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14-06-2009 Sankt Petersburg
Thomas Glavinic:”Es gibt keine “Ich-lose” Literatur”
[ Von Eugen von Arb ] Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic las in der Majakowski-Bibliothek und unternahm mit seinem Publikum eine Reise in seine innere Welt, in die grenzenlose Einsamkeit des Schreibers, der verzweifelt versucht, mit seiner Umgebung in Kontakt zu treten.



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Eine angenehme Lesung - ein Autor, der Ruhe ausstrahlt, konzentriert aus seinem Werk vorliest, dazwischen etwas erzählt und offen auf die Fragen des Publikums eingeht. In seinem kurzen Auftritt, der von der Österreich-Bibliothek in Petersburg organisiert worden war, konnte Thomas Glavinic ein vollständiges und abgerundetes Bild von sich und seiner Literatur vermitteln wie es selten gelingt. Die Stellen in seinem Buch “Die Arbeit der Nacht” (2006) waren klug ausgewählt, und Glavinic hielt einen massvollen Lese-Erzähl-Rhythmus ein.

Sein Buch erweist sich als ausgewogene Mischung aus innerer und äusserer Welt. Neben seinen eigenen Gedanken lässt er den Leser die Stadt Wien erleben, in der er selbst eines Tages erwacht und merken muss, dass Zeit und Leben stehen geblieben sind. Nach den ersten Anzeichen - totes Internet, rauschendes Fernsehen und Radio - fährt er verzweifelt durch die leere Stadt, um nach Menschen zu suchen und hisst schliesslich auf dem Fernsehturm einen kläglichen Hilferuf auf Tüchern.

Ähnlich einem Schiffbrüchigen, der feststellen muss, dass er vom Meer (der Einsamkeit) umschlossen ist, beginnt er, rastlos die Insel seines Ichs zu durchforschen, mit dem er allein geblieben ist. Nur in der Nacht “besuchen” ihn in (Alp-)Träumen, Erinnerungen und rätselhaften Zwischenfällen jene Menschen, die er einmal gekannt hat.

Reise ins Reich der Fragen, Zweifel und Ängste

Ganz offensichtlich ist dieses Buch ein Schlüsselwerk Glavinics, sonst hätte er ja noch andere seiner sechs Romane vorstellen können. Er verzichtete sogar darauf, auf sein aktuellstes Buch “Das bin doch ich” (2007) einzugehen, was ziemlich viel Mut und Entschlossenheit verlangt. Doch wahrscheinlich kommt sich der Autor in “Die Arbeit der Nacht” am nächsten - auf diese Reise ins Reich der Fragen, Zweifel und Ängste nimmt er seine Leser mit.

“Es geht darin um die letzten Dinge”

Im anschliessenden Gespräch schilderte Glavinic, wie einsam er sich während der dreijährigen Arbeit an dem Buch gefühlt habe. “Es geht darin um die letzten Dinge”, fasste er zusammen. Dazu gehören nicht nur die Existenzängste, wie sie jeder hat, sondern auch die Furcht vor dem Scheitern als Schriftsteller.

Weil er gewusst habe, dass er das Motiv des einsamen Menschen nicht als erster verwende, habe er das Projekt in einem kritischen Moment fast eingestellt. “Ich dachte damals, ich hätte vielleicht Herbert Rosendorfers “Groses Solo für Anton” wiederholt und war gewaltig erleichtert, als ich statt einer Urheberrechtsklage einen ermutigenden Brief von ihm erhielt”, erzählte Glavinics.

Nicht mehr im Schatten der “Grossen”

Er sei sich aber bewusst, dass sich in der Literatur alles wiederhole und habe deshalb keine Hemmungen, seine ganz eigene Geschichte zu erzählen - “Es gibt keine “Ich-lose” Literatur”, unterstrich er seine Position. Während frühere Schriftsteller-Jahrgänge im Schatten der “Grossen” wie Günther Grass oder Martin Walser gestanden hätten, könne seine Generation wieder etwas Neues beginnen, meinte er optimistisch.
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]

[ Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold ]