Kissingers Vision für neue USA-Russland-Beziehungen

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Kissinger, wohl das letzte Urgestein der Weltpolitik, ein Mann der schon heute Geschichte ist, hat am vergangenen Mittwoch Präsident Putin besucht. Er kam, wie offiziell betont wurde, als Privatmann und wurde von Putin auf das Herzlichste begrüßt.

Über den Inhalt des „privaten“ Gesprächs wurde nichts bekannt, jedoch veröffentlichte das »National Interest Magazine« am folgenden Tag einen Artikel Kissingers zu Ehren des im letzten Jahr verstorbenen Ewgenij Primakow, mit dem er in all den Jahrzehnten trotz aller unterschiedlicher Meinungen fast befreundet war und den er hoch schätzte.

Der Artikel ist ein Rückblick auf die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Russland. Es war die Zeit des Kalten Krieges, in der Kissinger Außenminister und Sicherheitsberater verschiedener Präsidenten der USA war, dann die Zeit des Aufbruchs mit fast euphorischen Hoffnungen und dann die erneute Entfremdung zwischen West und Ost.

Am Ende des Kalten Krieges, so schreibt er, hatten Russen und Amerikaner die Vision einer großen strategischen Partnerschaft. Es habe auch damals unterschiedliche Vorstellungen und spezifische Probleme gegeben, aber man sah eine gemeinsame Zukunft.

Die Situation änderte sich schlagartig, als Ende März 1999 die NATO mit dem Bombardement Jugoslawiens begann. Primakow, damals Premierminister Russlands, war auf dem Weg in die USA und ließ, als er die Nachricht bekam, sein Flugzeug umkehren. Dies war ein symbolischer Akt und laut Kissinger empfand die US-Regierung das als einen deutlichen Affront.

Ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Gewichtung der eigenen Interessen und die strategische Partnerschaft waren leere Worte, wenn man überhaupt noch davon sprach. Jetzt wurde auch deutlich, dass beide Staaten das Ende des Kalten Krieges unterschiedlich interpretierten: Für die USA hatte das freiheitlich-demokratische System gesiegt und die Welt war unipolar mit den USA an der Spitze und Russland erlebte eine historisch gewachsene Furcht vor Einkreisung und Bedrohung seiner Grenzen.  Aus Kooperation wurde Konfrontation, die sich beständig verstärkte. Noch nie seit dem Kalten Krieg seien die Beziehungen schlechter gewesen als heute.

Es bestünde heute ein philosophisches Problem: Wie sollen die USA mit einem Land zusammenarbeiten, das nicht sein Wertesystem teile, und wie solle Russland seine Grenzen sichern, ohne seine Nachbarn zu beängstigen.

Die Gefahr, so Kissinger, „ist heute weniger eine Rückkehr zur militärischen Konfrontation als die Konsolidierung einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung in beiden Ländern. Die langfristigen Interessen beider Länder fordern eine Welt, die die zeitgenössischen Turbulenzen und Hin- und Herflüsse in ein neues Gleichgewicht verwandelt, das zunehmend multipolar und globalisiert ist.“

Bis vor kurzem wurde die Macht eines dominierenden Staates international als Bedrohung empfunden, heute sind der Zerfall von Macht und Staaten und das daraus entstehende Machtvakuum eine Bedrohung.

Die USA und Russland haben gar keine andere Wahl, als zusammenzuarbeiten und die Probleme gemeinsam anzugehen.
Die Ukraine müsse „in die Struktur der europäischen und internationalen Sicherheitsarchitektur in der Weise eingebettet werden, dass sie als Brücke zwischen Russland und dem Westen dient, und nicht als ein Außenposten von beiden Seiten. Was Syrien betrifft, so ist es klar, dass die lokalen und regionalen Parteien keine eigene Lösung finden werden. Gemeinsame amerikanisch-russische Bemühungen koordiniert mit anderen Großmächten könnten ein Muster für eine friedliche Lösung im Nahen Osten und vielleicht auch anderswo. schaffen.“

Man müsse sich fragen „Was sind die Trends, die die alte Ordnung und Gestaltung der neuen erodieren? Welche Herausforderungen stellen die Änderungen an russische und amerikanische nationale Interessen? Welche Rolle spielt jedes Land bei der Gestaltung dieser Reihenfolge  und welche Position kann es sinnvoll hoffen letztlich in dieser neuen Ordnung zu besetzen? Wie bringen wir die sehr unterschiedlichen Konzepte der Weltordnung, die in Russland und den Vereinigten Staaten – und in anderen Großmächten – auf der Basis von Erfahrungswerten entwickelt wurden, zusammen? Das Ziel sollte ein strategisches Konzept für amerikanisch-russischen Beziehungen sein, innerhalb derer die Streitpunkte entwickelt und verarbeitet werden können.

Ich habe den größten Teil der letzten 70 Jahre in der einen oder anderen der US-russischen Beziehungen verbracht. Ich war in den Entscheidungszentren, als Warnstufen angehoben wurden und ich war auf gemeinsamen Feiern diplomatischer Erfolge. Unsere Länder und die Völker der Welt brauchen eine dauerhafte Perspektive.

Ich bin hier, um für die Möglichkeit eines Dialogs zu argumentieren, der unsere Zukunft zu verschmelzen sucht, anstatt Konflikte zu erarbeiten. Dies erfordert Respekt von beiden Seiten für die vitalen Werte und Interessen der anderen.“
(Hanns-Martin Wietek/russland.ru)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit zehn Jahren bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.