Der Ärger mit dem Leibchen – Fußball und Politik

Foto: Der Stein des Anstoßes, erhältlich bei goldmoscow.comFoto: Der Stein des Anstoßes, erhältlich bei goldmoscow.com
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Istanbul – Die große Saalschlacht blieb Gott sei dank aus im „Şükrü Saracoğlu Stadyumu“ zu Istanbul beim Europa-Liga-Spiel Fenerbahçe gegen Lokomotive Moskau. Angesichts der politischen Brisanz, die derzeit das vorherrschende Thema im Umgang zwischen der Türkei und Russland ist, wurde die Partie vorsichtshalber zu einem Hochrisikospiel erhoben.

Kleinere Scharmützel zwischen den Fanlagern beiderseits fielen da an diesem Dienstagabend gar nicht ins Gewicht. Da geht es mitunter schon in der dritten deutschen Bundesliga deftiger zur Sache. Eine zünftige Klopperei hätte sich mit den gerade 70 Russen, die als Gäste angereist waren, womöglich eh nicht groß rentiert. Der Bus mit Fracht aus Moskau wurde ein wenig mit Steinen traktiert – eher eine Randerscheinung im Fußballalltag.

Wenn ein T-Shirt hochpolitisch wird

Wesentlich illusterer wurde dieses russisch-türkische Politikum erst nachdem das Spiel beendet war. Und zwar auf dem Platz. Nachdem die Spieler ihre hochviskosen und prächtig glänzenden Trikots abgestreift hatten, blitzte ein T-Shirt in die Objektive der Fotografen. Dessen Träger: Dmitri Tarassow, Spieler bei Lokomotive Moskau. Das Motiv: Wladimir Putin, Präsident in Russland. Unter dem Konterfei Putins der deutlich lesbare Text: „Der höflichste Präsident“. Quasi ein gelungener Seitenhieb, wenn man so will.

Autsch, der Eklat war perfekt. Zumindest sah das die UEFA, als oberstes Gremium auf dieser Ebene, so. Bereits unmittelbar nach diesem Vorfall war man mit Schuldzuweisungen zur Stelle. In den Augen der UEFA ein Skandal, in Russland ein stinknormales T-Shirt, das es an jedem Straßenstand zu kaufen gibt. Also konnte dieses Hochrisikospiel am Ende doch noch die geballte Brisanz erlangen, die man im Vorfeld ja sowieso schon erwartet hatte.

Zwei Parteien, zwei Ansichten

„Ich trage diesen T-Shirt nicht zum ersten Mal. Früher hat das keiner beachtet. Solche Resonanz hatte das wahrscheinlich nur, weil das Spiel in Istanbul stattfand“, sagte Tarassow zu dem Vorfall. Zudem sei er Patriot und Wladimir Putin eben der Präsident. Etwas Besonderes sehe er da nicht. Dmitri Tarassow selbst sieht keinerlei Provokation und rechnet deshalb auch nicht mit einer Bestrafung seitens der Fußballbehörde.

Die UEFA sieht das jedoch ein wenig anders. Laut einem Sprecher des europäischen Fußballverbandes läge in dem Fall eine Verletzung der Disziplinarstatuten vor. Also eben doch Provokation. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits die Strafe für Tarassow diskutiert. Zehn Spiele Sperre könnten es werden, gar der gesamte Verein dafür bestraft werden. Immerhin hätte der das ja auch zugelassen. Zudem wird eine saftige Geldstrafe erwartet.

Im Kreml sieht man das Episödchen recht gelassen. Putins Pressesprecher sagt erst einmal gar nichts: „Ich möchte Fußball-Angelegenheiten lieber nicht kommentieren”. Der Kontroll- und Disziplinarausschuss der UEFA befasst sich mit dem Fall ohnehin erst am 17. März. Wjatscheslaw Koloskow, der Ehrenpräsident des russischen Fußballverbandes RFS, gibt den schwarzen Peter dann auch gleich an die UEFA weiter. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets letzten November hätte diese Partie nie ausgelost werden dürfen, so seine Meinung.

Wie dem am Ende auch sei, im Fußball bleibt es spannend. Und sei es nur auf den Nebenschauplätzen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.