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04-06-2009 Sankt Petersburg
“Klein-Davos” - das Petersburger Wirtschaftsforum PEF fällt dieses Jahr bescheiden aus


[Von Eugen von Arb ] Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als man das Petersburger Wirtschaftsforum schon als zweites Davos bezeichnete, fällt das Forum dieses Jahr deutlich bescheidener aus. Nicht nur die Gästeliste ist deutlich kürzer und weniger prominent, auch die Traktandenliste weist kaum Highlights auf - das PEF steht im Schatten der Krise.




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Gelassen, aber auf alles gefasst erwarten die Petersburgerinnen und Petersburger die Stunde X, wenn im Stadtzentrum (fast) alles still steht, weil das dreitägige Wirtschaftsforum anrollt. Obschon weit ausserhalb der Stadt, lähmte die Mammutveranstaltung schon im vergangenen Jahr ganz Petersburg. Diesmal hingegen wird das Forum auf dem Lenexpo-Gelände auf der Wassili-Insel im Zentrum abgehalten. “Es komme, was kommen mag” - so lassen sich die Gedanken der meisten beschreiben, insbesondere jener Automobilisten, die wegen der VIP-Konvois durch die Stadt und vom Hafen zur Lenexpo jederzeit im Stau steckenbleiben können.

Die Metro-Station auf der Wassili-Insel wird zeitweise abgestellt, Bus- und Tramlinien sind umgeleitet, den Firmen im Umkreis des Forums wurde empfohlen, am 5. Juni einfach einen Tag frei zu machen, ja sogar die alljährliche Abschaltung des Warmwassers zur Reinigung der Heizkraftwerke wird wegen des PEFs verschoben. Auch im Mobilfunkverkehr kann es während der Forumstage zu Schwierigkeiten kommen, da sämtliche Gespräche der Kreml-Administration verschlüsselt werden müssen und gleichzeitig der übrige Gesprächsverkehr aus Sicherheitsgründen vermehrt “gefiltert” wird.

Eröffnung mit Protestaktion auf der Trasse Vologda - St. Petersburg

Im Prinzip ist das Spektakel längst angelaufen - gestern eröffnete Premier Putin das neue Nissan-Werk bei Petersburg. Seine Ankunft benutzten die Bewohner des Städtchens Pikalewo im Leningrader Gebiet für eine Protestaktion. Sie sperrten die wichtige Strasse zwischen Wologda und Petersburg und produzierten damit einen 40 Kilometer langen Stau, um auf die massiven wirtschaftlichen Probleme in der Provinz aufmerksam zu machen und die Behörden zum Handeln zu zwingen. Prompt reagierte der Kreml - die drei krisengefährdeten “BaselZement”, “EvroZement” und “SevSavProm”, die ihren Angestellten schon seit Monaten die Löhne schuldig sind, sollen verstaatlicht werden.

Die Aktion kann symbolisch für das gesamte Wirtschaftforum stehen, das tief in den Schatten der Krise geraten ist. Das betrifft zum einen die Besucherliste, die weitaus weniger interessant ist als im Vorjahr und in den letzten Tagen noch durch Absagen, wie jene des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko gelichtet wurde. Auch in den Führungsetagen hat man momentan Dringenderes zu tun, als nach Petersburg zu reisen. Ganz offensichtlich hat das Forum noch nicht den Status von Davos erreicht.

Krisenbekämpfung und KMUs als Themenschwerpunkte

Auch die Traktandenliste ist sehr viel unspektakulärer. Im vergangenen Jahr fanden während des PEFs noch grandiose “Stapelläufe” statt, so zum Beispiel die Eröffnung der Petersburger Rohstoff-Börse, der Projektstart für die Suzuki-Autofabrik bei Petersburg, oder die Grundsteinlegung für das Kultur- und Business-Zentrum auf “‘Neu-Holland”. Freilich arbeitet die Börse bisher im Kriechgang und die Zukunft der beiden letzten Projekte ist wegen diverser Schwierigkeiten in Frage gestellt, schreibt Fontanka.ru

Dieses Jahr lauten die Themenschwerpunkte Krisenbekämpfung und Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen - beides Gebiete, auf denen Russland bisher keine Glanzleistungen erbracht hat. Im Gegenteil wurden die KMUs bisher bei der Entwicklungsförderung stets an den Rand gedrängt, wenn nicht sogar behindert. Erst jetzt, im Moment der Krise, scheint man bemerkt zu haben, dass das wirtschaftliche “Mittelformat” in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt wurde. [ eva / Sankt Petersburger Herold ]