russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



04-08-2006 Sankt Petersburg
Für die Fonds der Eremitage stehen Verstorbene gerade
Über Jahre hinweg wurden die Kunstwerke der Staatlichen Eremitage in Sankt Petersburg ausgeraubt und geplündert worden, musste der Direktor des weltberühmten Museums, Michail Piotrowskij, auf einer speziell einberufenen Pressekonferenz am Dienstag eingestehen.

Die Kunstschätze mögen schon vor 30 Jahren sein, doch erst jetzt wurde der Diebstahl festgestellt, hieß es in Fernsehberichten. Wie ein Milizsprecher erklärte, gab es schon seit Jahrzehnten keine umfassende Inventur der Museumsfonds mehr. Die letzte Bestandsaufnahme, die im August letzten Jahres in Angriff genommen worden ist, hat offenbart, dass mehr als 200 der wertvollsten Exponate verschwunden sind. Mehr noch, die meisten von ihnen werden noch immer der Obhut von Museumshütern zugerechnet, die schon längst das Zeitliche gesegnet haben.

Museumsdirektor Piotrowskij beharrte unterdessen, dass die Inventur der musealen Fonds plangemäß verläuft. "In der Eremitage wird der Bestand ständig und unablässig überprüft." Während der planmäßigen Kontrollen, die staatlich festgelegt werden und der Berichterstattung unterliegen würden, war die Russische Abteilung an der Reihe, sagte er. Dabei habe sich herausgestellt, dass 221 inventarisierte Museumsstücke fehlen.

Die Bestandsaufnahme in der Russischen Abteilung wurde im August 2005 durchgeführt. Im November verstarb eine 49jährige Kustodin direkt an ihrem Arbeitsplatz, was den Sicherheitsdienst nach Agenturmeldungen veranlasste, Sofortmaßnahmen zu ergreifen. Der Fonds wurde versiegelt, so dass theoretisch niemand mehr einen Zugang hatte. Zumindest solange, bis ein neuer Kustos bestellt worden war. Danach wurde die Inventur in zwei Fonds wieder aufgenommen, für die die verstorbene Museumsmitarbeiterin zuständig war. Doch erst im Juli 2006 wurde der Verlust offiziell bekannt gegeben.

Der Direktor ließ sich nicht darauf ein, die Namen der Verdächtigen zu nennen. Er gab indessen aber bekannt, dass vier Museumsmitarbeiter Zugang zu den gestohlenen Wertgegenständen hatten. Piotrowskij zweifelte an, dass es sich um organisierte Kriminalität handelt, zeigte sich aber überzeugt, dass die Täter nicht aufs Geratewohl gehandelt hätten. Jeder Diebstahl sei von ihnen sorgfältig geplant gewesen, berichtete auch das Fernsehen.

Was die Kunststudenten angeht, die zu den Sammlungen der Eremitage Zugang hatten, so dementierte der Museumsdirektor Berichte über deren Verwicklung in den Vorgang. Ohne das Mittun von Museumsmitarbeitern wäre der Diebstahl nach seiner Überzeugung nicht möglich gewesen.

Die verloren gegangenen Schätze, hauptsächlich Werke der russischen Juwelierkunst, könnten schon alsbald auf dem Raritätenmarkt auftauchen. "Es gibt einen Schwarzmarkt und einen Weißmarkt für Kunstschätze. Ich denke, dass es möglich sein wird, unseren Gegenständen nachzuforschen, wenn sie dort verhökert werden", macht sich Piotrowskij Mut. Weniger forsch fiel das Eingeständnis aus, dass die archivierten Exponate nicht versichert waren. Nur wenige waren außerdem in der elektronischen Datenbank des Museums erfasst.

Wegen des Verlusts hat die Justiz ein Untersuchungsverfahren eingeleitet. Wird vorerst wegen Diebstahls in besonders schwerem Fall ermittelt, so könnten die Untersuchungen wegen Diebstahls von besonders wertvollen Gegenständen betrieben werden.

Der Skandal in der Eremitage hat eine Kommission der staatlichen Museumsaufsicht auf den Plan gerufen. Außerdem wird am 14. August der Verband der Museen Russlands zu einer Tagung in Sankt Petersburg zusammentreten. Piotrowskij steht übrigens an seiner Spitze. Natürlich wird dabei der Vorfall in der Eremitage Diskussionspunkt sein.

Das russische Strafrecht ist in Bezug auf den Tatbestand "Diebstahl von besonders wertvollen Kunstgegenständen" nicht eindeutig. Es lässt eine genaue Definition der Bestimmung "besonders" vermissen.

Was das Strafmaß betrifft, so sind für den Diebstahl von Gegenständen oder Dokumenten mit besonderem historischen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder kulturellem Wert, begangen durch eine Gruppe von Personen nach vorheriger Absprache, Freiheitsstrafe von acht bis 15 Jahren und Vermögensentzug vorgesehen.

Wie der Erste Kanal des russischen Fernsehens vermerkt, gab es im zaristischen Russland den Begriff der "Gotteslästerung" oder des "Frevels". Der Plünderer von Kultgegenständen wurde auf dessen Grundlage zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt, büßte seine bürgerlichen Ehrenrechte ein und wurde nicht auf dem Friedhof bestattet.

Hauptproblem der Museumsdepots ist ihr gewaltiger Umfang, schreibt die Internetzeitung Gazeta.ru. Zu Zeiten der Sowjetmacht übten Museen die Rolle von Sammlern und Verwaltern einzigartiger Kunstgegenstände aus. Die staatliche Politik lautete folglich, das Beste gehört in die Museen. Sie führte jedoch dazu, dass der Reichtum ihrer Sammlungen jedes vernünftige Maß überschritt. Die Museen bewahren inzwischen weit mehr auf, als sie jemals ausstellen können. Gewöhnlich präsentieren sie der Öffentlichkeit nicht mehr als 5 bis 10 Prozent ihrer Exponate, während der gewaltige Reichtum an Schätzen in den Depots lagert.

