Machtmensch Putin: ZDF-Fakeskandal perfekt

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[von Roland Bathon] Das bei der reißerischen ZDF-Reportage „Machtmensch Putin“ des ZDF im Dezember offenbar fleißig gefaked wurde, bestätigen nun erstmals Journalisten, die selbst für große deutsche Medien arbeiten. Moritz Gathmann, sonst tätig für den Spiegel und Maxim Kireev, ebenso beschäftigt für westliche Auftraggeber, haben im Auftrag der deutschen Verbands-Fachzeitschrift „journalist“ nachrecherchiert. Zu ihren offensichtlichen Leidwesen erhielten sie mehr Bestätigungen für die russische, als für die ZDF-Version rund um die Hintergründe der zweifelhaften Dokumentation.

Der gekaufte Kronzeuge

So war der ZDF-Kronzeuge als „Donbass-Kämpfer“ Labyskin tatsächlich offenbar nie in der Ostukraine im Kampf, seine angebliche Ehefrau mit Kleinkind sei auch nach den Ergebnissen Gathmanns eine gekaufte Schaustellerin gewesen, alle Donbass-Szenen gestellt. All das konnten die beiden Nachrecherchierer durch Treffen mit Labyskin, seinem privaten Umfeld, seiner vorgeblichen „Ehefrau“ und Recherchen in seinen Social-Network-Accounts recht zweifelsfrei untermauern. Auch existierten Aussagen eines Kollegen von Labyskin, der zuvor auf die Donbass-Rolle angesprochen worden war, bevor sie der schlussendliche „ZDF-Separatist“ erhielt. Der russischen Seite werfen die Autoren in ihrem Artikel vor, Labyskin sei zur späteren Kooperation mit den russischen Staats-TV durch massive Drohungen des FSB genötigt worden. Doch auch Aussagen von Gathmann und Kireev zu Labyskin sind etwas widersprüchlich. Stellen sie zugunsten des ZDF bemüht fest, dieser sei vom russischen TV absichtlich „siffig“ dargestellt worden und wirke sonst glaubwürdig, geben sie doch zu, dass er sich offenbar auch bei ihrem Gespräch am Nachmittag gerade von einem übermäßigen Alkoholkonsum mühsam erholte.

Mindestens Mitschuld des ZDF

Den Haupt-Schwarzen Peter für den Fake schiebt das Duo Gathmann-Kireev dem freien Producer Bobkow zu, der im Auftrag des ZDF tätig war und Labyskin als Rebellen-Darsteller engagierte und instruierte. Obwohl dem ZDF gegenüber offenbar wohlwollend gesinnt, können sie es von einer Mitschuld am Fake nicht frei sprechen und tun das auch nicht. So gab es Widersprüchlichkeiten in Labyskins Aussagen, die dem ZDF in Moskau hätten auffallen müssen, etwa zu seiner Rekrutierung oder seinem Kampfeinsatz. So sagte Gathmann in einem Interview der Zeitschrift Stern über verwendetes Material: „Die vermeintlichen Belege für den Einsatz Labyskins im Donbass, die das ZDF vorgelegt hat, kann man nicht ernst nehmen, wenn man das Material neutral betrachtet“. Daneben habe der ZDF-Beitrag weitere grobe journalistische Fehler enthalten, die sich aber bereits in unseren eigenen früheren Artikeln zu der Sache finden.

Die Kritik Gathmanns bleibt an der Oberfläche

Mit dem Thema, warum das ZDF eben nur allzu gerne alles geglaubt hat, was ins gewünschte Russlandbild passt, haben sich die Autoren in ihrer Studie leider nicht auseinander gesetzt, sondern Kernaussagen des Beitrags trotz ihrer Ergebnisse nochmals ausdrücklich unterstützt – im eigenen Artikel ebenso wie im Stern-Interview. Aber es scheint von Journalisten großer deutscher Medien allgemein zuviel verlangt zu sein, sich einmal kritisch damit zu beschäftigen, wie wenig sich deutscher Russlandjournalismus von dem unterscheidet, was man auf der Gegenseite schnell als russische Propaganda qualifiziert. Aber immerhin ist die ernsthafte kritische Hintergrundrecherche eines besonders unterirdischen Machwerk des deutschen Russland-Journalismus wie „Machtmensch Putin“ ein erster Schritt zur Besserung. Will man jedoch wirklich glaubwürdig behaupten, dass man den zugegeben ebenfalls nicht ausgewogeneren russischen Staatsjournalismus a la Rossija und RT in Deutschlands Medien überlegen ist, darf diese einzelne Nachrecherche nicht die Ausnahme bleiben und das selbst an die Zuschauer gelieferte Bild Russlands muss auch in seiner Gesamtheit selbstkritisch hinterfragt werden.

Foto: Kremlin.ru, Creative Commons

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.