Lew Kopelew – ein deutscher Russe

Lew Kopelew 1996 (c) akademie-rs.deLew Kopelew 1996 (c) akademie-rs.de
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier).

„Doch ich will frei sein von jeder wie auch immer gearteten Abhängigkeit des Geistes. Nie wieder werde ich einem Götzen dienen, nie wieder höheren Mächten gehorchen, um derentwillen man die Wahrheit verbergen, andere und sich selbst betrügen, Andersdenkende verfluchen oder verfolgen muss.

Heute gehöre ich keiner Partei an, keinem »Bund Gleichgesinnter«. Ich bemühe mich, meine Beziehung zu Geschichte und Gegenwart durch jene Lehren zu bestimmen, die ich aus allem zog, was ich erfahren und erlebt habe. Ich beanspruche für mich nicht das Recht, irgendjemanden zu belehren, meine auch nicht, diese Lehren könnten für andere Menschen überzeugend sein; aber ich fühle mich verpflichtet, möglichst genau von ihnen zu erzählen. Das wurde für mich zur inneren Notwendigkeit, zur lebenslangen Pflicht.

Diese Lehren münden in zwei schlichte Gebote: Toleranz und Wahrheit. Toleranz ist die erste Bedingung zur Erhaltung des Lebens auf der Erde, die mit immer mehr und immer vollkommeneren Waffen für den Massenmord ausgerüstet ist. Zwietracht unter Völkern und Staaten oder Parteien, das Anwachsen explosiven Hasses kann zu jeder Stunde zur tödlichen Bedrohung für die gesamte Menschheit werden.

Toleranz verlangt nicht danach, Unstimmigkeiten und Widersprüche zu verschleiern. Im Gegenteil, sie fordert, die Unmöglichkeit eines alles umfassenden einheitlichen Denkens anzuerkennen und darum fremde und gegensätzliche Ansichten ohne Hass und Feindschaft zur Kenntnis zu nehmen. Man soll nicht Zustimmung vorgeben, wo man nicht zustimmt, darf aber den Andersdenkenden nicht unterdrücken oder verfolgen.“
Lew Kopelew 1980 (1)

Wenn man den Lebenslauf dieses politisch verfolgten und mit Ehren überschütteten Mannes liest, fragt man sich unwillkürlich, welches die Beweggründe seines Handelns waren. Wie konnte aus einem überzeugten Jungkommunisten, der die Härte der Revolution notwendig fand, ein weißbärtiger Patriarch werden, der für Verständnis und Liebe der Menschen und der Völker – und besonders der Russen, Deutschen und Polen – untereinander eintrat? Ja, wie konnte er überhaupt zu einem überzeugten Jungkommunisten werden?

Lew Sinowjewitsch Kopelew (* 27. März jul. / 9. April 1912 greg. in Kiew; † 18. Juni 1997 in Köln) entstammte einem weltlich-jüdischen und gutbürgerlichen, ukrainischen Elternhaus und, wie in diesem Milieu damals üblich, wurde er von Kindermädchen erzogen und damit auch geprägt. Zuerst lernte er von seiner russischen Njanja, zum orthodoxen Gott auch für den Zaren zu beten, und dass die Revolutionäre wie Lenin und Trotzki böse Feinde sind, die den Zaren gefangen genommen haben. Dann lehrte ihn ein deutsches lutherisches Kindermädchen, dass nicht „die Juden“, sondern nur einige Böse von ihnen den Christus ermordet haben, und dass der gesagt hat, man solle auch seine Feinde lieben – also waren auch die Feinde Lenin und Trotzki zu lieben. Noch bevor er zehn Jahre alt war, hatte er drei weitere deutsche „Bonnen“, mit dem Effekt, dass er fließend Deutsch sprechen und lesen konnte – Bücher wie Karl May, Geschichten über den „Alten Fritz“ oder Abenteuergeschichten, aber auch Klassiker konnte man sich in der deutschen evangelischen Gemeindebücherei leihen. Mit dem „nörglerischen, strengen jüdischen Gott“ seiner Familie konnte er nichts anfangen, sein Held war der liebende lutherische Gott.