Die Schaffung eines effektiven Sicherheitssystems ist bei derartigen Umfängen außerordentlich schwierig. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass einige Exponate sehr klein sind und problemlos aus dem Museum gebracht werden können, indem sie in der Hosentasche verschwinden oder als Anstecker an die Bluse geheftet werden. Museale Fonds sind Heiligtümer. Sie entstanden über Jahre und Jahrhunderte. In den Depots lagern sie auf ewig.

Das Depot der Eremitage ist das Allerheiligste. Wie Direktor Piotrowskij einräumt, stellt das Museum ungefähr 5 Prozent seiner insgesamt 3 Millionen Exponate aus. Mit anderen Worten, in den Lagern verbleiben derweil 2 850 000 Museumsstücke. Für die Wertgegenstände haftet der Kustos.

Was auch immer von supermodernen und, wie behauptet wird, zuverlässigen Sicherheitssystemen gesagt wird, die Aufsehen erregendsten Museumsdiebstähle passieren nun einmal gewöhnlich in den musealen Fonds. So verschwand im Jahre 2001 aus der Eremitage das Bild des französischen Malers Jean-Léon Gérôme "Bassin im Harem". Ein anderer Diebstahl, bei dem eine versilberte Fruchtvase abhanden kam, ist fast aufgeklärt. Die Vase ist im Juli 2005 aus der Eremitage gestohlen worden, doch kürzlich, so teilte Piotrowskij mit, wurde sie aufgespürt und soll schon demnächst zurückgeführt werden. Ihr Wert liegt wohl nicht über 1 500 US-Dollar.

Die jetzt aufgedeckten Diebstähle verkörpern jedoch einen Schaden von ungefähr 130 Millionen Rubel, also etwa 5 Millionen US-Dollar. Experten zweifeln indes nicht daran, dass der Auktionswert um ein Mehrfaches höher liegen dürfte. Die gestohlenen Exponate sind außerdem nicht im Ausland gewesen, so dass auch ihr Versicherungswert nicht feststeht.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird in Russland nach 50 000 Bildern und anderen antiquarischen Gegenständen gefahndet. Die Täter handeln im Auftrag und nicht selten behandeln sie einzigartige Werke einfach nur barbarisch, schreibt die russische Zeitschrift "Serkalo nedeli" ("Wochenspiegel").

Wie die BBC berichtet hat, kommt ein erheblicher Teil der Kunstschätze dank der UN-Konvention gegen den illegalen Handel mit Kulturgütern nach Russland zurück. Die Sowjetunion hatte sich ihr im Jahre 1970 angeschlossen.

Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Erfahrungen, die in der Ukraine und in Weißrussland in Bezug auf Kunstraub gemacht wurden.

In der Ukraine befasst sich die Abteilung für Eigentumsdelikte des Fahndungsdepartements mit der Verfolgung einschlägiger Straftaten. Sie konnte in den letzten Jahren allerdings nur 40 Prozent der etwa 3 000 Kunstdiebstähle aufklären.

Zwei Fälle wirbelten in der Ukraine besonders viel Staub auf. Im Jahr 2000 wurden in einem Kloster im Gebiet Riwne drei wertvolle Ikonen gestohlen. Zuvor, im Jahr 1997, waren aus dem Kunstmuseum Tschernigow 13 Bilder mit einem Gesamtwert von 3 Millionen US-Dollar verschwunden. Bis zum heutigen Tag konnten die Kunstwerke nicht aufgefunden werden.

Privatsammlungen trifft es unterdessen in den meisten Fällen zufällig. 70 bis 80 Prozent antiquarischer Gegenstände verschwinden bei Wohnungseinbrüchen. Gewöhnlich handelt es sich dabei um kleinere Ikonen, die von Meistern in den Klöstern geschaffen worden sind. Als am wertvollsten gelten die Ikonen der Altgläubigen aus dem Gebiet Odessa.

Es sei vermerkt, dass Kulturdiebstähle in der Ukraine als gewöhnliche Kriminalität eingestuft werden, weshalb eine spezielle strafrechtliche Ahndung auch nicht vorgesehen ist. Museumsräuber erwarten geringe Freiheitsstrafen, in der Regel nicht länger als 5 Jahre Haft. Wohnungseinbrüche und Kunstraub werden vom Gesetz faktisch gleich behandelt.

Die Fahnder würden es leichter haben, wenn ein einheitliches Kunstraubregister angelegt werden würde, so die Meinung in der Ukraine.

In diesem Zusammenhang sind auch die Erfahrungen der Nachbarländer interessant, unter anderem die, die in Weißrussland gesammelt wurden. Bis in die 70er Jahre hinein wurden Kirchendiebstähle in Weißrussland überhaupt nicht erfasst beziehungsweise als ein geringfügiges Eigentumsdelikt eingestuft. Erst nachdem Kunstwissenschaftler Dokumentationen über historische und kulturelle Wertgegenstände erarbeitet hatten, wurden derartige Straftaten als Diebstahl in besonders schwerem Fall eingestuft.

Zu dem einheitlichen Kunstraubregister hat in Weißrussland nur eine begrenzte Zahl von Personen einen Zugriff, denn seinerzeit kam es aufgrund der allgemeinen Verfügbarkeit der Dokumentation von Wertgegenständen zu einer ganzen Diebstahlsserie. [ RIA Novosti ]