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12-10-2004 Sankt Petersburg
Ausländische Kritiker wussten die slawische Originaliät des ukrainischen Regisseurs zu schätzen
Zum Haupthelden des Theaterfestivals „Das baltische Haus", das in St. Petersburg durchgeführt wird, ist der ukrainische Regisseur Andrej Scholdak geworden. Die internationale Kritiker-Jury zeichnete seine neuen Aufführungen „Ein Monat auf dem Lande" und „4,5" mit dem Theaterpreis der UNESCO für 2004 /15 000 US-Dollar/ aus.

Die Verleihung des erstrebenswerten Preises wies endgültig nach, dass der Regisseur seinen Platz im Avantgarde-Theater der Welt gefunden hat, schreibt die Zeitung „Wedomosti".

Das Prinzip des Theaters von Scholdak, das in zwei Aufführungen des Charkower Schewtschenko-Theaters demonstriert wird, stellt eine schnelle Montage von Visionen dar. Das Stück „Ein Monat auf dem Lande" fasste der Regisseur als einen Film auf, auf dem vereinzelte Bilder und Bilderserien aus dem tollen Leben eines Guts fixiert sind. Der Regen, der auf die handelnden Personen fällt, gibt das Gesetz des Aufbaus der Aufführung vor: Sie besteht aus einzelnen Tropfen-Bildern.

Das zusammenhängende Sujet - die Grundlage des traditionellen Theaters - ersetzt Scholdak durch eine Art Baukasten der erstarrten Augenblicke, in den handelnden Personen deckt er das Puppenhafte, Machanistische auf. Die Bewegungen der Schauspieler sind an ein kompliziertes Muster gebunden, das mit ungewöhnlicher Genauigkeit und Brillanz befolgt wird: Scholdak wandelt die Gestalten der freien Phantasie in lebendige Handlung um. Die auf den Schildern geschriebenen Stichwörter - Aufrufe bewegen sich mechanisch auf der Bühne. Abgerissene Wörter, die laut und auf gleiche Art ausgesprochen werden, werden in verschiedenen Kombinationen wiederholt, so dass ihr Sinn vernichtet wird.

Die zweite Aufführung von Scholdak, die beim Festival gezeigt wurde, ist in noch höherem Maße abstrakt. Sie ist mit einer Zahl betitelt: „4,5". Es gibt, übrigens, auch einen Untertitel: "Goldoni. Venedig". In dieser Aufführung orientiert sich Scholdak nach den Prinzipien des poetischen Theaters, die von dem Klassiker der ukrainischen Regie Les Kurbas ausgearbeitet worden sind.

Das Milieu der Aufführung ist das Wasser, das von oben hinunterströmt, die Aquarien füllt, auf die handelden Personen fließt, im Laufe der ganzen Handlung rauscht und seine eigene Logik des toten Elements, der ewigen Bewegung festsetzt. In den stilisierten altertümlichen Interieurs vollziehen schön gekleidete Venezianer mit feierlicher Mine absolut sinnlose Handlungen, und sprechen anstelle von Wörtern Ziffern aus. Das Vokabular beschränkt sich aus 75 Begriffe - ihr Verzeichnis wird unter den Zuschauern verteilt, und das ist eine Art Provokation: Versuchen Sie einen Sinn dort zu entdecken, wo er fehlt. Das erdachte Venedig von Scholdak entpuppt sich als Babylon des Wahnsinns.

Das Theater von Scholdak ähnelt der Malerei von Bruegel, der das Chaos der menschlichen Existenz gleichsam aus einer Entfernung, malerisch, ausführlich, mannigfaltig darstellt und dabei zahlreiche parallel verlaufende Sujets montiert. Sein Stil ist originell. Er schafft kein Multimediamilieu, in dem die synthetische Darstellung die Eigenschaften des dramatischen Theaters völlig eingebüßt hat. Die Atmosphäre der Aufführungen geht von der naturalistischen Phantasmagorie Gogols, von dem ukrainischen Singspiel und der emotionellen Unausgesprochenheit von Tschechow. Die Hauptausdruckskomponenten seiner Schau sind fantastische Menschengestalten, die von den Schauspielern momentan und doch auf ihre Art inhaltsvoll gespielt werden. Das Theater von Scholdak basiert auf dem besonderen Humor, dem mehr Staunen als Fröhlichkeit inne wohnt. Die slawische Originaliät seiner Aufführungen haben die ausländischen Kritiker nach Gebühr geschätzt. (RIA)