Als Zehnjähriger wurde er in die dritte Klasse eingeschult. Er sprach zwar fließend Ukrainisch, Deutsch und Polnisch und kannte sich in Geschichte und (nichtrussischer) Literatur bis hin zu Shakespeare aus, aber von Mathematik und Geografie hatte er nur verschwommene Vorstellungen; also brauchte er zusätzlichen Unterricht. Und da trat die in seiner Kindheit und Jugend wohl wichtigste Person in sein Leben: die „Volkstümlerin“ Lidija Lazarewa (Volkstümler – eine revolutionäre Gruppe der Intelligenzija, deren Mitglieder ins Volk gingen, um durch Bildung die revolutionäre Idee zu verbreiten).

Von einem Schulkameraden hatte er schon erfahren – was für ihn eine „furchtbare Entdeckung“ und das „wichtigste Ereignis des Jahres 1923“ gewesen ist –, dass die biblischen Geschichten von der Erschaffung des Menschen falsch sind und der Mensch vom Affen abstammt und es somit keinen Gott gäbe. Seine Lehrerin führte seine Gottesbilder ins Transzendentale, sie löste seinen Gott quasi auf – für sie war Christus der erste Kommunist. Wie Christus für die Menschen da war, sollte der Kommunismus auch für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. Von ihr hörte er auch zum ersten Mal Begriffe wie „Ideal“, „Humanität“, „Wohl des Volkes“, „Sache des Volkes“ oder „Liebe zum Volk“ und sie führte ihn auch in die russische Literatur ein, wo diese Begriffe schon immer eine große Rolle spielten.

„Damals trat Lidija Lasarewna in mein Leben, die verspätete Schulanfänger wie mich vorbereitete. Sie unterrichtete Russisch, Geschichte und Erdkunde, außerdem neue Orthografie. Lidija Lasarewna war klein, breit gebaut mit breiten Backenknochen und dunkelhäutig. Sie hatte kurzsichtige, hervortretende Basedow-Augen – grau und sehr gütig, eine große Nase, einen breiten Mund und dunkles, glattes Haar, das hinten zu einem großen Büschel zusammengesteckt war. Im Winter hatte sie eine runde Pelzmütze auf, im Sommer ein schwarzes, flaches Hütchen, und stets ging sie in langen, dunklen Kleidern. Von Lidija Lasarewna hörte ich zum ersten Mal Worte wie Ideal, Humanität, Menschenliebe, Wohl des Volkes, Sache des Volkes, Liebe zum Volk … Vielleicht waren sie mir schon früher begegnet, aber erst durch sie nahm ich sie in mich auf. Wir arbeiteten dreimal in der Woche zusammen. […]

Am schönsten waren natürlich die Russisch-Stunden. Lidija Lasarewna las zusammen mit mir Gedichte und Prosa. Und jedes Mal war es so, als ob sie die Texte zum ersten Male läse. Manchmal weinte sie, versuchte vergebens, ihre Tränen zu verbergen und entschuldigte sich mit Schnupfen. Wenn wir Nekrassow lasen, weinten wir gemeinsam: über die »Russischen Frauen«, die »Eisenbahn«, und auch über die »Gedanken an einem Portal«; wir weinten über Nikitins Gedichte: »Eine tiefe Grube ist gegraben«, »Ach, Kamerad, auch du kennst das Unglück« und über Nadsons »Allein und vergessen wuchs ich heran«. Wir weinten über die Erzählungen von Korolenko »Makars Traum«, »Die Wundersame«, »In schlechter Gesellschaft«, über die »Stechfliege« und »Onkel Toms Hütte«. Wenn sie sagte, man müsse ehrlich sein, mit den Schwachen Mitleid haben, die Tapferen und Guten ehren, Feiglinge, Heuchler, Egoisten und Geizkragen verachten – überzeugte mich das nicht nur, weil sie irgendwelche besonderen Worte fand, sondern weil sie selbst begeistert war von der Schönheit des Wahren und des Guten, weil sie sich über gute Menschen und gute Taten wirklich freute, und weil ihr vor dem Eigennutz und dem Bösen graute.

