Kommentar: Russische Panzerwracks vermisst

Kommentar zur nächsten Ostukraine-Sensation und der Hoffnung auf eine neue Ente

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Die Meldung der gestrigen Nacht klang nach der großen Botschaft, auf die offenbar viele westliche Journalisten schon gewartet haben. Eine Kolonne russischer Panzer habe unter zwei britischen Zeugen die Grenze in die Ukraine überquert.

Die Nachricht kam zur rechten Zeit. Westliche Kriegsschreiber vom Format einer „Die Welt“ oder dem Spiegel waren nach ihrem „Flugzeugcoup“ schon fast etwas in die Defensive geraten. Wollten doch keine Beweise für eine eindeutige separatistische oder russische Schuld des MH-17 Abschusses auftauchen, den man vorschnell als Tatsache hingestellt hatte. Übten sich westliche Untersucher plötzlich in Geheimniskrämerei und passten Einschusslöcher auf dem Flugzeugwrack gar nicht mehr zum postulierten BUK-Abschuss. Waren eine Reihe von eigenen Propagandastories in diesem Zusammenhang offensichtlich als das enttarnt worden, was sie waren, selbst hinein bis in öffentlich-rechtliche Redaktionsstuben.

Endlich die Meldung auf die man gewartet hat, die so richtig „bamm!“ macht, wieder große Schlagzeilen beschert und den Russen den Schwarzen Peter aufs neue zu schiebt – russische Panzer in der Ukraine. Da muss man nicht so viel herum manipulieren, um das als negative Nachricht darzustellen, wie bei einem Hilfskonvoi, wo man sich zu letzt sogar auf eine Analyse der Füllstände der Trucks herablassen musste. Zwei westliche Augenzeugen-Journalisten als kostenlose Zugabe geschenkt. Das war auch gut, denn die ukrainische Regierungspost als ständige Alleinquelle solcher Meldungen hatte sich trotz blinder Abschreiberei doch schon etwas abgenutzt. Und was ist verlässlicher als ein Augenzeugenbericht eines westlichen Mainstream-Journalisten – in den Augen eines anderen westlichen Mainstream-Journalisten?

Dann ging die Story sogar nocht weiter. Die Ukrainer meldete die Zerstörung fast aller eingedrungenen Panzer – tief im eigenen Hinterland. Besser hätte es nicht laufen können. Gleichzeitige Meldungen der anderen Seite, wie die geplante Zerstörung des russischen Hilfskonvois durh die berüchtigte Asow-Brigade, konnte man nun wieder guten Gewissens ignorieren und sich notfalls auf den hohen News-Wert richtiger Kriegshandlungen berufen. Der Dax brach ein – wie passend – noch mehr News, um Panik zu machen. So macht westlicher Heldenjournalismus Spaß!

Es war einer jener Momente wie damals beim Auftauchen der „kleinen grünen Männchen“ in der Krim-Krise, der auch ernsthaften Freunden Russlands in Mitteleuropa die Sorgenfalten in die Stirn trieb. Denn wer – außer rechten Putin-Fans – vertraut schon ernsthaft auf die deeskalierenden Absichten der national-konservativen Regierung Russlands? Wer möchte schon „Einiges Russland“ und seinen Funktionärsapparat als ideale Führungskraft für das Land bezeichnen? Die sarkastische Freude über eine weitere von Russland verschuldete Eskalation schien ganz auf Seiten der Apostelpresse der westlichen Welt. Das russische Dementi der ganzen Sache glaubte deshalb zunächst kaum jemand wirklich.

Doch da fehlte etwas. Dem Kommentator fiel es auf, als er am heutigen Morgen eine ansonsten weitgehend vergessene ostukrainische Meldung über Kämpfe in einem Ort namens Miusinsk las. Die Rebellen hatten den Ort von den Regierungstruppen zurück erobert. Als erstes hatten sie Fotos von sich in den Straßen geschossen – als Beweis dafür, dass sie Miusinsk nun wieder beherrschen und natürlich sofort online gestellt. Nicht, dass es irgend jemand im Westen interessiert, was in einem Örtchen namens Miusinsk passiert.

Das Entscheide ist etwas anderes: Wenn die ukrainische Armee (tief) auf eigenem Gebiet russische Panzer vernichtet, warum kostet sie diesen unermesslichen Propagandaerfolg nicht aus, lichtet gleich die rauchenden Trümmer der Feindpanzer ab und stellt das Material den guten Freunden von der westlichen Mainstreampresse zur Verfügung? Diese würden es um die Welt schicken und schon würden ein paar zerstörte Panzer im Propagandakrieg einen überwältigenden Sieg bedeuten. Die bösen Russen ein erneutes Mal enttarnt. Immerhin sollen die Panzer ja laut ukrainischen und britischen Meldungen ganz offiziell als russische Armeefahrzeuge gekennzeichnet gewesen sein. So etwas ist in der Regel auf solchen rauchenden Trümmeraufnahmen gut zu sehen – vielleicht sogar ein paar tote russische Soldaten als „Zugabe“?

Doch nichts dergleichen geschah. Alleine gelassen mussten westliche Journalistenhelden in Donezk (gemeint ist der russische Grenzort, wo sich momentan Journalisten stapeln) in Russland herumfahrende Panzer kritisieren, sei es ihre Anzahl oder ihre teilweise Bemalung als Teil einer Friedensmission. Oder US-Proteste über das „aggresive Verhalten“ Russlands zitieren, die sich in etwa ebenso abgenutzt haben, wie ukrainische Regierungsmeldungen über ständiges eigenes Siegen. Es ist ja auch die Frage, warum in Nachbarschaft zu einem Kriegsgebiet im russischen Donezk keine russischen Panzer herumfahren dürfen.

Wie soll es nun weiter gehen? Können ARD-Helden vom Schlag einer Golineh Atai doch noch die „bösen Russen“ enttarnen, indem sie in die Kameras der Tagesschau (nun nicht mehr rauchende) Trümmer russischer Panzer auf ukrainischem Boden präsentieren? Ihr Bericht in der ARD suggeriert ja bereits äußerst geschickt – ohne Beweise zu besitzen – dass die Russen wieder etwas böses im Schilde führen. Oder werden die Trümmer komischerweise so zerstört sein, dass man ihre Herkunft nicht mehr genau bestimmen kann, wie bereits die russische Regierung unkte und beide Seiten fühlen sich dann im Recht? Oder wird es gar die Aufnahmen von den abgeschossenen russischen Panzern nie geben und man wird sich wieder einmal ernsthaft fragen müssen, mit  welcher Absicht britische Mainstream-Journalisten die ebenso nicht gerade für Neutralität bürgen, diese Meldung an die Weltöffentlichkeit weiter gaben? Wer sind die Kronzeugen der Westjournalisten eigentlich? Wie werden solche Meldungen gemacht und warum?

Der Autor dieser Zeilen wagt hier keine Prognose, denn zu trauen ist in diesem Konflikt niemandem – weder der westlichen, noch der ukrainischen nocht der russischen Politk, weder der großen Westpresse noch russischen Regierungsmedien. Es ist lediglich aus einem Grund zu hoffen, dass sich die russische Panzerkolonne in der Ukraine als neue Ente heraus stellt: Damit uns allen und vor allem den Einheimischen vor Ort eine weitere Eskalation des Bürgerkriegs im Donbass erspart bleibt.

Roland Bathon – russland.RU – Foto: Info Korpus, Creative Commons, zerstörter ukrainischer Panzer, sofort gefilmt und ins Netz gestellt von den Separatisten

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.