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02-08-2006 Sankt Petersburg
Wer steckt hinter dem Diebstahl in der Eremitage?
Montag wurde in der Sankt Petersburger Eremitage das Verschwinden von 221 Werken der Juwelierkunst festgestellt. Das wurde bei einer planmäßigen Revision entdeckt, zu deren Beginn die Kustodin eines großen Teils der verschwundenen Ausstellungsstücke plötzlich und unerwartet an der Arbeitsstelle verstarb.

"Bei der weiteren Revision durch andere Kostoden, die die Sammlung entgegennahmen, wurde denn auch das Fehlen der Exponate entdeckt. Über den Verlust sind alle übergeordneten Stellen informiert worden. Eine Untersuchung ist angelaufen", heißt es in einer Mitteilung des Pressedienstes.

Die Vertreter des Museums zweifeln nicht daran, dass mit dem Verschwinden der Exponate Museumsmitarbeiter zu tun haben. "Vieles an dem Fall ist seltsam, doch leider besteht kein Zweifel daran, dass die Sache nicht ohne das Zutun von Museumsmitarbeitern vor sich gegangen ist. Das zeugt von ernsten moralischen Problemen, von der Vernachlässigung der Pflichten und des Verantwortungsgefühls, von einer ausgesprochenen Unvollkommenheit des Aufbewahrungssystems, das auf der Präsumtion der Unschuld der Museumsmitarbeiter beruht. Leider gibt es Gauner auch in unserem Milieu", heißt es in der Mitteilung, die der Pressedienst der Eremitage gestern veröffentlicht hat. Doch später betonten die Museumsmitarbeiter, dass es noch verfrüht sei, darauf zu schließen, dass "das Verschwinden eines Teils der Exponate mit dem Tod der Kustodin der Sammlung verbunden ist".

Das Gros der verschwundenen Gegenstände sind Emails des 15. - 19. Jahrhunderts aus den Beständen der Russischen Abteilung der Eremitage. "Wenn wir vom russischen Email sprechen, meinen wir in erster Linie Emails-cloisonné und Grubenemails" (zwei unterschiedliche Herstellungstechniken - Anm. des Autors), sagte der bekannte Petersburger Sammler Andrej Ananow der Moskauer Zeitung "Kommerssant". "Das russische Email ist eine einzigartige Kunst. Im Westen kam das Email-cloisonné (Zellenschmelztechnik) erst vor 200 Jahren auf, während es in Russland seit dem 15. Jahrhundert besteht. Die Eremitage besaß eine außerordentlich reiche Sammlung von Emails: Einfassungen von Ikonen, altrussische Schöpfkellen, große Becher u. a."

Der Gesamtwert der aus der Staatlichen Eremitage verschwundenen Exponate wird auf 130 Millionen Rubel geschätzt. Doch der Auktionswert der Sammlung könne, schreibt "Kommerssant", ein Vielfaches dieses Betrages ausmachen. Im Museum kann er nicht einmal annähernd genannt werden, weil die gestohlenen Ausstellungsstücke kein einziges Mal ins Ausland ausgeführt wurden und ihr Versicherungswert nicht bestimmt wurde.

"Der Diebstahl aus der Eremitage ist leider nicht der erste Fall dieser Art, da aus Museen oder Archiven Gegenstände sowie Dokumente verschwinden, die zum nationalen Gut unseres Landes gehören. All das zusammen zeugt davon, dass die Bewahrung unseres nationalen Kulturgutes unbefriedigend ist", sagte Boris Bojarskow, Leiter von Rosochrankultura (Föderaler Dienst zum Schutz des Kulturerbes), der RIA Novosti. Er verwies darauf, dass die Kontrolle über die Aufbewahrung der Museumsbestände "eine wichtige Aufgabe der tagtäglichen Arbeit von Rosochrankultura ist".

"Wie dem auch sei, das Vorkommnis wird dem Ruf der Eremitage selbst wie auch der gesamten russischen Museengemeinschaft schaden. Es wird schon seit langem und ständig von der recht schwachen Bewachung des Kulturerbes in den Museen gesprochen, doch dermaßen massierte und himmelschreiende Fälle sind schon seit Jahren nicht vorgekommen", schreibt die Moskauer Zeitung "Wremja Nowostej". Nach Meinung des Blattes werde das außerordentliche Vorkommnis einen Vorwand für eine Massenrevision der Expositionen und Depots vieler Museen liefern und diese könne weitere "Überraschungen" bringen.

Wie Jewgeni Streltschik, Berater des Leiters von Rosochrankultura, der RIA Novosti sagte, soll am 2. August in der Eremitage eine "Kontrolle der Situation mit den Inventuren und der Unversehrtheit der Sammlungen" beginnen; damit werde sich eine Sonderkommission von Rosochrankultura beschäftigen.

Gleich nach dem Eingang der Verlustanzeige bei der Miliz begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern der Antiquariatsabteilung der städtischen Hauptverwaltung für innere Angelegenheiten sowie der städtischen Staatsanwaltschaft und der des Zentralen Bezirks in die Eremitage. Sie arbeiteten dort bis spät in den Abend hinein. Wie sich herausstellte, war der Verlust der Sammlung aus einem Depot der Russischen Abteilung des Museums im Zuge einer planmäßigen Kontrolle, die bereits 2005 begann, festgestellt worden. Bei dieser Kontrolle wurde mehrmals der Verlust dieser oder jener Kunstgegenstände entdeckt, doch fanden sie sich später in anderen Depots wieder. Als also die Revisoren das Fehlen von 221 Exponaten feststellten, maßen die Museumsmitarbeiter dem nicht sofort Bedeutung bei. Und erst als die fehlenden Sachen sich auch in den anderen Depots nicht fanden, beschloss die Museumsleitung, sich an die Miliz zu wenden, schreibt "Wremja Nowostej".