Ihr fiel es sehr schwer, dieses laute, komplizierte und listige Leben zu leben, das ringsum alle führten: meine Eltern, unsere Nachbarn und Bekannten. Manchmal erschien sie mir sogar hilflos, und dies nicht nur, wenn sie, die Kurzsichtige, vergeblich nach ihren verlorenen Haarnadeln suchte. Lidija Lasarewna war eine überzeugte Anhängerin der Narodniki, eine »Volkstümlerin«.“
Lew Kopelew 1978 (2)

1922 war er den Pfadfindern beigetreten, und zwar der Abteilung, die „die Armen und Schwachen verteidigte und die Sowjetmacht liebte“, aus der 1924 die „Jungen Kommunisten“ wurden. Die Vorstellungen Lidija Lazarewas entsprachen dem, was er bei seinen Pfadfindern hörte, und so wurde er ein junger Kommunist, der die großen Ziele mit einer seinem Alter entsprechenden Begeisterung vertrat. Seine Ideale, die in erster Linie humanistische und erst in zweiter Linie politische waren, hat er zeit seines Lebens beibehalten; sie waren ihm so selbstverständlich, dass er sie geradezu naiv, manchmal allzu naiv, vertreten hat. Und die Grundlagen dieser Ideale waren Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne diese waren die Ideale nicht zu verwirklichen. Selbst in Zeiten, in denen man ihm (und er sich) klar zu machen versuchte, dass bestimmte Ideale wie Gerechtigkeit und Menschlichkeit einem höheren Ziel, wie Erreichen des Sozialismus, untergeordnet werden müssen, konnte er sich innerlich damit nur schwer abfinden. Diese Einstellung hat ihm in seiner „politischen“ Laufbahn schon in seiner Jugend mehr als einmal schwer geschadet und ihm den Ruf der politischen Unzuverlässigkeit eingebracht, sodass er bald den Traum, an führender Stelle an der Weltrevolution teilnehmen zu können, aufgab. Die „Lehrjahre eines Kommunisten“ waren beendet, 1935 strich er alle politischen Wissenschaften und reduzierte sein Studium in Moskau auf Germanistik.

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 änderte alles. Jetzt galt es, nicht mehr mit dies oder jenem zu hadern, sondern vorbehaltslos das Vaterland zu verteidigen und sich hinter Stalin zu scharen. Da für Kopelew Deutsch praktisch die zweite Muttersprache war, wurde er als „Instrukteur für die Arbeit mit feindlichen Soldaten und Zivilisten“ eingesetzt, d. h., er betrieb Feindpropaganda und verhörte Gefangene. Schon bei den ersten Verhören brach für ihn der Traum von der Weltrevolution endgültig zusammen: Die, die sie durchführen sollten und von denen er glaubte, sie seien alle wie er Kommunisten, nämlich die deutschen Arbeiter, entpuppten sich als echte Nazis. Selbst das konnte jedoch seiner Liebe zur deutschen Sprache und deutschen Kultur keinen Abbruch tun.

Der nächste schwere Schlag traf ihn, als er mit der vorrückenden russischen Front nach Ostpreußen einrückte und miterleben musste, wie die Soldaten der Roten Armee dort marodierten, wahllos Zivilisten erschossen, plünderten, Dörfer in Brand steckten und Frauen vergewaltigten und ermordeten – und das anfangs sogar mit allerhöchster Genehmigung. Das war für ihn nicht nur der Gipfel der Unmenschlichkeit und eine Besudelung der Ehre der Roten Armee, sondern auch eine völlige ökonomische Idiotie. Er beschwerte sich bei Stalin – bekam aber natürlich niemals eine Antwort, sondern hatte einen Minuspunkt in Stalins Notizbuch. Für Kopelew war es selbstverständlich, dass er das nicht nur unterband (er war Major), sondern er half auch Deutschen in Lebensgefahr. Das sollte sich furchtbar rächen, denn er hatte sich mit seiner humanen Einstellung auch erbitterte Feinde gemacht.

