IN RUSSLAND STEIGT DIE ARBEITSLOSIGKEIT

Sinkende Realeinkommen und einbrechender Konsum / Personalrekrutierung wird dafür leichter

arbeiter-kolchosbaeuerin
image_pdfimage_print

Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Russlands Arbeitsmarkt ist 2016 von sinkenden Realeinkommen und steigender Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Unternehmen haben es dadurch zwar leichter, freie Stellen schneller und kostengünstiger neu zu besetzen. Niedrigere Lohnstückkosten erhöhen zudem die internationale Wettbewerbsfähigkeit der russischen Wirtschaft. Doch fällt der private Verbrauch als Wachstumsstütze damit weitgehend aus – sehr zum Leidwesen der Hersteller von Konsumgütern.

Dass die Realeinkommen sinken, hat mehrere Gründe. Zum einen hinken die nominalen Lohnerhöhungen krisenbedingt seit Monaten hinter der allgemeinen Preissteigerungsrate hinterher. Dies führte 2015 bereits zu Reallohneinbußen von 9,5%. Für 2016 sagt das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung einen erneuten Rückgang um 3,5% voraus.

Zum anderen wird 2016 laut gleicher Quelle die Arbeitslosenrate von 5,8 auf 6,3% steigen. Gute Nachricht für Unternehmen: Offene Stellen sind wegen der zunehmenden Beschäftigungslosigkeit leichter als bislang zu besetzen. Bewerber für neue Stellen müssen sich wiederum mit moderaten Löhnen begnügen.

statistik

Quellen: Zentralbank Russlands, Föderaler Statistikdienst, Moskau, 2016

Gehaltsentwicklung bleibt 2016 insgesamt starr

Landesweit ist 2016 mit keinen großen Ausschlägen bei den nominalen Durchschnittsgehältern auf Rubel- Basis zu rechnen. Bei einer Befragung von etwa 3.000 Unternehmen durch das Portal Superjob gaben 21% von ihnen an, 2016 nominale Lohnanhebungen zu planen. Weitere 39% wollen ihr Lohnniveau zumindest halten. Der Rest der Firmen, das heißt 40%, kürzt Gehälter.

Steigen werden die Löhne vorrangig in den Branchen Bau und Transport. Das ist auf den hohen Abgang von Gastarbeitern aus Zentralasien nach der starken Rubelabwertung 2014/2015 und die aktuelle Behinderung türkischer Bau- und Transportfirmen zurückzuführen. Die entstandenen Personallücken müssen nun mit einheimischen Arbeitskräften gefüllt werden. Die Löhne steigen auch in Unternehmen, die Produkte zur Importsubstitution erzeugen und dafür qualifizierte Arbeitskräfte suchen.

Ein konstantes Lohnniveau wird bei den Herstellern von Arzneimitteln, Nahrungsmitteln sowie Textil und Bekleidung erwartet. Gehaltskürzungen setzen vor allem Branchen mit bislang überdurchschnittlichem Lohnniveau beziehungsweise mit starken Nachfrageeinbrüchen durch, in erster Linie die Finanzwirtschaft und Unternehmensberatungen, aber auch Reisebüros und Tourismusfirmen, der Fahrzeugbau, die Massenmedien und die Unterhaltungsindustrie.

Reallöhne steigen frühestens 2017/18

Vor 2017 ist nicht mit einer Trendwende bei der Reallohnentwicklung zu rechnen. Beim größten Arbeitgeber des Landes, im öffentlichen Dienst, sind wegen der aktuell besonders angespannten Haushaltslage ein Stellenabbau und eine Abkehr von inflationsindexierten Gehältern zu verzeichnen. Gehälter von Staatsbediensteten, im Übrigen auch die staatlichen Renten, werden im laufenden Jahr 2016 nur noch um 4% angehoben. Die Jahresinflation wird 2016 aber bei 8,5% liegen, prognostiziert das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung.

Personalentlassungen stehen nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der Wirtschaft an. Nach Angaben des Arbeitsministeriums haben Ende Dezember 2015 etwa 60.000 Firmen angemeldet Entlassungen für das Jahr 2016. Schon 2015 mussten sich 633.300 Personen bei den Ämtern als arbeitslos registrieren lassen.

Rubelschwäche sorgt für sinkende Personalkosten in Auslandsfirmen

Bei Auslandsfirmen, die in Euro oder US-Dollar bilanzieren, sinken die Personalkosten infolge der anhaltenden Rubel-Abwertung. Das ist interessant für Firmen, die eine Lokalisierung in Russland erwägen. Sinkende Lohnstückkosten auf Dollar- oder Euro-Basis verbessern schließlich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern, die mit Russland um ausländische Investoren konkurrieren.

Privater Konsum geht 2016 erneut zurück

Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung geht für 2016 davon aus, dass der private Konsum um 2,5% sinkt. Im Folgejahr 2017 könnte der Verbrauch gemäß gleicher Quelle wieder ansteigen, allerdings um weniger als 1%. Für Hersteller kurz- und langlebiger Konsumgüter sind sinkende Realeinkommen und steigende Arbeitslosenzahlen aber eine denkbar schlechte Basis für ihre Absatzaussichten im laufenden Jahr. Egal, ob Möbel, Elektrohausgeräte, Bekleidung, Sportartikel oder Pkw, die Nachfrage privater Haushalte danach bricht 2016 das zweite Jahr in Folge ein.

Geschäftsaufgabe im Einzelhandel auf der Tagesordnung

Geschäftsaufgaben im Einzelhandel und bei Restaurants sind in den russischen Städten nicht mehr zu übersehen. In früher belebten Einkaufsvierteln und Shopping-Malls klaffen inzwischen „Zahnlücken“ – verwaiste Geschäfte oder aktuell nicht vermietbare Gewerbefläche. Noch werden immer neue Einkaufszentren fertig gestellt – Projekte, die zeitlich weit vor Beginn der Wirtschaftskrise angestoßen wurden. Es werden jedoch zurzeit kaum Bauvorhaben begonnen.