Fake-Skandal des ZDF: Deutscher Mainstream rudert gemeinsam – Rossija behauptet Neues

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[von Roland Bathon] Im Skandal um einen mutmaßlichen Fake bei der ZDF-Reportage „Machtmensch Putin“ (wir haben mehrfach berichtet) hat das russische Staats-TV einen zweiten Bericht mit Behauptungen erstellt, während auf der anderen Seite nun mehrere deutsche Mainstreamer den angegriffenen Mainzelmännchen als pseudo-neutrale Berichterstatter mit puren Unterstellungen an die „Russen“ zur Seite springen.

Deutsche Mainstream-Front um die Mainzelmännchen

Alles passt auf beiden Seiten der Presse-Kampfarena im Clinch um den ZDF-Report „Machtmensch Putin“ zu perfekt. Der Kronzeuge, um den sich alles dreht ist laut russischen Staats-TV ein abgestürzter, geskripteter Alkoholiker, laut deutscher Presse könne der maßgeblich beteiligte freie Producer Bobkow nicht aussagen, weil er „bedroht werde“ und der Kronzeuge wäre nun wahrscheinlich von den Russen „unter Druck gesetzt“, wo er Dinge sagt, die dem ZDF nicht gefallen. Beide Seiten nutzen den Konflikt nicht zur kritischen Reflektion ihrer Handlungen, sondern lediglich zur fortgesetzten Präsentation der üblichen Klischees über die andere Seite. Auch die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche bekleckern sich in ihrer als neutral bezeichneten Berichterstattung über den Skandal nicht gerade mit Ruhm. Nachdem erst als angeblich unbeteiligte Dritte der Rahmen beschrieben wird, werden im folgenden Text der Berichte die  Rechtfertigungen  des ZDF mit keinem Wort in Zweifel gezogen, bezüglich der russischen Anschuldigungen jedoch mit Vokabeln wie „Propaganda“ und Unterstellungen versucht, diese schon durch die Wortwahl zu entkräften.  Das ZDF wird von der Süddeutschen gleich mehrfach zitiert, die russische Seite nach einer Stellungnahme zu den Entgegnungen des ZDF nicht einmal angefragt.

Zweiter Rossija-Beitrag ohne  Beweise, aber mit Behauptungen

Der nun für seine vorgebliche Enthüllung von der einhelligen deutschen Pressefront angegriffene Staatssender Rossija hat dann in einem zweiten Beitrag kurz vor Silvester nochmals nachgelegt. Dort wird zunächst der Eindruck erweckt, die deutschen Journalistenkollegen wären entsetzt vom Verhalten des ZDF – ein Eindruck, der wohl maximal auf  eigene Gefolgsleute des russischen Staats-TV in Deutschland zutrifft, die vom ZDF aber ohnehin dauer-entsetzt sind. Dass die anderen großen deutschen Medien den öffentlich-rechtlichen im Gegensatz zur Rossija-Schilderung die Stange halten, verschweigt man im Beitrag, sondern versucht aktiv, dem Zuschauer das Gegenteil zu suggerieren. Ein weiterer Streitpunkt sind die Verletzungen an den Füßen, die der Kronzeuge laut ZDF im Donbass erlitten und laut Rossija nicht erlitten hat (da er dort nicht gekämpft haben soll). Hier zeigt Rossija unverwundete Füße leider so geschnitten, dass sie jedem gehören könnten, die Krankenhausbehandlung wird von einer unbekannten Krankenhausangestellten bestritten und eine russische Namensliste gezeigt, die alle natürlich ebenso manipuliert sein könnten, wie der ZDF-Beitrag. Auch der vorgezeigte Pass des Kronzeugen, der beweisen soll, dass er im Gegensatz zur ZDF-Schilderung gar nicht verheiratet ist, wird mit mehreren Bildschnitten präsentiert, so dass hier natürlich auch mehrere Pässe zu sehen sein könnten. Die einzigen Aufnahmen, die zweifelsfrei vom Pass des Kronzeugen kommen, beweisen die vorgetäuschte Eheschließung nicht, sondern bestätigen nur Namen, Geschlecht und Geburtsdatum. Die Beteiligung des Kronzeugen an den Kämpfen im Donbass wird von entsprechenden Rebellenkommandeuren bestritten, die natürlich ebenso nicht unbedingt neutrale Zeugen sind.

Schlüsselbeweis bleibt das Donbass-Rohmaterial

Ein wirklich belastendes Detail präsentiert Rossija ganz am Beitragsende – ein neues „Arbeitsangebot“ des ZDF-Manns Bobkow für den Kronzeugen per Mailbox-Nachricht vor den russischen Enthüllungen. Hier ließe sich in der Tat anhand der Stimme vergleichen, ob es von Bobkow selbst stammt. Eine Schlüsselfunktion hätte generell weiter das Rohmaterial des ZDF aus dem Donbass, das eben dieser Bobkow erstellt hat. Dieses wird im Rossija-Beitrag nochmals wirkungsvoll aufgegriffen und die einzige Stellungnahme des ZDF hierzu ist besonders schwach: Es läge dem Sender nicht vor. Wie kann dem Macher einer Reportage Rohmaterial seines eigenen Reports nicht vorliegen? Woraus hat er dann die Dokumentation geschnitten? Mehrere Szenen präsentierte Rossija als Schlüsselbeweise für einen Fake, etwa als dem Kronzeugen Dinge vorgemacht oder vorgesagt wurden. Was würde das besser entkräften, als die Szenen, die ausschnittsweise im ZDF-Beitrag vorkommen, einfach in voller Länge ohne Bearbeitung? Hier ist der wahre Schwachpunkt der Verteidigung des ZDF, dass den Verdacht erhärtet, dass unabhängig von allem Gedöns des russischen Staats-TV durchaus etwas wahres am Fake-Vorwurf gegen das ZDF sein könnte. Egal ob böswillig oder „in die Falle gelockt“ liegen hier schwere Anschuldigungen in der Luft, die vom ZDF ohne plausible Begründung in keiner Weise entkräftet wurden.

Das ZDF ist nicht unschuldig, weil es das ZDF ist

Wir wollen hier – im Gegensatz zur Süddeutschen oder FAZ – nicht das ZDF von allen bösen Verdächtigungen frei sprechen, nur weil es das ZDF ist. Denn auch das ZDF betreibt – ebenso wie Rossija – seine Russland-Berichtererstattung mit einem vorgefertigten Ziel und was nicht ins Bild passt, wird nicht berichtet. Warum kann man nur den „Russen“ zutrauen, da auch die Realität für das gewünschte Bild einmal etwas hinzubiegen? Sollte man nicht als neutraler Berichterstatter mehr alle vorliegenden Indizien kritisch durchleuchten, wie wir das hier auch mit den russischen getan haben? Bei dieser Kontrollfunktion hat die deutsche Presse in ihren Begleitartikeln auf voller Linie versagt. Wenn der – nicht nur im Bezug auf die angegriffenen Teile – reißerische ZDF-Beitrag eine positive Funktion hatte, dann die, die fragwürdige Rolle professioneller Berichterstatter mit vorgefertigten Meinungen im Bezug auf Russland nochmals zu verdeutlichen.

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.