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04-04-2009 Sankt Petersburg
Wenn es den Ländern schlechter geht, rücken sie näher zusammen


[ Von Eugen von Arb und Markus Müller ] Nebst grossen Sympathien für Russlands zweite Hauptstadt brachte Walter Gyger, der neue Schweizer Botschafter in Russland, jede Menge Optimismus an das Treffen mit Petersburger Journalisten mit. Er hat vor, Russlands Provinz von Kaliningrad bis Wladiwostok zu erkunden, und Russland in seiner Heimat noch populärer zu machen.



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Während eines Mittagessens hatten Petersburger Journalistinnen und Journalisten die Gelegenheit, sich gewissermassen über den Tellerrand hinweg mit dem neuen Botschafter zu unterhalten. Zu den obligaten Fragen gehörte natürlich jene nach seinen Aufgaben als Botschafter in Moskau.

Neben der diplomatischen Vertretung Georgiens und Russlands durch die Schweiz nannte Gyger die Vorbereitung des Staatsbesuchs von Präsident Dmitri Medwedew im kommenden Herbst - die erste Visite eines russischen Präsidenten in der Schweiz! Bei diesem Treffen soll unter anderem ein Abkommen über die wissenschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet werden. Zur Zeit, so Gyger, vergebe die Schweiz zwanzig Wissenschaftsstipendien an Russinnen und Russen - damit sei Russland das höchst dotierte Land. Diese Zusammenarbeit solle gefestigt werden.

Handelsabkommen der EFTA mit Russland

Wie erwartet wurde Gyger auch auf die Wirtschaftkrise angesprochen, worauf er meinte, er sähe die Krise durchaus als Chance. “Wenn es den Ländern schlechter geht, rücken sie näher zusammen,” antortete er. “Es gibt sehr viel, was man tun kann, das nicht unbedingt mit grossen Kosten verbunden ist - zum Beispiel kann man den Handel zwischen Ländern erleichtern.” Gemeint war damit sicherlich auch ein Handelsabkommen mit Russland, das die EFTA-Wirtschaftsunion anstrebt.

Natürlich interessierte die Medienvertreter auch die Zukunft des Schweizer Bankgeheimnisses, das mittlerweile auch für viele Russen von Bedeutung ist. “Die russischen Bankkunden brauchen nicht zu zittern”, beruhigte er. Das Bankgeheimnis werde nicht preis gegeben, die Schweiz unterzeichne lediglich ein OECD-Memorandum, das eine Auskunft bei Strafverfahren möglich macht.”

Die Grossmutter aus Kaliningrad

Generell zeigte sich Gyger optimistisch und sparte nicht an Lob für Petersburg, das ihn nicht nur als Kulturstadt, sondern auch als Wirtschaftsstandort beeindruckt hat. “Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum nicht schon viel mehr Schweizer Firmen in dieser Region investiert haben”, fragte er sich laut.

Gyger möchte diese Region in der Schweiz noch mehr bekannt machen, und auch einen Vorstoss in die übrige russische Provinz unternehmen: Wladiwostok, Tscheljabinsk, Nowosibirsk - und Kaliningrad heissen Gygers erste Reiseziele. Das letztere hat er aus rein privaten Gründen im Auge - aus Königsberg stammte nämlich seine Grossmutter.

Schweiz als Reiseziel bei Russen beliebt

Auch bezüglich Schweizer Vertretungen in Russland hatte Gyger Neuigkeiten zu berichten. Als Schengenstaat anerkennt die Schweiz seit vergangenem Dezember die Visa anderer Schengenstaaten. Das hat logischerweise zu weniger Anträgen geführt - “Wir sind aber erstaunt, dass der Einbruch nicht so stark war wie erwartet”, erklärt er. “Das bedeutet, dass trotz Krise immer noch viele Russen die Schweiz als Erstziel bereisen.” Seinen Angaben zufolge hat man letztes Jahr in Moskau 85.000 und in Petersburg 12.000 Visa ausgestellt.

Die Petersburger Vertretung - vor drei Jahren erst zum Generalkonsulat aufgewertet - bekommt nun endlich eine Residenz. Noch diesen Sommer soll diese auf der Petrograder Seite unweit des Stadions eingeweiht werden. Das bedeutet in erster Linie mehr Platz - Raum, der auch für kulturelle Zwecke genutzt werden kann. Bezüglich Kultur zeigte sich Gyger vom Medium Film zur Kulturvermittlung begeistert. Dank Filmprojekten sei die Schweiz auch in Indien sehr populär geworden, und die Zahl indischer Touristen sei stark angestiegen.

Deutsche Schule von zentraler Bedeutung - auch für die Schweiz

Die Gründung der Deutschen Schule in Petersburg, in deren Planung auch das Schweizer Generalkonsulat einbezogen wird, wertet Gyger sehr hoch. Anhand des Beispiels der russischen Schule in Genf verdeutlichte er die zentrale Bedeutung eigener Schulen für Ausländer. “Diese Schule hat dazu geführt, dass die Region Genf heute bei Russen sehr beliebt geworden ist.” Wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter ins Ausland schicke, seien die Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder immer einer der ersten Punkte, die angesprochen würden - das werde auch im Fall von Petersburg so sein. Dank der gegenseitigen Anerkennung deutscher und schweizerischer Mittelschulabschlüsse, stehe für die Absolventen der Deutschen Schule auch der Weg an die Schweizer Universitäten offen.
[ eva / mm / Sankt Petersburger Herold ]
[ Foto: Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]