Im April 1945 wurde er verhaftet und „antisowjetischer Agitation“ angeklagt, 1946 aufgrund der Hilfe seiner Freunde freigesprochen, Anfang 1947 erneut angeklagt und zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt – Stalin hatte auf seiner Akte „bestrafen“ notiert. Er kam in ein Sonderlager für Spezialisten, die dort in ihren wissenschaftlichen Fachgebieten eingesetzt wurden und vergleichsweise günstige Haftbedingungen hatten. Dort lebte und arbeitete er u. a. drei Jahre mit Alexander Solschenizyn zusammen, mit dem er heftig und viel diskutierte, denn Kopelew glaubte im Gegensatz zu ihm noch immer an den Kommunismus. Solschenizyn hat ihn später in seinem Werk „Im ersten Kreis“ (Der Erste Kreis der Hölle) als Lev Rubin verewigt.

Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn sind zwei russische Protagonisten der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und beide sind weltberühmte Autoritäten. Ihre Lebenswege berührten sich schon während des Krieges, beide waren (ohne dass sie es wussten) zur gleichen Zeit an der Front in Ostpreußen, beide wurden verhaftet, trafen sich, wie schon erwähnt, im Lager, und nachdem Kopelew rehabilitiert war, setzte er sich sehr für Solschenizyn ein, beide waren – wenn auch aus unterschiedlichen Überzeugungen – zu Dissidenten geworden und beide wurden ausgebürgert.

Kopelews Verbindung zu Solschenizyn war freundschaftlich, aber nicht ohne Probleme. In seinen Memoiren schreibt Kopelew über ihn:

„Im Frühling 1955 erfuhren Dmitrij Panin und ich Solschenizyns Adresse. Er lebte schon das dritte Jahr in »Verbannung auf ewig« in der Steppensiedlung Kok Terek in Kasachstan.

Wir begannen, mit ihm zu korrespondieren. Er stand noch unter ärztlicher Beobachtung nach einer Krebsoperation. Seine Frau, Natalija Reschetowskaja, hatte sich von ihm scheiden lassen – reine Formsache, die Ehe mit einem Gefangenen zu lösen – und wieder geheiratet. Lange Zeit wusste Solschenizyn nicht einmal, dass er geschieden war. Sie schrieb ihm nicht, antwortete nicht einmal auf seine Bitte, ihm Birkenrindenschwamm zu schicken, der als Anti-Krebs-Mittel galt. 1957 heirateten sie noch einmal.

Er schrieb mir und Mitja oft. Manche Briefe durchdrang, kaum verhüllt, der Schmerz der Einsamkeit, der Verzweiflung, die Erwartung seines baldigen Todes. Wir versuchten, so gut wir es vermochten, ihn zu trösten, zu ermutigen, ihm eine neue Frau zu suchen … Im Sommer 1956 holten wir ihn in Moskau vom Kasaner Bahnhof ab. Er schien uns kaum verändert, nur ein wenig ausgedörrt und gelblich-fahl verbrannt von sozusagen unerlaubter Sonneneinwirkung. (Er durfte sich damals noch nicht in der Sonne aufhalten.) Wir konnten – im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand – auch das Wiedersehen nicht entsprechend »begießen«. Aber es gab viel zu erzählen. Damals und bei allen späteren Begegnungen in den nächsten 15 Jahren haben wir uns kaum gestritten, obwohl unsere Hoffnungen und Ansichten über unser Land und über die Welt oftmals nicht übereinstimmten. Ich hielt mich noch bis 1968 für einen Marxisten, wenn auch nicht mehr für einen Leninisten. Mitja Panin war aus einem fanatischen Rechtgläubigen zu einem fanatischen Katholiken geworden. Doch das uns Verbindende war stärker als das uns Trennende. Die alte Häftlingsfreundschaft schien fester als je zu sein.