Die Bestandskontrolle läuft in der Eremitage ununterbrochen nach einem vom Kulturministerium bestätigten Plan ab. Die Kontrollergebnisse werden der Föderalen Agentur für Kultur und Filmkunst regelmäßig vorgelegt.

Die Hauptversion des Verlustes der Kunstgegenstände kam sofort auf, als bekannt wurde, dass vor etwa einem Monat Studenten einer der Petersburger Hochschulen geholfen hatten, in zwei Depots der Russischen Abteilung des Museums Ordnung zu schaffen. Die Untersuchung schließt nicht aus, dass jemand von den Helfern in den Diebstahl der Sammlung verwickelt ist. Doch nach Meinung der operativen Mitarbeiter hätten da Museumsmitarbeiter unbedingt mitgemischt.

"Am ehesten wurden diese Gegenstände im Auftrag eines der Besitzer von Privatsammlungen gestohlen, und zwar nicht unbedingt eines russischen", sagte ein Vertreter der Hauptverwaltung für innere Angelegenheiten. "Gegenwärtig läuft unser Plan ,Perechwat', alle Abteilungen der Miliz wie auch das Zollamt sind benachrichtigt worden. Das Gepäck aller Passagiere und die Personenkraftwagen werden besonders genau kontrolliert werden." Ebenfalls gestern hat die Staatsanwaltschaft des Zentralen Bezirks von Sankt Petersburg ein Verfahren eingeleitet: laut Art. 158-3 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation, der sich auf einen "besonders großen Diebstahl, begangen unter gesetzwidrigem Einsteigen in ein Depot" bezieht. Warum das außerordentliche Vorkommnis gerade auf diese Weise qualifiziert worden sei, bleibe vorläufig unbegreiflich, schreibt "Wremja Nowostej". Das Strafgesetzbuch der Russischen Föderation enthält einen speziellen "musealen" Artikel 164 (Entwendung von Gegenständen, die einen besonderen historischen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder Kulturwert haben).

Die größten Diebstähle aus Russlands Museen

Am 12. März 1997 wurde aus dem Museumsreservat von Wologda das Gemälde Iwan Aiwasowskis "Die Niagarafälle" (1893) gestohlen. Im Juli 1997 wurden die Diebe bei einem Versuch, das Gemälde zu verkaufen, festgenommen. Laut Schätzungen von Kunstwissenschaftlern kostete das Gemälde zur Zeit des Diebstahls rund 20 000 Dollar. 2003 stieg sein Wert auf 200 000 Dollar an.

Am 6. April 1999 wurden aus dem Russischen Museum in Sankt Petersburg bei einem bewaffneten Überfall zwei Werke von Wassili Perow gestohlen: das Gemälde "Einsamer Gitarrespieler" (1865) und eine Skizze zum Gemälde "Troika" (1866). Der Versicherungswert des Entwendeten betrug 1,2 Millionen Dollar. Die Bilder wurden am 25. Januar 2000 in einer Gepäckaufbewahrungszelle des Warschauer Bahnhofs entdeckt. Die Verbrecher wurden gefangen und verurteilt.

Am 5. Dezember 1999 wurden aus dem Museum der Russischen Akademie der Künste 16 Gemälde russischer Maler des 18. und 19. Jahrhunderts entwendet (darunter Gemälde von Iwan Kramskoi, Ilja Repin und Iwan Schischkin). Der Gesamtwert der Werke belief sich auf 1,1 Million Dollar. Drei Tage später wurde der Dieb festgenommen, die Gemälde kehrten ins Museum zurück. Am 14. Januar 2004 verurteilte ein Gericht den Dieb zu acht Jahren Freiheitsentzug.

Am 22. März 2001 wurde in der Eremitage das Gemälde von Jean-Leon Jerome "Bad im Harem" (1876) aus dem Rahmen herausgeschnitten und weggebracht. Der Versicherungswert des Gemäldes beträgt eine Million Dollar. Weder das Bild noch die Diebe wurden bisher gefunden.

Am 28. Mai 2002 wurden aus dem Museum des Kriegsflottenkorps von Peter dem Großen Gemälde von zwei Marinemalern gestohlen: Alexej Bogoljubows "Kronstadt. Ansicht von der Großen Reede aus" (1842) sowie "Sewastopol" (1844) und Konstantin Krugowichins "Revel" (1846). Der Wert der Werke beläuft sich auf 190 000 Dollar. Am 25. Juli wurden sie gefunden, der Dieb war ein Offiziersschüler der Hochschule der Seekriegsflotte. Das Museum befand sich auf dem Gelände der Hochschule.

In der Nacht zum 6. August 2004 wurde in der Stadt Ples (Gebiet Iwanowo) aus dem Landschaftsmuseum Iwan Schischkins Bild "Wiese am Waldrand. Siwerskaja"(1887) gestohlen. Auf dem schwarzen Markt wird das Gemälde auf 100 000 Dollar geschätzt. Im November 2005 brachte ein Unbekannter das Gemälde ins Gesamtrussische kunstwissenschaftliche Restaurationszentrum, um die Authentizität festzustellen. Das Bild wurde beschlagnahmt und an das Museum zurückgegeben. [ RIA Novosti ]