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28-07-2013 Essay-Kultur
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek
Er war am Erblinden, das Schreiben fiel ihm schwer, er nannte sich einen »blinden Schriftsteller«, doch die Augen blicken noch erstaunlich ausdrucksvoll, und gearbeitet hat er bis zum letzten Tag. Thematik und Manier waren sich gleich geblieben, seine letzten Werke heißen: »Mäusleins Flötchen«, »Die Pfauenfeder«, »Die Geschichte von den beiden Tieren«. Er starb 1957 im Alter von achtzig Jahren. Kurz vor dem Tode schrieb er ins Tagebuch: »Ein Andrang von Einfällen, doch ich kann sie nicht verwirklichen: die Augen! ... Heute schrieb ich den ganzen Tag in Gedanken — und konnte nichts aufschreiben.« Auch seine Faxen hat er bis zum Tode gemacht. Die Bücher der letzten Jahre tragen den Vermerk: »Zensiert im Hohen Rat des Obeswolpal.«
Um solche Beharrlichkeit, Geradlinigkeit und Seelenstärke könnte man Remisow fast beneiden. Doch Neid wäre unangebracht: Remisow hatte das volle Maß menschlichen Leides erfahren. Man warf ihm oft vor, in seinen Büchern häuften sich die Unwahrscheinlichkeiten, aber sein Schicksal war widersinniger als alles, was er sich hätte ausdenken können.
(1)


27-07-2013 Essay-Kultur
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek

Russlands Weg in die Katastrophe
Mit der Wende zum 20. Jahrhundert begann für Russland die schrecklichste Zeit seiner Geschichte.
1894 folgte Nikolaus II. seinem Vater Alexander III. auf dem Thron. Er führte die erzkonservative Politik seines Vaters und dessen radikalkonservativen Beraters Pobedonoszev nahtlos fort; er war ein autokratischer Herrscher von Gottes Gnaden – Reformen oder gar Demokratie waren ihm ein Gräuel, wie er schon bei der Thronübernahme in seiner Rede verlauten ließ.

Die verspätete frühkapitalistische Industrialisierung unter seinem Vater – im Westen hatte sie schon Jahrzehnte früher stattgefunden – hatte riesige soziale Klüfte entstehen lassen, Russland glich einem Pulverfass. Das Aufbegehren der unteren Klassen wurde rücksichtslos niedergebügelt. Russland wurde im Russisch-Japanischen Krieg 1905 vernichtend geschlagen, was das Elend der einfachen Leute noch vergrößerte, und auf den „Petersburger Blutsonntag“ – die gewaltsame Niederschlagung einer Massenkundgebung – im Januar 1905 folgte die erste Russische Revolution mit Streiks, Morden und Meutereien. Im Oktober desselben Jahres machte Nikolaus II. politische Zugeständnisse, die die Lage zunächst beruhigten; diese Zugeständnisse wurden jedoch sehr bald wieder „neutralisiert“. Der Erste Weltkrieg begann und Russland leistete einen ungeheuren Blutzoll, nicht zuletzt wegen der völlig inkompetenten Heeresleitung mit Nikolaus II. an der Spitze. Die Leidtragenden waren wieder die einfachen Menschen, die in Scharen vom Militär davonliefen und sich den Revolutionären anschlossen.


18-03-2013 Essay-Kultur
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek

Nachdem in Teil I des Essays die Person Fëdor Sologub im Mittelpunkt der Betrachtungen stand, soll in diesem Teil sein Schaffen umrissen werden.

Wie alle Symbolisten betrachtet auch Sologub das Leben auf dieser Welt nicht als die einzige Form des Seins.
Die irdische Existenz ist nur ein Teil – und zwar der kleinere – des Menschen, denn er selbst ist Teil einer jenseitigen, allumfassenden Sphäre, die seinem Erkenntnisbereich entzogen ist. Nur eines ist sicher: Diese Sphäre ist vollkommen, das irdische Leben dagegen eine vorübergehende Qual. Wie ein Wurm, den Schutz der Dunkelheit suchend, den Tag flüchtend, sich in die Erde bohrend, krümmt sich der Mensch während seiner Existenz auf Erden. Die irdische Welt ist jedoch Teil des Ganzen, dessen Gesetze auch auf sie einwirken. Der Mensch kommt aus dem Metaphysischen, der Jenseitigkeit, und wird durch seinen in die Irre geleiteten Willen in die irdische Existenz gestoßen, aus der er mit dem Tode wieder ins Metaphysische entschwindet.



