Gazproms Preise – je nach Wohlverhalten?

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[Dr. Christian Wipperfürth] Freunde Russlands zahlen niedrige Gaspreise, Kontrahenten hingegen hohe. Diese Einschätzung liest man oft. Sie ist gleichwohl falsch.

Auf den ersten Blick ist an der These der „politischen Preise“ etwas dran. So mussten Polen und Litauen, zwei „russlandkritische“ Länder etwa 2014 etwa dreimal so viel für 1000 Kubikmeter an Gazprom zahlen wie Weißrussland.

Das lässt sich jedoch gut erklären: Weißrussland hat sein Gastransitnetz an Gazprom verkauft, sodass keine Transitgebühr mehr anfällt, was auch den Abnehmern zu Gute kommt. Vor allem jedoch ist Belarus der Zollunion mit Russland und Kasachstan beigetreten, sodass der sehr erhebliche Gasexportzoll (eine wichtige Einnahmequelle des russischen Staats) entfällt, wovon auch die weißrussischen Kunden profitieren.

Es gab gleichwohl darüber hinaus so erhebliche Unterschiede bei den Verkaufspreisen Gazproms an verschiedene Länder, dass ernsthafte Fragen entstehen:

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Verständlich, dass Polen klagt. 2014 sah das Bild jedoch anders aus. In diesem Jahr hatten die relativ „russlandfreundlichen“ Länder Bulgarien, Griechenland und Serbien, alles orthodoxe Länder, mehr zu zahlen als unsere unmittelbaren östlichen Nachbarn.

Wie ist das zu deuten? Dass sich die Preise an „Wohlverhalten“ gegenüber Russland orientieren ist nicht stichhaltig.

Der Energiefachmann Roland Götz[i] schreibt:

„Die Exportpreise von Gazprom nehmen generell von Nordost nach Südwest ab, obwohl in dieser Richtung wegen der höheren Transportkosten ihr Anstieg plausibel wäre. Grund ist die ‚europäische Preisformel‘ (‚Groningen-Modell‘) der Gaspreisbildung, die Gazprom bei seinen Gasexporten nach Westeuropa von Anfang an anwandte und auch schrittweise in seine Gaslieferverträge mit den ostmittel- und südosteuropäischen Staatsfirmen aufnahm. Sie berücksichtigt neben der Entwicklung des Ölpreises in einem ‚Basispreis‘ die Wettbewerbsverhältnisse (die Marktmacht von Gazprom) nach dem Prinzip: niedriger Wettbewerb – hoher Preis und umgekehrt. Daher muss Gazprom sein Gas in Ländern wie Deutschland und Frankreich, wo es mit Gas aus Norwegen und Nordafrika konkurriert, trotz höherer Transportkosten billiger anbieten als in geographisch näheren ostmitteleuropäischen Ländern, die es fast exklusiv beliefert. In dem von der EU-Kommission angestrengten Wettbewerbsverfahren wird dieses Preisbildungsprinzip überprüft, ohne das Gazprom politische Motive unterstellt würden.“ (Roland Götz, Billiges Gas für Russlands Freunde?, in: „Osteuropa“ 4/2015, S. 25-28, hier S. 27)

Verbindungen zwischen den Gasnetzen der einzelnen europäischen Staaten sind also sinnvoll, sie wurden in den vergangenen Jahren auch zunehmend in Betrieb genommen. Dies hat dazu geführt, dass die Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Ländern in den vergangenen Jahren stetig abgenommen haben.

Dass Polen über einige Jahre hinweg derart ungünstige Lieferverträge mit Gazprom abschließen musste hat sich Warschau übrigens selbst zuzuschreiben: Die Bundesregierung bot Warschau vor über zehn Jahren an, das deutsche und polnische Gasnetz miteinander zu verbinden. Dies hätte die polnische Verhandlungsposition gegenüber Gazprom entscheidend verbessert. Warschau mochte auf das deutsche Angebot für Diversifizierung und mehr Wettbewerb aber nicht eingehen.

Es gab allerdings eine Zeit, in der „Brudervölker“ von Russland über viele Jahre hinweg Gas zu deutlich ermäßigten Preisen erhielten, und sie liegt noch nicht so lange zurück:

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Diese Länder sahen darum keine Veranlassung, ihre Importe zu diversifizieren. Litauen bspw. warnte nach außen vor einer von Russland ausgehenden Gefahr, handelte jedoch entgegengesetzt. Es bezog unverändert all sein Gas aus Russland und bemühte sich nicht um andere Lieferanten (was möglich gewesen wäre und seit einigen Jahren schrittweise geschieht). Weil es sehr günstig war.

Seit 2005 strebt Moskau an, von allen seinen Kunden Marktpreise zu erzielen. Dies war auch eine der Bedingungen westlicher Länder, um einem WTO-Beitritt Russlands zustimmen zu können. Die Preisnachlässe für Länder, die ehemals der UdSSR angehört hatten wurden somit schrittweise zurückgefahren. Dies führte wiederholt zu scharfen Konflikten mit den Abnehmern.

 

[i] Roland Götz war bis zu seiner Pensionierung jahrzehntelang an der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (bzw. seinem Vorläufer, dem „BIOst“) tätig, das vom Bundeskanzleramt finanziert wird. Ich schätze seine kenntnisreichen und abgewogenen Analysen.

Quellenangaben:

Erste Graphik: http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2013/02/19/why-gazprom-is-in-trouble-in-one-chart/, nach Angaben der Zeitung „Iswestja“

Zweite Graphik: www.laender-analysen.de/ukraine/pdf/UkraineAnalysen50.pdf, S. 13

 

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.