Deutsche Nazis: Bitte keine Russland-Flaggen!

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Wenn man so in Russland sitzt und momentan im deutschen Internet unterwegs ist, wächst das eigene Befremden, was denn da gewisse Rechtsradikale im Kopf haben, wenn sie mit Russlandfahne ihre Parolen skandieren, etwa vor Flüchtlingsheimen. Ober wenn man online Tiraden von rassistischen Hassparolen liest, an die der Autor den Satz „kein Krieg mit Russland“ anhängt.

Fahnen als Feigenblatt

Gerade letzteres riecht nach dem pazifistischen Feigenblatt, mit dem sich Rechtsköpfe ebenso gerne tarnen wie mit der Einleitung „ich bin ja kein Nazi, aber …“. Wobei es schon eine merkwürdige Argumentation ist: Ja ich fackle Flüchtlingsheime ab oder finde das gut, aber ich bin eigentlich ein guter Mensch, weil im Gegensatz zu Merkel und Co will ich keinen Krieg gegen Russland. Als ob man Übel und Hass gegeneinander aufrechnen könnte.

Die falsche Fahne

Die Flagge – das ist wirklich nur völlig strange (um hier mal bewusst einen Anglizismus zu verwenden). Darf ich hier zunächst informieren, dass die Fahnenfarbe ursprünglich Groß- (rot), Klein- (blau) und Weißrussen (weiß) symbolisiert, wobei die Kleinrussen die Vorläufer der Ukrainer waren. In der Zarenzeit nur zeitweise Nationalfahne, war sie das durchgehend in der kurzen Episode der Republik zwischen Februar- und Oktoberrevolution sowie wieder in der nachsowjetischen Republik. Verwendet wird sie in Russland von nahezu allen Bevölkerungsgruppen, aber eben kaum von den russischen Nazis. Die und alle übrigen Ewiggestrigen im Land wie Monarchisten bevorzugen schwarz-gelb-weiß, die Zarenfahne der Romanows, von der Rolle so etwas wie das schwarz-weiß-rot der deutschen Reaktionäre. Übrigens drängt sich auch beim Schwenken von Rebellenfahnen des Donbass durch Nazi-Schärgen der Hinweis auf, dass unter dieser Fahne auch zahlreiche Kommunisten kämpfen, im Nazi-Sprachgebrauch noch „Bolschewisten“ genannt. Warum auch sonst sollten sich die selbst erklärten Staatsgebilde dort „Volksrepubliken“ nennen?

Die falsche Motivation

Ist es vielleicht so, dass man in rechten Kreisen das russische Tuch in die Hand nimmt, um auch im pöbelnden Mob zu symbolisieren, dass man eigentlich nicht „so schlimm“ ist, wie die deutschen Mainstream-Politiker? Es soll hier nicht bestritten werden, dass deren Konfrontationspolitik gegenüber Russland wirklich ein Spiel mit dem Feuer ist, ihr oberlehrerhaftes Getue in Russland ebenso wie in Südeuropa als pure Arroganz ankommt und tatsächlich an das überhebliche Moralisieren der linksliberalen deutschen Bildungsbürger bei inländischen Konflikten erinnert? Diese unsägliche Überkorrektheit, die jetzt sogar Gabriel spüren musste, nur weil er rechtes Pack als „Pack“ bezeichnete? Ja, er wurde in der Tat schon von sprachlichen Korrektheitsfanatikern wie dem Spiegel dafür gerügt, denn die „Menschenwürde“ stünde ja auch Pack zu. Wie empfindlich muss man eigentlich sein, um sich von jeder nicht ganz so hochtrabenden Bezeichnung gleich in seiner Menschenwürde verletzt zu fühlen? Rechte dürften da angesichts ihres eigenen Sprachgebrauchs doch ein dickes Fell haben.

Das falsche Vorbild

Hier noch eine kleine Information zu Russland, dem Land mit der in Deutschland aktuell missbrauchten Fahne. Rossijskaja Federatija, der Name des Landes, heißt übersetzt eigentlich korrekt „Russländische Föderation“ und nicht „Russische Föderation“ (Russkaja Federatija). Der Grund, warum man diese Bezeichnung wählte ist, dass man die Bürger, die ethnisch keine Russen sind, wie Tataren, Tschuwaschen, Baschkiren und viele andere (ja auch Juden) nicht diskriminieren, sondern integrieren wollte. Über 20 % der russischen Bürger sind im ethnischen Sinne gar keine Russen, sondern Mitglieder anderer Völker wie etwa in Deutschland Deutschtürken. Das ist immer noch mehr, als alle in Deutschland lebenden Migranten, inklusive der „deutschblütigen“. Der Anteil der Muslime an der russischen Bevölkerung wird in verschiedenen Schätzungen zwischen sieben und fünfzehn Prozent angegeben, in Deutschland sind es etwa 5 %. Solltet Ihr also russische Verhältnisse anstreben, solltet Ihr eher noch mehr Flüchtlinge aus islamischen Ländern ins Land holen, als dagegen zu protestieren.

Die falsche Alternative

Alternativ könnt Ihr natürlich auch aussterben. Bevorzugt aus egoistischen Motiven („Lebensplanung“ oder „Stress“) bekommen ja gerade viele „reinrassige“ Deutsche kaum Kinder und Deutschland wäre ohne Einwanderung bereits recht leer. Aber gerade aus einem ähnlichen „alles meins“ Egoismus heraus protestiert Ihr ja gegen Flüchtlinge und aus demselben übersteigerten Selbstwertgefühl halten Eure Gutmenschen-Gegner ihre eigene Meinung immer für das Maß aller Dinge. Vielleicht seit Ihr Euch doch alle ähnlicher, als Ihr denkt. So schwenkt doch weiter alle zusammen schwarz-rot-gold (oder von mir aus schwarz-weiß-rot) und gut ist. Denn gerade Egoismus ist dem russischen Wesen eher fremd. Russlandfahnen in deutschen Nazihänden sind ein No-Go.

Es grüßt aus Russland – ein Nichtrechter

Roland Bathon, Grafik: Gemeinfrei

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.