02-12-2012 Essay-Kultur
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek

»Ich nehme ein Stück grauen, armseligen Lebens und schaffe daraus eine liebliche Legende, weil ich ein Dichter bin. Magst du, Leben, in Dunkelheit verharren, trüb und alltäglich, oder in wütenden Bränden toben, ich, der Dichter, werde über dir eine von mir geschaffene Legende aufbauen - eine Legende vom Schönen und vom Entzückenden.«(1)



22-10-2012 Essay-Kultur
Literaturessay von Hanns-Martin Wietek
Mehr als die seiner Zeitgenossen muss man die Werke Nikolaj Semënovič Leskovs im Zusammenhang mit dem politischen Zeitgeschehen sehen, denn aufgrund seiner Herkunft aus dem Journalismus fühlte er sich der Aktualität verpflichtet. Aber er ist kein politischer Schriftsteller im strengen Sinn, denn sein journalistischer Ansatz forderte, über vielerlei zu schreiben, von dem er meinte, dass es seine Leser wissen sollten; und er schrieb für den Leser, es musste also spannend sein – er wollte, im weitesten Sinne des Wortes, unterhalten. Dass er anders als seine Schriftstellerkollegen jahrelang durch ganz Russland gereist war und die verschiedensten Völker und ihre Gebräuche und Glaubensrichtungen kennengelernt sowie mehrmals im Ausland gelebt hatte, bescherte ihm eine Vielzahl von Themen. Man kann seine Werke demnach nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch ordnen, was auch Leskov selbst gemacht hat, als er sie für die Herausgabe in seinen Gesammelten Werken in Zyklen zusammenfasste.
Die journalistische Herangehensweise an das Schreiben bedingte außerdem, dass Leskov Erzählungen weit mehr lagen als Romane; hier erbrachte er teilweise wahre Meisterleistungen.


30-09-2012 Essay-Kultur
und eine kleine Geschichte der erotischen Literatur und der Sitten
[Literaturessay von Hanns-Martin Wietek]


Um zu verstehen, warum die Rolle des Mannes in Turgenjews und in Werken anderer Schriftsteller seiner Zeit sehr häufig die eines Leidenden, der oft bis zum bitteren Ende entsagt – durch Selbstmord, durch Herausforderung einer Situation, die ihn ums Leben bringt, oder ganz einfach durch qualvolles und stumpfsinniges Dahinsiechen bis zur Erlösung im Tode ist, muss man einen Blick zurück in die Geschichte werfen und die allmähliche Veränderung der Beziehung zwischen Mann und Frau betrachten. Auch wenn es interessant wäre, damit im wahrsten Sinn des Wortes bei Adam und Eva zu beginnen, soll der Einstieg hier im endenden Mittelalter erfolgen, und was eigentlich Bände füllen würde, kann nur skizziert werden – es wird auch so schon eine lange „Geschichte“. Bei der Darstellung geht es um eine Grundlinie; Abweichungen in verschiedene Richtungen müssen vernachlässigt werden. Außerdem kann größtenteils nur die gesellschaftliche Oberschicht betrachtet werden, aber die hatte auch bei diesem Thema das alleinige Sagen und wirkte so oder so meinungsbildend auf die Unterschichten.


22-08-2012 Essay-Kultur
[Literaturessay von Hanns-Martin Wietek]

So wünschenswert es wäre, jeden einzelnen von Iwan Turgenjews hochklassigen Romanen ausführlich zu besprechen – hier ist dafür weder Zeit noch Raum. Stichwortartige Notizen über die Handlung und die persönlichen Bezüge müssen genügen, um Lust auf mehr zu machen. Wer sich den höchst interessanten literaturwissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Analysen zuwenden will, die Turgenjews Romanwerk nach sich gezogen hat, wird in den Literaturangaben am Ende dieser Essays viel Lesenswertes finden.


