Kommentar zum Fall Lisa: Russische Kollektivschuld

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[von Roland Bathon] Wenn die Bild-„Zeitung“ eine Falschmeldung verbreitet – haftet dafür der Spiegel? Haftet der Spiegel dafür, wenn die Falschmeldung auch vom Focus und der Frankfurter Allgemeinen übernommen wird, oder von vielen anderen Zeitungen? Natürlich nicht, so lange er sie nicht selbst übernimmt. In Russland ist das anders – jedenfalls in den Augen vieler deutscher Journalisten und „aufgeklärten“ Internet-Nutzer.

Kein russisches Kollektiv …

Die von den großen russischen Staatssendern und dem russischen Mainstream lancierte Vergewaltigungs- und Entführungsthese im Missbrauchsfall Lisa aus Berlin wurde von einer  Reihe von russischen Zeitungen und Sendern nicht mitgetragen – neben liberaler Presse auch nicht von russland.RU. Wir haben erstmals am 22.01. über den Fall berichtet, da er durch den entstandenen Pressekrieg zwischen deutschen und russischen Medien eine politische Dimension bekommen hatte – ohne unser Zutun. Aber genau das betraf unsere Kernarbeit, denn wir sind eine unabhängige russische Onlinezeitung mit deutschen und russischen Mitarbeitern und fühlen uns eigentlich dem Gegenteil eines Pressekrieges, der russisch-deutschen Zusammenarbeit verpflichtet. Bei all den Berichten kam uns die unverhüllte Sicht des Opfers und seiner Familie (ohne Hinzudichtungen wie  Flüchtlinge) bei weitem zu kurz und so kontaktierten wir deren Anwalt und interviewten ihn am 27.1., nach der gestrigen „Enthüllungseuphorie“ gestern noch ein zweites Mal. Prügel bezogen wir derweil von russischen „Patrioten“, da wir den zur russischen Aufregung sehr kritischen Telepolis-Artikel „Angebliche Vergewaltigung – hört auf zu übertreiben“ mit dortiger Freigabe anteaserten. Auch eine umfassende Darstellung der tatsächlichen Vorkommnisse, konnte man über denselben Pressepartner bei uns lesen.

… aber kollektive Schuldzuweisung

Dennoch stehen wir jetzt unter starkem Onlinebeschuss von Leuten, die sich für aufgeklärt und weltoffen halten und uns Hetze, Panikmache und die Verbreitung von Falschmeldungen vorwerfen – ebenso wie viele deutsche Journalisten pauschal der russischen Presse. So wie die entsprechenden Leser vorher nicht recherchiert haben. Das klingt dann in etwa so: „´Journalisten´ wie ihr? (…) Es bedeutet unterm Strich nur, dass ihr von Anfang an Mist erzählt habt„. Manchmal wird es fast skurril. So verlangt bei YouTube derselbe Nutzer in zwei Posts, wir sollte Lisa nicht in die Öffentlichkeit ziehen, aber doch einmal persönlich interviewen und „nicht nur ihren Anwalt“. Das angesichts der Tatsache, dass zwei Staaten bereits ihr Privatleben diskutieren und ihr Anwalt unter anderem dazu da ist, die Sicht der Familie zu schildern, ohne dass sich diese ins Licht der Öffentlichkeit begeben muss. Vergessen wird, dass Russland ebenso wie Deutschland nicht nur aus den staatlichen TV-Sendern und ihrem Anhang besteht, dass es Gegenstücke zu primitiver Boulevardpresse ebenso gibt wie renommierte und sachlich fundiert arbeitende Zeitungen. Am verlogensten sind hier deutsche Mainstream-Journalisten, die in Russland eingesetzt sind: Sie wissen, dass beide existieren, schildern in ihren antirussischen Artikel, was die ersteren schreiben und beziehen ihre Informationen, sofern sie des Russischen mächtig sind, aus den letzteren – bevorzugt dem kremlkritischsten Anteil, der sich finden lässt. Nicht besser ist das Verhalten mancher Internetnutzer, die jetzt die Chance wittern, ihren unterschwelligen Russlandhass in Kommentare zu schmieren und dabei vom Niveau in die Tiefen hinab zu stoßen, die sonst nur von rechten Rassistenhetzern bewohnt werden.

