtouren. Nur im ukrainischen Charkiw hat man ganz andere Sorgen. Dort hat man nämlich den Festtagsbraten noch nicht einmal richtig verdaut, da stößt er auch schon wieder auf.

Stein des Anstoßes ist ein „Aggressor“ und dessen Geschenke zum Fest der Liebe. Nicht dass Sie jetzt glauben wir würden den Weihnachtsmann eines Schurkenaktes bezichtigen, der Fall geht weit tiefer. So tief gleich, dass er sogar die städtepolitischen Niederungen betritt, die eigentlich gar nicht so richtig ins friedvolle Bild des Christenfestes passen wollen. Noch alberner wird es, wenn man einen genaueren Blick auf das anstößige Corpus Delikti wirft. Die Posse dreht sich um Matrjoschkas.

Der Tatort liegt am Nürnberger Hauptmarkt, als Tatzeit lassen sich zweifelsfrei die vier Adventswochen vor dem 24.Dezember eingrenzen. Seit dem 17. Jahrhundert bezieht hier das Christkind temporär seine „Stadt aus Tuch und Holz“, deshalb heißt dieser weltgrößte und wohl auch bekannteste Weihnachtsmarkt, ganz profan Christkindlesmarkt. Das alleine wäre ja noch kein Eklat, aber kaum mischen Auswärtige mit, gibt es bereits die ersten Scherereien.

Christkind sollte perfide unterwandert werden

Weltoffen wie Nürnberg schon immer war, unterhält man hier eine ganze Reihe an Städtepartnerschaften. Was liegt da näher, als einen Teilbereich des mit Lebkuchen- und Glühweinduft geschwängerten Terrains, als „Markt der Partnerstädte“ zu etablieren? Das harmonische Miteinander ging auch lange Zeit gut, venezianische Salami und schottischer Whisky beißen sich ja nicht unbedingt mit Bratwürsten und Bierschnaps. Jetzt ist es aber so, dass auch das ukrainische Charkiw eine Partnerstadt von Nürnberg ist. Also haben die da auch einen Weihnachtsstand.

Das wäre vorerst noch gar nicht das Problem gewesen. Das Problem lag sozusagen auf dem Verkaufstresen. Die Vorgabe für die Stände sind landestypische Produkte, am Besten noch aus der Region. Autsch, und hier wird’s eng für Charkiw. Was gibt es dort an regionaltypischen Besonderheiten, die sich gediegen verschenken lassen? Qietschbunte Lackmalerei auf Döschen und Tellerchen und eine handvoll Gesticktes. Auch hübsch gestaltete Ostereier, auch wenn wir jetzt eine geniale Brücke geschlagen haben, sind zwar landestypisch, aber dennoch nicht zwingend des Pudels Kern an Heiligabend.

Charkiw spricht Machtwort

Was weiß schon der Fremde, dachte man sich, und schwupps waren die Matrjoschkas auf dem Tisch. Die verkaufen sich gut, schauen typisch aus und alles ist prima. So dachte man sich das jedenfalls, bis, ja bis eben eine Delegation Ukrainer aus Nürnberg recht unfestlich auf die Barrikaden ging. Geradewegs empört haben sie sich wegen dem Verkauf der Schachtelpuppen. Denn, die kämen gar nicht aus Charkiw, nein, noch nicht einmal aus der Ukraine. Vielmehr seien es Erzeugnisse eines „Aggressor Staates“! Und auch der ganze Rest ließe sich nicht eindeutig Charkiw zuordnen und stammt daher, auweia ausgerechnet aus Russland.

Ja mei, was weiß ein Fremder. In der Heimat aber wissen sie nun was zu tun ist. Deshalb gab es zuallererst eine Pressekonferenz. Sollen doch alle Bescheid wissen, um diese teuflischen Aggressor-Matrjoschkas. Anschließend steckte man die Köpfe zusammen, bis sie rauchten. Der dabei gefasste Beschluss klingt eigentlich recht vernünftig. Künftig solle es eine öffentliche Ausschreibung geben, um sicherzustellen, dass nur noch hochwertige, typisch ukrainische Dinge aus Charkiw in Nürnberg angeboten werden und so Charkiw würdig vertreten würde.

Wir als Konsumenten können diesen Entschluss nur begrüßen, denn jetzt ist es amtlich. Quasi in Stein gemeißelt, dass wir ab sofort vor perfiden Aggressor-Geschenkartikeln beschützt werden. Überhaupt, was können wir den Charkiwern dankbar sein, Stellen Sie sich nur vor, wir würden geradewegs unter dem Christbaum vom Aggressor-Russen infiltriert. Heiliges Lametta, der Untergang des Abendlandes konnte gerade noch abgewendet werden, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.Dafür können die Ukrainer jetzt ohne Bedenken ihre folkloristisch bemalten Eier auf dem Ostermarkt feilbieten, denn: Vor dem Fest ist nach dem Fest. Und ganz unter uns, dem Osterhasen ist Weihnachten eigentlich herzlich wurscht…

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.