Lettland: SS-Veteranen marschieren, Protestieren unerwünscht

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Riga – Wie jedes Jahr seit 1994 machen sich die Veteranen der lettischen Waffen-SS am 16. März auf den Weg, um sich selbst zu huldigen. Begründet wird dieser „feierliche Akt“ mit dem gemeinsamen Feindbild Russland. Jedoch, während die letzten Krieger auf die Straße gehen, dürfen sich Andersgesinnte gar nicht erst darauf bewegen.

Der Tag des Gedächtnis ist nicht zufällig gewählt. Der 16. März 1944 war der Tag, an dem die, von den deutschen Besatzern aufgestellte, Einheit am Flüsschen Welikaja bei Pskow mit der Roten Armee konfrontiert wurde. Nach den deutschen Besatzern kamen die Sowjets und der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt. Der Zweite Weltkrieg ist perdue, nur der Feind blieb für die Letten der Gleiche – Russland. So tragen die verbliebenen Helden von einst noch heute vor dem Freiheitsdenkmal in Riga ihren Stolz und ihre Ehr‘ in alle Öffentlichkeit.

Das Muster einer solchen Kundgebung verläuft in Lettland nicht anders als in den meisten Ländern dieser Welt. Die Einen präsentieren sich und die Anderen halten lautstark dagegen. Gegendemonstranten – das bereitet dem Stadtparlament jährlich immenses Kopfzerbrechen. Vor der bekannten Laima-Uhr demonstrieren an diesem 16. März wie immer Antifaschisten, die den Aufmarsch der Legionäre als Lobpreisung des Nazismus ansehen.Eigentlich wollte ja auch ein AntiFa-Grüppchen aus Deutschland an den Protesten teilnehmen.

Alljährliches „Frühlingserwachen“ in Lettland

Wie schon des Öfteren in den letzten Jahren, wurde deutschen Antifaschisten die Einreise nach Lettland verweigert. Die Vertreter dreier Organisationen, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), der Organisation der Veteranen des Widerstandes und der Deutschen Antifaschistischen Liga, wurden laut dem Vize-Vorsitzenden des Lettischen Antifaschistischen Kommittees (LAK), Josef Koren, gleich am Rigaer Flughafen festgesetzt.

„Heute, als wir unsere Kollegen aus Berlin im Flughafen empfangen haben, so Koren, wurden fünf von ihnen festgehalten. Ihnen wurde eine Verordnung der Verwaltung für Fragen der Staatsbürgerschaft und Migration vorgelegt, laut der ihnen die Einreise nach Lettland verboten ist. Der Grund ist mir nicht bekannt. Sie werden nach Deutschland zurückgeschickt“. Als Begründung führten die Behörden an, dass von den Antifaschisten eine „Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung“ ausginge.

Unterdessen marschiert Riga in Feiertagslaune durch die Hauptstadt, um die „ruhmreichen Heldentaten“ der Nationalsozialisten zu zelebrieren. Waren es in den Jahren zuvor rund hundert Teilnehmer, scheint das Gedenken an die Freiwilligen heuer Konjunktur zu haben. Über 1.000 sollen es dieses Jahr sein, die auf der Straße sind und ihrem Unmut gegenüber Russland freien Lauf lassen. Ähnlich wie den Deutschen erging es RIA Nowosti zu Folge auch einem antifaschistisch gesinnten britischen Reporter.

Schlechte Karten für Antifaschisten

Graham Philips, Journalist und freier Mitarbeiter von Russia Today, wurde während des Gedenkzugs von der Polizei festgenommen. Er habe den Teilnehmern Fragen gestellt, so heißt es, und sei danach aus dem Pulk gezerrt worden. Vielleicht hätte er sich auch den Aufschrei verkneifen sollen „Warum verherrlichen Sie den Faschismus?“, bevor er vom Veranstaltungsort entfernt wurde.

Auch der EU ist diese regelmäßige Veranstaltung ein Dorn im Auge und fordert das Fernbleiben von Politikern bei dieser Veranstaltung. Dem allerdings hat die lettische Regierung im Jahr 2014 bereits einen Riegel vorgeschoben. Sie verhängte ein Verbot für ihre Minister an der Teilnahme der Aktion am 16. März. Unterdessen versprach jedoch der neue lettische Ministerpräsident, Maris Kučinskis, das Gesetz seiner Vorgängerin wieder außer Kraft zu setzen. Somit marschieren dieses Mal auch wieder Abgeordnete der nationalistischen Regierungspartei „Alles für Lettland“ im Tross mit den Ewiggestrigen.

Für Sabine Lösing, der Friedens- und außenpolitischen Sprecherin der „Linken“ im Europaparlament, bereite sich die lettische Regierung und ihrem Land keinen Gefallen damit, die Nazis zu hofieren, währenddessen die Gegenstimmen als Staatsfeinde behandelt werden. Ihr zufolge sei sowohl die deutsche als auch die lettische Botschaft in Brüssel informiert und um eine Stellungnahme gebeten worden.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.