13-08-2012 Essay-Kultur
[Literaturessay von Hanns-Martin Wietek] Schon vor – und ganz besonders nach – dem Erscheinen der Aufzeichnungen eines Jägers (1852), die ihn berühmt gemacht hatten, hatte sich Turgenjew überlegt, ein umfassenderes episches Werk, einen Roman, zu schreiben. Auch seine Freunde forderten ihn recht eindringlich dazu auf. Im Russischen gab es dieses Genre bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht (Die toten Seelen von Gogol sind ein Einzelfall) und auch im westeuropäischen Raum war der Roman im heutigen Sinn noch recht jung; erste Vertreter waren Alexandre Dumas der Ältere (*1802, †1870) mit seinen pseudohistorischen Abenteuerromanen wie z. B. Die drei Musketiere (1844), Der Graf von Monte Christo (1846) und Das Halsband der Königin (1850) und Alexandre Dumas der Jüngere (*1824, †1895) mit seinen Sittenromanen Die Kameliendame (1848), Diane de Lys (1853) und Halbwelt (1855), dazu George Sand (*1804, †1876) als Schriftstellerin sozial-psychologischer (im weitesten Sinne) Romane, die erheblichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben Westeuropas hatten, Eugénie Tour (auch: Evgenija Tur, *1815, †1892) sowie zuvor schon Antoine-François (genannt L’Abbé) Prévost (*1697, †1763) mit seiner Manon Lescaut und Jacques-Henri Bernadin de Saint-Pierre (*1737, †1814) mit Paul et Virgine.


09-08-2012 Essay-Kultur
[Literaturessay von Hanns-Martin Wietek] In den Jahren von 1844 bis zu seinem Tod 1883 hat Iwan Sergejewitsch Turgenjew 33 Novellen und Erzählungen, sechs Romane und dazu noch die 25 Erzählungen geschrieben, die zu den Aufzeichnungen eines Jägers zusammengefasst sind. Die 33 Novellen lassen sich – entlang seines Lebenswegs – in drei Perioden gliedern, wobei der Übergang von der zweiten zur dritten Periode fließend ist:
Bis in die Mitte der 1850er-Jahre – etwa bis zu Turgenjews 30. Lebensjahr – reicht die Periode der frühen Erzählungen. Hier finden sich noch viele Anklänge an Puschkin (*1799, †1837), Lermontow (*1814, †1841) und Gogol (*1809, †1852), Liebeslyrik und Landschaftsbilder spielen noch keine so zentrale Rolle. Liebe wird leicht satirisch behandelt und damit kann auch kein Entsagungsschmerz aufkommen. In diese Phase fallen: Andrej Kolosow (1844), Der Raufbold (1846), Drei Porträts (1846), Der Jude (1847), Petuschkow (1847), Tagebuch eines überflüssigen Menschen (1850), Drei Begegnungen (1852), Mumu (1852) und Die Herberge (1852). Im Jahr 1852 erschienen dann die thematisch einheitlichen Aufzeichnungen eines Jägers.


04-08-2012 Essay-Kultur
[Literaturessay von Hanns-Martin Wietek]

Die Umstände, die
Turgenjews Leben geprägt haben, beeinflussten natürlich Turgenjews literarisches Schaffen – und das mehr als bei anderen Schriftstellern.

Er selbst betonte in vielen Briefen, dass er „nach dem Leben" schreibe, dass er viel selbst Erlebtes und von anderen Erfahrenes verwende. Das ging so weit, dass er seinen Personen sogar die äußeren Züge von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen verlieh; er griff die Wesenszüge seiner Mitmenschen auf, spitzte sie zu, um das Wesentliche herauszukristallisieren, und verwendete sie – was ihm mehrere Male heftigen Ärger einbrachte und sogar zu Zerwürfnissen führte. Rein fiktionale Wesen waren seine Sache nicht. Und Turgenjew war ein rastloser Mensch, der viel herumreiste und zwangsläufig viele berühmte und ganz einfache Menschen kennenlernte und Gewöhnliches und Außergewöhnliches erlebte; das brachte viel „Material“ für sein Schreiben. Noch auf dem Totenbett diktierte er seiner Lebensgefährtin Pauline eine Geschichte, die er auf seiner ersten Reise nach Berlin erlebt hatte, als das Schiff Nikolaus I., das zwischen St. Petersburg nach Lübeck verkehrte, in Brand geriet: Brand auf dem Meer (1883).

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