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13-05-2009 Sankt Petersburg
Typisch Russland: Provinzler - die von hier, die nicht von hier sind


[ Von Eugen von Arb ] Zum Glück bin ich nicht von hier - das heisst, zum Glück. bin ich nicht einer von hier, der nicht von hier ist. Ich meine damit die zugezogenen Russen aus der Provinz, auf die man hier in Petersburg gerne hinunterschaut.



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In Gesprächen unter Städtern sind Worte, wie “glucho” (abgelegen, öde) oder “Kolchos” (Landwirtschaft) beliebte Ausdrücke, wenn man sich über die Provinz lustig macht oder entsetzt über die Zustände dort berichtet. Denn für Städter ist die russische Provinz ein fremdes Land, und seine Bewohner sind Ausländer.

Provinz, dieses Wort lässt sie schaudern - es steht für windschiefe Holzhäuser, eingefrorene Heizungen, Straßenbelag voller Schlaglöcher oder Schlammpiste, Plumpsklo und Waschen im Fluss. Strom hat die letzte Bruchbude, denn Elektrifizierung gehörte ja zum Plan. Kommunismus, das war «Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes» – nur ans Scheissen oder Waschen hat damals niemand gedacht. Auf dem russischen Dorf fehlen noch heute die nötigsten Dinge, allen voran sauberes Trinkwasser.

Nachrichten vom Land über Gelbsuchtepidemien und ganze Schulklassen, die mit Lebensmittelvergiftung im Spital liegen, werden in der Stadt etwa so ernst genominen wie eine Staumeldung und lösen höchstens ein ungläubiges Kopfschütteln ans. Ja, die Provinzler sind eben arme Schweine, denkt der Städter, aber irgendwie sind sie auch selber schuld. Sie schaffen es halt einfach nicht, sich in Moskau Gehör zu verschaffen und ihre korrupte Regierung zum Teufel zu schicken. Solange sie ihre Probleme nicht in den Griff kriegen, ist es recht, dass ihnen Moskau nun auch noch den Gouverneur vor die Nase setzt, denken viele. Man selbst hat es ja geschafft und genießt das Landleben alljährlich auf der Datscha mit Gasgrill und Satellitenschüssel gleich neben der Stadt.

Mit Stadt meine ich selbstverständlich nur Moskau oder Petersburg, alles andere wird von Hauptstädtern gerne als “Dyra” (Loch) abgetan. Millionenstädte wie Nowosibirsk (1,4 Millionen Einwohner), Jekaterinburg (1,3 Millionen) oder Rostow am Don (1 Million) gelten hier bestenfalls als größere Dörfer - für einen Schweizer eine unglaubliche Erscheinung. Wenn dort nicht Verwandte leben - für manche ein peinlicher Hinweis auf die eigene Herkunft - oder man auf einer Dienstreise dorthin verschickt wird, bekommt man diese Orte gar nie zu sehen, und was man nicht kennt, gibt es nicht. Dementsprechend ist alles. was Geltung hat, in Moskau und Petersburg angehäuft: Macht und Geld, Kultur und Wissen.

Was Zivilisation ist, lernen die bedauernswerten Geschöpfe von außerhalb der Stadtgrenze in der Regel auf ihren Pilgerfahrten in eine der Hauptstädte. Ihre dreckigen und ausgeleierten Autobusse, in denen sich der eine oder andere Schläfer von der Nachtfahrt (oder einer langweiligen Führung) erholt, lassen sich vor dem Bolschoi Theater oder der Eremitage leicht ausmachen. Sie unterscheiden sich frappant von den Fahrzeugen örtlicher Busunternehmer, auf denen noch die ausgebleichte Beschriftung westlicher Carunternehmen klebt.

Wenn nicht als ehemalige Schlachtfelder, so tragen Provinzstädte allenfalls als Industriestandorte große Namen: Samara ist Lada, Magnitogorsk bedeutet Stahl, Iwanowo steht für Textilien. Traditionsgemäß haben die Kleinen auch heute die Aufgabe, die beiden Grossen zu versorgen, das gilt auch für den Energiesektor. Wie das ganze Land sind Moskau und Petersburg abhängig von den Rohstoffgebieten des rückständigen Sibiriens. Nur scheinen sie dies in ihrem Stolz leicht zu vergessen. Die Provinz muss schauen, wo sie bleibt.

Obschon die strikten Zuzugsbeschränkungen der Sowjetzeit abgeschafft wurden, sind Moskau und Petersburg noch heute für viele Russen uneinnehmbare Festungen, die sich durch eine elefantöse Bürokratie nach außen abschotten. Umso mehr tut man gut daran, seine Herkunft zu vertuschen, wenn man einmal drin ist. Der ländliche Akzent ist schnell beseitigt. Das größte Problem ist es, als Auswärtiger in Gesprächen seiner Vergangenheit auszuweichen. Am einfachsten ist es für jene, die als Studenten in die Großstadt gekommen sind – bei ihnen beginnt das Leben einfach erst mit dem Unidiplom. Aber wehe, das einheimische Gegenüber wittert Landluft – dann wird unbarmherzig mit Fragen nachgebohrt, bis der Zugezogene seine Herkunft gestanden hat.

Zum Glück bin ich nicht von hier, denke ich dann. Wie gut, ist meine Heimat das Land des Zahlungsausgleichs, wo jedem der Föderalismus mit der Muttermilch verabreicht wird. Begeistert beginne ich dann von meiner schönen Kindheit im 600-Seelen-Bauemdorf zu erzählen und warte mit dem größten Vergnügen auf den Irrenwärterblick der Russen, die zum ersten Mal im Leben einem stolzen Provinzler begegnet sind.
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]

[ Foto: eva / Sankt Petersburger Herold ]