Eiskunstlauf: Drama um Feditschkina und Sozkowa [mit Video-Classics]

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[von Michail Scharow und Roland Bathon] In der russischen Damenmannschaft war der Wettkampf bei der aktuellen Junioren-Weltmeisterschaft dramatisch und tragisch. Gleich zwei der drei Spitzenläuferinnen Polina Zurskaja aus Moskau und Alisa Feditschkina aus Sankt Petersburg mussten vor Ort verletzungsbedingt aus dem Wettkampf ausscheiden – und beide hätten große Medaillenhoffnungen gehabt.

Drei starke Russinnen sollten starten

Vor der Junioren-WM in Ungarn schien die russische Eiskunstlauf-Welt in Ordnung wie meistens in den letzten Jahren. Gleich drei äußerst starke Mädchen sollten zum Wettkampf antreten und auch die Sportpaare gehörten zur Junioren-Weltspitze. Ein Schatten lag nur auf der russischen Juniorenmeisterin Polina Zurskaja aufgrund einer bestehenden Knöchelverletzung. Doch sie wollte mit Schmerzmittel antreten und nahm auch am ersten Training teil. Aber genau diese Teilnahme verschlimmerte ihr Verletzungsproblem und sie musste danach kurz vor Beginn ihre Wettkampfteilnahme absagen. Der erste Schock für die russische Mannschaft.

So ruhten die Hoffnungen auf den verbliebenen beiden Teilnehmerinnen, Maria Sozkowa, der russischen Vize-Juniorenmeisterin und Alisa Feditschkina, der mit gerade 14 Jahren jüngsten der drei Russinnen aus Sankt Petersburg. Das eineinhalb Meter kleine Eistalent von der Newa stammt ursprünglich aus Rostow am Don in Südrussland, wo sie noch bis vor zwei Jahren in der Provinz trainiert hatte. Wie viele russische Eiskunstlauf-Talente wechselte sie nach Sankt Petersburg wegen der bekannten dortigen Ausbildungszentren – bei SDJUSCHOR trainiert sie zusammen mit Serafima Sachanowitsch und vielen anderen bekannten Läufern. Ihre in Rostow gebliebene Verwandtschaft vermisst sie sehr – zwei Schwestern blieben mit dem Vater und der Großmutter in der Heimat.

Feditschkina in Bestform vor dem Ausscheiden

Und es sah im Kurzprogramm danach aus, als ob Alisa in die Fußstapfen der „großen Russinnen“ vor ihr treten konnte, denn es lief für sie völlig überragend und sie belegte im Zwischenklassement Platz 1, noch vor Sozkowa und den starken Japanerinnen, die für die Nachwuchs-Russinnen die stärkste Konkurrenz sind.  Ihre märchenhafte Darbietung mit einer Musik von Tschaikowsky schaffte sogleich den Weg überall in die Sozialen Netzwerke und machte die vorher außerhalb von Russland kaum bekannte Läuferin zu neuen Eisstar. Und dann kam der Schock: Alisa verletzte sich im Training für die Kür und konnte nicht antreten. Ihre Fanseiten in den russischen Sozialen Netzwerken quellen über vor Bewunderern.

Sozkowa rettet drei Startplätze für 2017

Nun ruhten alle russischen Hoffnungen auf Maria Sozkowa – denn sie musste Erste oder Zweite werden, damit die Russinnen auch bei der nächsten Junioren-WM mit drei Läuferinnen zu den Wettkämpfen fahren können. Maria hielt den Druck, der auf ihr lastete, aus und schob sich zwischen die Japanerinnen auf die Silber-Position. Die nutzten ihre Chance angesichts der ausgedünnten Konkurrenz und platzierten sich mit drei Mädchen innerhalb der ersten fünf Starterinnen, darunter der neuen Juniorenweltmeisterin Marin Honda.

Das Mädchen-Drama sollte nicht das Einzige bleiben auf dieser WM denn bei den Jungs führten nach dem Kurzprogramm noch die beiden Russen Alijew und Samarin, verpatzten ihre Küren jedoch derart, dass sie am Ende ohne Medaillen nach Hause fuhren. Besser lief es bei den Sportpaaren und im Eistanz. Doch die Spannung und Ehrenrettung bei den Mädchen wird es vor allem sein, die für Gesprächsstoff in der russischen Eiskunstlaufwelt sorgen wird und dafür, dass weiter viele russische Mädchen anfangen werden, den Traum von der Eisprinzessin zu träumen, den vor allem Alisa Feditschkina in ihrem Kurzprogramm verkörperte.

Sozkowa und russische Trainingszentren bei russland.TV

Mit der neuen Vize-Juniorenweltmeisterin Maria Sozkowa wird Michail Scharow von russland.RU in Kürze ein Interview führen. Wem die Wartezeit bis dahin zu lang wird, hier unser letztes Interview mit ihr:

Bei der Konkurrenzschule von SDJUSCHOR in Sankt Petersburg hat unsere Frau vor Ort Anna Smirnowa einmal hinter die Kulissen geschaut und mit Elisaweta Tuktamyschewa gesprochen. Hier ihr damaliger Film:

Michail Scharow, Roland Bathon, russland.RU, Foto: Links die drei Bestplatzierten, rechts Alisa Feditschkina, hier bei der Russischen Meisterschaft,  (c) Michail Scharow 2016

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.