Erst in den siebziger Jahren trennten sich unsere Wege. Doch das ist ein anderes Thema. Darüber zu sprechen, ist die Zeit noch nicht reif.“ (3)

Grund für diese Entfremdung war die slawophile Einstellung Solschenizyns, nach der die Rettung des russischen Volkes aus dem russischen Wesen heraus geschehen muss. Zudem war Solschenizyn religiös. Kopelew war Internationalist und Atheist. Internationalist jedoch nicht in dem Sinn, dass er die Nationen aufgelöst sehen wollte, sondern dass die Nationen mit den ihnen eigenen Eigenschaften eine große Gemeinschaft eingehen sollten, und Atheist nicht im Sinn des Materialismus. Auch kreidete er Solschenizyn später seine kritische Einstellung zur westlichen Lebensweise an.

Solange Solschenizyn noch in Russland lebte, wollte Kopelew diesen Dissens nicht öffentlich austragen – zu viele nicht einschätzbare Reaktionen des Staates hätte es geben können. Nach Solschenizyns Ausbürgerung nahm er jedoch den Disput auf und die Entfremdung begann trotz einer gewissen vermittelnden Rolle Heinrich Bölls, der mit beiden befreundet war. Und als Solschenizyn Anfang der 90er Jahre begann, politisch zu werden, standen sie in zwei verschiedenen Lagern.

1974 schrieb Kopelew:

„Damals, als Solschenizyn, verfolgt von Verleumdungen und Drohungen, noch in Russland lebte, bestand die Gefahr, dass jede, auch die freundschaftlichste Kritik den Verfolgern zunutze kam. Heute aber ist er in Sicherheit, die Ausbürgerung hat im Grunde nur seinen Sieg über Lüge und Willkür bestätigt. Heute ist es nicht nur erlaubt, sondern auch notwendig, die historischen, soziologischen und politischen Auffassungen, die in seiner Publizistik zum Ausdruck kommen, objektiv zu analysieren. Irgendwelche Zugeständnisse oder »Verschwiegenheit« unter Berufung auf die Autorität und die Verdienste Solschenizyns und Versuche, ihn mit einer Aura der Unfehlbarkeit zu umgeben, ihn als unantastbar für jede Kritik aufzufassen, sind eigentlich beleidigend für seine Würde, führen zur Missachtung der Wahrheit, zur falschen Deutung der russischen Vergangenheit und Gegenwart. Das aber widerspricht gerade den moralischen und gesellschaftlichen Idealen, die sein gesamtes Schaffen inspirieren.“ (4)

Aber zurück zu Lew Kopelev.

1954 wurde Kopelew entlassen und in der „Tauwetterperiode“ nach der Chruschtschowschen Geheimrede auf dem XX. Parteitag rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen. Aber die Enthüllungen über Stalin, an den er einstmals wie so viele geglaubt hatte, änderten seine Einstellung; er glaubte jetzt an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Wieder in Amt und Würden am Polygrafischen Institut und am Institut für Kunstgeschichte begann er, sich für verfolgte Schriftsteller wie Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn und alle, die ihn um Hilfe baten, und für die Menschenrechte einzusetzen. Zudem hatte er auch mehr und mehr gute Verbindungen in den Westen – z. B. Heinrich Böll, eine Verbindung, die später lebenswichtig werden sollte – und scheute sich nicht, diese auch zu nutzen. So kam er immer mehr in Kollision mit der wieder restriktiver werdenden Politik und wurde 1968 (unter Breschnew) wegen Teilnahme an der Menschenrechtsbewegung und wegen Protesten gegen eine „Restalinisierung“ aus der Partei ausgeschlossen, was praktisch einem Berufsverbot gleichkam, und verlor seinen Arbeitsplatz – er konnte nur noch in sowjetischen Republiken, in denen er noch kein Auftrittsverbot hatte, veröffentlichen und sprechen.

