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08-06-2009 Sankt Petersburg
Peterburger Wirtschaftsforum PEF mit unfreiwilliger Volksnähe


[ Von Eugen von Arb ] Trotz aller Bemühungen der Organisatoren war das 13. Internationale Wirtschaftsforum Petersburg (4. - 6. Juni) nur ein Event mit lokaler Bedeutung, der keine Sensationen hervorbrachte. Ausserdem mischte das Volk kräftig mit - Ministerpräsident Putin hatte sich in der Provinz unfreiwillig einem Anschauungsunterricht zum Thema Wirtschaftskrise zu unterziehen.



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An den drei Tagen passte alles zusammen - Krise, Regenwetter und ein Wirtschaftsforum, das im vergangenen Jahr noch als “zweites Davos” betitelt, zu einer lokalen und von der Weltöffentlichkeit wenig beachteten Veranstaltung zusammen geschrumpft war. Die Zahl der Gäste im Vorjahr mit 8.000 beziffert, betrug dieses Jahr noch 3.500 aus 83 verschiedenen Ländern. Vom internationalen Charakter war nicht viel zu spüren, der deutsche Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Ex-Premierminister Japans Junichiro Koizumi waren die hochrangigsten Teilnehmer.

Alte Themen aufgewärmt: Rubel als Leitwährung und WTO-Beitritt

Dafür war die russische Seite um so stärker vertreten: Präsident Dmitri Medwedew, Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullina, Finanzminister Alexei Kudrin sowie der Generaldirektor der staatlichen Nanotechnologie-Korporation (Rosnano) Anatoli Tschubais traten an den Diskussionsforen auf. Hauptthema war wie angekündigt die Weltwirtschaftskrise - allerdings spiegelte sich in Petersburg dieselbe Unschlüssigkeit gegenüber diesem Problem wieder wie sie in der übrigen Welt vorherrscht.

Während sich Präsident Medwedew optimistisch gab und die Krise als Zeichen für einen Umbau der Weltwirtschaft darstellte, gaben sich andere weit kritischer. Wirtschaftsministerin Nabiullina sprach von der Möglichkeit einer zweiten Krisenwelle und Finanzminister Kudrin war der Meinung, man habe noch nicht einmal den Höhepunkt der ersten Welle erreicht. An Konkretem hatte man nicht viel zu bieten - immerhin wurde ein Projekt zur Unterstützung von KMUs unterzeichnet. Waren während des letztjährigen Forums Geschäftsabschlüsse in der Höhe von rund 14 Milliarden Dollar erzielt worden, so sprach man dieses Jahr von “einigen Milliarden”, ohne in die Details zu gehen. Zu den grössten Fischen gehört laut Fontanka.ru die Bestellung von 250.000 Intel-Computern für russische Schüler.

Daneben wurden verschiedene alte Themen aufgewärmt - so zum Beispiel der WTO-Beitritt Russlands. Nabiullina gab sich entschlossen und kündigte an, man warte nun schon 16 Jahre darauf und wolle kein “17. Jubiläum” in dieser Angelegenheit feiern. Präsident Medwedew sprach erneut von seiner Idee des Rubels als Hauptwährung, der man jedoch eher skeptisch gegenüber stand und meinte, früher als der Rubel werde wohl der chinesische Yuan zur Leitwährung aufsteigen.

Pikaljowo - das Wirtschaftsforum in der Provinz

Von weltweitem Interesse waren jedoch nicht diese Themen, sondern vielmehr Medwedews Haltung im russisch-ukrainischen Gaskonflikt, der sich während des Forums erneut zu entzünden drohte. Zeitweise hatte man auch das Gefühl, das Forum sei in die russische Provinz in die Kleinstadt Pikaljowo verlegt worden, wo sich die Wirtschaftskrise gewissermassen “live” an einem russischen Musterbeispiel präsentierte und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog.

Kurz vor dem Forum hatte die Bevölkerung des Fleckens aus Protest die Hauptstrasse blockiert und einen 40 Kilometer langen Stau produziert. Die Gründe für den Unmut hätten typischer nicht sein können: Schon seit einigen Monaten zahlten die drei wichtigsten Unternehmen der Stadt keine Löhne mehr. Ohne Einkommen konnten die Menschen keine Mieten und Gebühren mehr entrichten, weshalb ihnen kurzerhand Gas und Heisswasser abgedreht wurden.

Während Präsident Medwedew am Petersburger Forum gut Wetter zu machen versuchte, zeigte “Sheriff” Putin ein weiteres Mal, wer der Herr im Haus ist, in dem er in Pikaljowo Ordnung schaffte. Die peinliche Blitzaktion verlief nach russischem Muster: Plötzlich flossen Lohngelder, Gas und Warmwasser und die Verantwortlichen wurden öffentlich ausgeschimpft oder gleich ihres Amtes enthoben. Die drei kränkelnden Betriebe werden voraussichtlich verstaatlicht - ein Beispiel für russische Krisenhilfe, die momentan vielerorts praktiziert wird.
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]