Lebensmittel-Discounter sieht Zukunft im Embargo

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Die hiesigen Landwirte sind mächtig angefressen von Brüssel, weil ihnen die Sanktionen gegen Russland schlichtweg die Existenzgrundlagen verhageln. Die dortigen Lebensmittelproduzenten sehen indes ihre Zukunft in den wirtschaftlichen Strafmaßnahmen. Es scheint, einer hätte offenbar die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Einem Lebensmittel-Discounter in Russland geht ebenfalls das Herz ob des Embargos auf. Der Niederländer Jan Dunning, Leiter der Supermarktkette „Lenta“, plant dieses Jahr noch acht Märkte sowie 40 Hypermärkte in 11 russischen Städten zu installieren. Ein beachtlicher Zuwachs angesichts der bereits bestehenden 172 Standorten in Russland. Für Dunning eine logische Konsequenz, wie der „Lenta-Chef“ gegenüber einem österreichischen Wirtschaftsmagazin erzählte.

Der Vorjahresumsatz konnte um rund 23 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro gesteigert werden. Außerdem nutze „Lenta“, im Gegensatz zur Konkurrenz, die Zeit, um sich strategisch besser aufzustellen. „Bei Hypermärkten sind wir in Russland, gemessen an der Fläche, bereits Marktführer“, erwähnt Dunning stolz. Deshalb würden die Ausgaben für Investitionen heuer bei rund 3,5 Milliarden Euro liegen. „Wir wollen in den nächsten Jahren in einem ähnlichen Tempo wachsen.“

Positive Dynamik bei Erzeuger und Handel

Es sei nur schwer vorstellbar, aber für die „Lenta“-Konsumenten seien die Sanktionen de facto nicht spürbar. „Das Embargo hat in  Russland vielmehr einen enormen Entwicklungsschub ausgelöst“, so der Unternehmer. Ferner betont Dunning: „Erst kürzlich hat ein Unternehmer 150.000 Hektar für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung erworben. Im Grunde ist das Embargo das Beste, was uns passieren konnte“. Tatsächlichsind inzwischen bereits tausende Hektar ehemaliges Brachland an den Stadtgrenzen von Moskau oder St. Petersburg bewirtschaftet.

Zudem sei der Lebensmittelhandel in Russland ein anderer als in Westeuropa: „Die Anforderungen um Kunden anzusprechen, sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs reichte es Supermärkte einfach hinzustellen“, resümiert der Holländer. „Im Jahr 2009 habe ich zunächst eine Analyse unserer Kundenstruktur veranlasst. Das Ergebnis war ernüchternd: Unsere Kunden waren hauptsächlich Männer, die russische Autos fuhren. Nicht Familien, die eigentlich die Zielgruppe von Lebensmittelmärkten sein sollten.“

Für die Konsumententreue sprechen 8,4 Millionen Besitzer einer Kundenkarte von „Lenta“, die regelmäßig mit Werbung gefüttert werden. Und ein Angebotsprospekt der Kette steht dem der westlichen Discounter in nichts nach. Das Bio-Prädikat sei in Russland laut Dunning jedoch noch kein allzu großes Thema. Wohingegen die Verbraucher bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen sehr wohl auf Regionalität achten würden.

Jan Dunnings Konzept ist schlüssig und vor allem ist er weitblickend. Denn er sieht voraus, dass es für so manchen europäischen Landwirt schwierig werden wird, wieder auf dem russischen Markt Fuß zufassen. Und einem Vollblut-Unternehmer wie Dunning glaubt man derlei Prognosen angesichts der Marktlage aufs Wort.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.