Als die Panzer der Roten Armee im August desselben Jahres den „Prager Frühling“ niederwalzten, war er endgültig aller Illusionen beraubt und beschloss, nicht mehr „im Auftrag“ einer höheren Idee zu schreiben, sondern nur noch sein eigenes Ich sprechen zu lassen:

Doch ich will frei sein von jeder wie auch immer gearteten Abhängigkeit des Geistes. Nie wieder werde ich einem Götzen dienen, nie wieder höheren Mächten gehorchen, um derentwillen man die Wahrheit verbergen, andere und sich selbst betrügen, Andersdenkende verfluchen und verfolgen muss.“

Zwei Gebote gab es für ihn ab diesem Zeitpunkt „Toleranz und Wahrheit“.

1977 wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und erhielt Publikationsverbot. Nach jahrelangen Versuchen erhielten er und seine Frau auf Einladung von Heinrich Böll Ende 1980 ein Ausreisevisum für ein Jahr und kaum waren sie in Deutschland, kam Anfang Januar 1981 ein Ukas mit der Ausbürgerung.

Umgehend wurde er in der Bundesrepublik eingebürgert und er hielt eine Gastprofessur in Göttingen und eine Forschungsprofessur in Wuppertal.

Heinrich Böll und Lew Kopelew hatten sich auf einer vom sowjetischen Schriftstellerverband für westdeutsche Schriftsteller in die Sowjetunion organisierten Reise kennengelernt; Kopelew war als Übersetzer engagiert. Zwischen Böll und Kopelew – besser zwischen den Ehepaaren Böll und Kopelew – entwickelte sich eine selten innige Freundschaft. Man besuchte sich in Moskau und in Tbilissi, aber vor allem standen sie über Diplomaten und Journalisten in Briefkontakt. Diese Briefe sind bei aller persönlichen Note – oder vielleicht gerade deshalb – hervorragende Zeitdokumente über das Leben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs; vieles, was damals geschah, wird durch die Briefe verständlicher. Zusammengefasst ist der Briefwechsel in: Elsbeth Zylla [Hg.]: Heinrich Böll – Lew Kopelew  Briefwechsel, Steidl Verlag 2011; ein unerhört lesenswertes und auch spannendes Dokument Zeitgeschichte.

Bei seiner großen Liebe zur deutschen Kultur – die er zumindest damals mit großen Teilen der russischen Intelligenz gemein hatte – und bei seinem großen Wissen um Russland und um die Geschichte beider Länder, war es ihm von nun an ein Herzensbedürfnis zur Aussöhnung und zur Verständigung beider Völker beizutragen. „Aus der Geschichte lernen“ war für ihn der wichtigste Grundsatz und gleichzeitig eine Forderung. Rasch wurde er in Köln zu einem zentralen Anlaufpunkt Gleichgesinnter auf der nicht staatlichen Ebene.

Im Hamburger Abendblatt vom 14. Oktober 1983 hat Kopelew geschrieben:

„Bücher sind die sichersten Bausteine für die Brücken, die die Völker miteinander verbinden. Es ist der Sinn unseres Lebens, diese Brücken zu bauen.“
Und genau das tat er in der Folgezeit. Viele Bücher hat er – teils zusammen mit seiner Frau und Heinrich Böll – geschrieben, u. a, seine dreiteilige Biografie (Und schuf mir einen Götzen, Aufbewahren für alle Zeit, Tröste meine Trauer), die auch eine ausgezeichnete Biografie des Sowjetstaates ist, aber sein Hauptwerk war bis zu seinem Tod Leitung und Herausgabe der Forschungsergebnisse des Wuppertaler Projekts in der Sammelreihe „West-östliche Spiegelungen“ mit ausführlichen Einleitungen zu jedem Band. In insgesamt zehn dickleibigen Bänden wird die Geschichte der Russen und Russlands aus deutscher Sicht ab dem 9. Jahrhundert und die Geschichte der Deutschen und Deutschlands ab dem 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart dargestellt – ein hervorragendes Werk und trotz aller Wissenschaftlichkeit gut lesbar, ja, spannend zu lesen.

