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14-06-2009 Sankt Petersburg
Typisch Russland: Ich kaufe nichts! Oder doch? Bazar in der Metro


[ Von Eugen von Arb ] Ich habe gerade meinen Lieblings-Stehplatz in der Metro ergattert und zwar in der Nische zwischen Bank und Tür. Genussvoll lasse ich mich von der Anfahrtsbeschleunigung in die Ecke drücken und schliesse für einen Moment die Augen - es ist fast wie Fliegen.



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Durch das Donnern und Heulen des Zugs dringt plötzlich ein anderer Lärm - der Lärm ist die Stimme eines kleinen, drahtigen Manns, der in der Mitte des Waggons steht und gestikuliert. Sein Gesicht erzählt Geschichten, seine impertinente Stimme übertönt alles: “Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Tag, meine Damen und Herren. Bitte erlauben Sie mir, Ihnen den Filzstift “Roller” vorzustellen”, mahlt sein Mund den eindressierten Vers.

Angewidert wende ich mich ab und versuche, mit einem ostentativen Blick in meine Zeitung den Marktschreier zu ignorieren. Dieser hat mich längst erreicht hat und schnarrt mir direkt ins Ohr: “Der Stift ist in den vier Farben Schwarz, Blau, Rot und Grün erhältlich und liegt stets gut in der Hand, ob im Büro oder zu Hause.”

“Rutschka-Roller” - der Renner in der U-Bahn

Nun blicke ich ihn böse an, doch er fährt ungerührt fort - “Rutschka Roller” schreibt ohne zu schmieren auf jeder beliebigen Oberfläche”, schreit er und ein Ruck seiner Hand lässt mich erschreckt zur Seite hüpfen. Dicht neben mir zeichnet er eine schwarze Linie über Wand, Rahmen und Fenster - “Sogar auf Kunststoff, Metall und Glas!” Ich bin baff, brauche einen Moment, mich zu fassen. Den Stift kannte ich längst, nur diese ebenso unverschämte wie originelle Form der Demonstration noch nicht.

Neben dem Rollerstift sind Pflaster das am meisten angebotene Produkt. Pflaster? Ja, sie werden als Zehnerstreifen verkauft, und sind besonders während der Datschensaison ein Erfolg, weil das Volk sich dann die Hände im Garten zerkratzt. Ausserdem sind sie wie der Stift leicht in einer unauffälligen Tasche unterzubringen - der Handel in der Metro ist illegal, versteht sich.

Beeindruckende Live-Demonstrationen im Waggon

Genauso pünktlich zur dunklen Winterzeit tauchen im Untergrundhandel jene Lämpchen auf, die man sich wie ein Bergmann an den Kopf schnallen kann, um nicht im dunklen Treppenhaus auszurutschen. Stets aktuell sind der Wunder-Schleifstein für Küchenmesser und der Glasschneider. Alles wird live vorgestellt, abgehauene Papier- und Glasstücke fallen auf den Boden - verfolgt von den ungläubigen Blicken der Umstehenden.

Abgelaufene Modejournale, Enzyklopädien, Filme, Märchenbücher, Adress-CDs und ausziehbare Kugelschreiber-Zeigestock-Laserpointer werden in kunstvoller Rede angepriesen, und alles kostet fast nichts. Bei einem Filzstift mit unsichtbarer Geheimtinte plus Ultraviolet-Lesegerät ist es um mich geschehen - sowas wünsche ich mir seit meiner Kindheit. Ich halte den Hundertrubel schon in der Hand, als der Zug abrupt stoppt und der billige Iwan bereits in den nächsten Waggon hechtet.

Furzende Ballone

Den weitaus fidelsten und leider auch seltensten Auftritt bietet der Verkäufer bunter Luftballons, die nicht nur die verrücktesten Formen und Farben haben, sondern auch mit einem Heulpropeller ausgerüstet sind. Der Vorführung kann sich niemand entziehen, selbst im vollgestopftesten Wagen kriegt jeder mit, worum es geht, wenn der Verkäufer zum Abschluss einfach seinen soeben aufgeblasenen Ballon mit Geheul an der Decke entlang “furzen” lässt.
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]

[ Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold ]