Gegen diesen Aggressor helfen keine Kalaschnikows

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Russland schnieft und hustet – die Grippe besetzt immer mehr Gebiete des Riesenreiches. Allen voran der Erreger H1N1, eine Variation der Schweinegrippe. Jeden Tag erkranken Tausende Kinder und Erwachsene. Die russische Verbraucherschutzbehörde spricht bereits von einer landesweiten Epidemie, da der Schwellenwert bereits um etwa 30 Prozent überschritten ist.

Eine komplizierte Situation bei Atemwegserkrankungen wird in 13 russischen Regionen beobachtet. Bei jedem zweiten Erkrankten wird als Auslöser das Schweinegrippenvirus identifiziert. Das Ministerium für Gesundheitswesen spricht von bislang über 60 tödlich verlaufenen Fällen, dabei sind 15 an dem Erreger A H1N1 gestorben.

Allerdings stellt sich die Situation in den einzelnen Regionen durchaus unterschiedlich dar. Am meisten leiden derzeit die Einwohner von Sankt Petersburg unter der Viruserkrankung. Bereits am 22. Januar hatte Rospotrebnadsor den Ausbruch einer Grippe-Epidemie in St. Petersburg erklärt. Insgesamt sind in der nördlichen Metropole über 200.000 Grippeerkrankungen bekannt, 15 verliefen tödlich, wobei unter den Toten zwei schwangere Frauen sind. Jeden Tag erkranken rund 11.000 Petersburger. In die Krankenhäuser der Stadt wurden bislang knapp 1.000 Grippepatienten eingewiesen fast dreimal so viel wie auf dem Höhepunkt der Grippewelle im Februar vergangenen Jahres.

Ungeachtet dieser Situation schließen Ausbildungseinrichtungen nur in Ausnahmefällen – auf Entscheidung des Direktors oder Rektors.

Die Behörden sprechen auch von überaus kritischen Situationen in Wolgograd und Adygeja. Unter Quarantäne wurden Jakutien, Adygeja, Karelien, die Iwanowoer und Wologdaer Gebiete sowie seit gestern die Halbinsel Kamtschatka gestellt. Das bedeutet unter anderem das Verbot von Massenveranstaltungen in geschlossenen Räumlichkeiten, die Pflicht zum Tragen von Masken in öffentlichen Einrichtungen und in Betrieben und die tägliche Kontrolle des Krankenstandes in Schulen und Kindergärten. Im ganzen Land betrifft das derzeit 800 Bildungseinrichtungen. Diese Maßnahme wird damit begründet, dass über die Hälfte der an Grippe Erkrankten Kinder sind.

Heute wurde in Moskau offiziell der Beginn der Grippeepidemie festgestellt. Die Schwelle der Erkrankungshäufigkeit habe fast 40 % überschritten, heißt es in der Mitteilung der Chef-Hygieneinspektorin der Hauptstadt, Jelena Andreewa.

In den letzten fünf Tagen ist die Zahl der Erkrankten in Moskau um elf Prozent gestiegen, in vielen Apotheken Moskaus fehlen Gesichtsmasken und Erkältungs-Medikamente. Die Moskauer und die Gäste der Hauptstadt kaufen alles, was bei der Prophylaxe und bei der Behandlung der Grippe helfen kann.

Während Behörden, Gesundheitseinrichtungen und die Bürger Russlands versuchen, die Grippewelle in den Griff zu bekommen, hat Wadim Solowjow, KPRF-Abgeordneter in der Staatsduma den Schuldigen ausgemacht – die USA. Dem „Russischen Nachrichtendienst“ erklärte er:

„Die Amerikaner führen bis heute einen aktiven bakteriologischen Krieg gegen Kuba, das heißt sie haben eine sehr hoch entwickelte Technologie. Die derzeitige Grippewelle ist von der Ukraine ausgegangen. Ich schließe nicht aus, dass die Amerikaner von hier aus in dieser Situation einen solchen Krieg gegen unser Land beginnen“, so die Verschwörungstheorie des kommunistischen Abgeordneten.

Der Abgeordnete forderte, dass sowohl das Ministerium für Gesundheitswesen, als auch in die Generalstaatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB nach den Kanälen für das Infiltrieren des Virus nach Russland suchen sollen.

Ungeachtet dessen geht die Verbraucherschutzbehörde davon aus, dass die gegenwärtige Epidemie in zwei bis drei Wochen abklingt.
(Hartmut Hübner/russland.ru)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.