In den Jahren 1989 und 1990 konnte er endlich sein Moskau und seine ehemaligen Freunde in Russland besuchen und 1990 erhielt er – wieder per Ukas – seine sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Er blieb aber in Köln, um sein Lebenswerk zu vollenden. Hier starb der einstige überzeugte Kommunist als leidenschaftlicher Europäer und Menschenrechtler am 18. Juni 1997, seine Urne wurde auf dem Donskoi-Friedhof neben seiner Frau Raissa, die schon 1989 gestorben war, beigesetzt.

(1) Lew Kopelew: Tröste meine Trauer, Verlag Hoffman u. Campe 1981
(2) Lew Kopelew: Und schuf mir einen Götzen, Verlag Hoffman u. Campe 1979
(3) ebenda
(4) Essay „Nur die Wahrheit kann Lügen besiegen“ 12.02.74 in Lew Kopelew: Im Willen zur Wahrheit, Fischer Verlag 1984

Literatur:
Sonnenberg, Uwe: Die Kopelewsche Brücke, Trafo Verlag 2007
Zylla, Elsbeth [Hg]: Heinrich Böll – Lew Kopelew. Briefwechsel Steidl Verlag 2011

In deutscher Sprache erschienene Werke von Lew Kopelew:
Zwei Epochen deutsch-russischer Literaturbeziehungen. Frankfurt am Main: S. Fischer. 1973
Verwandt und verfremdet. Essays zur Literatur der Bundesrepublik und der DDR. Frankfurt am Main: S. Fischer. 1976
Aufbewahren für alle Zeit! Hamburg: Hoffmann und Campe. 1976
Verbietet die Verbote! In Moskau auf der Suche nach der Wahrheit. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1977
Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1979
Tröste meine Trauer. Autobiographie 1947-1954. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1981
Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. Berlin: Severin und Siedler. 1981
[Heinrich Böll und L. K.] Warum haben wir aufeinander geschossen? Bornheim-Merten: Lamuv-Verlag. 1981
[Heinrich Böll, L. K., Heinrich Vormweg] Antikommunismus in Ost und West. Zwei Gespräche. Köln: Bund-Verlag. 1982
Kinder und Stiefkinder der Revolution. Unersonnene Geschichten. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 1983
Der heilige Doktor Fjodor Petrowitsch. Die Geschichte des Friedrich Joseph Haas. Bad Münstereifel 1780 – Moskau 1853. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1984
Im Willen zur Wahrheit. Analysen und Einsprüche. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag. 1984
Worte werden Brücken. Aufsätze/Vorträge/Gespräche. 1980-1985. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1985
[Überarbeitete Neuausgabe] Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und Leiden. München: Deutscher Taschenbuchverlag. 1986
[Raissa Orlowa und L.K.] Boris Pasternak. „Bild der Welt im Wort“. Stuttgart: Radius Verlag. 1986
[Raissa Orlowa und L.K.] Wir lebten in Moskau. München und Hamburg: Albrecht Knaus Verlag. 1987
Der Wind weht, wo er will. Gedanken über Dichter. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1988
[Raissa Orlowa und L.K.] Zeitgenossen, Meister, Freunde. München und Hamburg: Albrecht Knaus Verlag. 1989
Und dennoch hoffen. Texte der deutschen Jahre. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1991
Waffe Wort. Göttingen: Steidl. 1991
Laudationes. Göttingen: Steidl-Verlag. 1993
Rußland – eine schwierige Heimat. Göttingen: Steidl. 1995

Leitung und Herausgabe der Forschungsergebnisse des Wuppertaler Projekts in der Sammelreihe „West-östliche Spiegelungen“; ausführliche Einleitungen zu jedem Band sowie verschiedene Beiträge. Mehrbändiges Werk Wilhelm Fink Verlag ab 1985

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit zehn Jahren bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.