Eklatante Fehler des russischen Mainstreams

Natürlich wurden im Fall Lisa vom russischen journalistischen Mainstream große Fehler gemacht und in der Tat passte einem ein sexueller Gewaltfall gut ins „Konzept“. Die „Avantgarde“ der russischen regierungsnahen oder -eigenen Medien wie Perwij Kanal oder RT freute sich, angesichts der westlich-medialen Dauerangriffe auf das eigene Land einmal im Schmutz dort zu wühlen, von Vertuschung und Manipulation durch deutsche Behörde zu schreiben. Dabei verarbeitete sie Material von sehr zweifelhaften, politisch deutlich rechts stehenden, deutschen Quellen. Es war eine Frage der Zeit, wann einem die eigenen Berichte bei solch einer Quellenlage – Flüchtlinge als mutmaßliche Täter, präsentiert von bekannten, rechten Seiten – um die Ohren fliegen. Arbeitet das russische Fernsehen noch häufiger so, wird das gesunkene Vertrauen der dortigen Zuschauer mit Sicherheit nochmals nach unten gehen. Ah ja, das gesunkene Vertrauen, darüber haben wir doch als „Russen“ glatt berichtet.

Wer im Glashaus sitzt …

Aber dennoch ist selbst im vorliegenden Fall die Rolle der deutschen Mainstream-Presse und ihre Einseitigkeit in der Berichterstattung nicht besser. Man betrachte nur den gestrigen Tag: Die Tatsache, dass Lisa wähend ihres Verschwindens „nur beim Freund“ war, schaffte es in die Top-Schlagzeilen aller Zeitungsartikel, die Tatsache, dass offenbar zwei Deutschtürken des sexuellen Missbrauchs des 13jährigen Mädchens zu einem früheren Zeitpunkt überführt wurden, entweder nur ganz hinten und verharmlosend als „einvernehmlich“ etikettiert (weil offenbar Sex von 13jährigen mit Erwachsenen nichts schlimmes ist) oder eben nicht berichtet. Es ist pures Glück, dass die Realität im Fall Lisa bezüglich des Vermisstenzeitaums näher an der deutschen Version ist und hätte sich etwas anderes bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit heraus gestellt, die von Lisas Anwalt übrigens mehrfach bei russland.RU gelobt wurde, wären die dummen Gesichter nicht in Moskau zu sehen gewesen.

Sicherer Verlierer: Das deutsch-russische Verhältnis

Die Zeiten im deutsch-russischen Verhältnis werden nach dem Fall Lisa nicht besser werden. Deutsche Journalisten liegen schon auf der Lauer, was als nächstes aus Moskau oder Petersburg berichtet wird, so lange sie nicht (wie die meiste Zeit) an ihrem eigenen, düsteren Russlandbild arbeiten. Wie im Beißreflex werde sie sich auf die nächste für sie zweifelhafte Meldung aus Russland stürzen. Wer diese Runde dann „gewinnt“, ist noch völlig offen, denn beim gegenseitigen Bekriegen nehmen es die Vertreter beider Seiten mit so etwas wie der „Wahrheit“ nicht so genau – hier seien die Verteidiger der deutschen Presse nur an die unseriöse Putin-Reportage des ZDF im Dezember erinnert oder die große Zahl von Falschmeldungen aus dem Ukrainekonflikt. Einen Verlierer wird es dabei auf jeden Fall geben: Die deutsch-russische Verständigung und alle die sich wie russland.RU dieser verpflichtet fühlen. Wir berichten natürlich trotzdem weiter.

Foto (c) Hanns-Martin Wietek, russland.RU

 

 

 

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.