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02-07-2009 Sankt Petersburg
Die Russen entdecken ihre Kirche neu - die Wiedergeburt des Pilgerorts Kaschin in einer Ausstellung


[Von Eugen von Arb ] Eine vielseitige Ausstellung im Städtischen Skulpturenmuseum zeigt am Beispiel des Pilgerorts Kaschin, wie die russisch-orthodoxe Kirche versucht, nach siebzig Jahren Sozialismus ihren früheren Glanz wieder herzustellen.



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Noch heute, zwei Jahrzehnte seit dem Ende des staatlich verordneten Atheismus, sind viele Russinnen und Russen daran, Religion und Kirche neu zu entdecken. Für die russisch-orthodoxe Bevölkerung sind dabei natürlich jene Heiligen und Pilgerorte interessant, die vor der Revolution Volksmassen anzogen. Nach 1917 verfielen sie in einen Dämmerschlaf, und sogar dort, wo Kirchen und Klöster nicht zerstört wurden, sorgte der Zahn der Zeit für den totalen Zerfall der Gebäude.

An Orten, wie Diwejewo, wo der Heilige Serafim Sarowski verehrt wird und neben den Heilquellen auch die Klosteranlagen wieder hergestellt werden, erlebt die Kirche an vielen Orten in Russland einen unvorstellbaren “Boom”. Zu den wichtigen russischen Pilgerorten gehört auch das Städtchen Kaschin unweit von Twer, wo in diesen Tagen die zweite Heiligsprechung der Heiligen Anna Kaschinskaja (1279-1368) vor hunder Jahren gefeiert wird. Die Fürstin lebte als Klosterfrau, ihr Mann und drei Söhne kämpften gegen die Tataren und kamen dabei ums Leben.

Schutz vor Feind, Feuer und Krankheit

Als das Städtchen im 17. Jahrhundert beim Vormarsch der polnisch-litauischen Truppen verschont blieb, führten dies die Bewohner auf den Schutz der Fürstin Anna zurück und erklärten sie zu ihrer Heiligen. Der Wunderglaube verstärkte sich später im 19. Jahrhundert als in Kaschin eine Feuersbrunst auf unerklärliche Weise verlöschte und Pest und Cholera dem Ort fernblieben. Von dieser Heiligengeschichte zeugt eine Reihe von Malereien und Ikonen in der Ausstellung.

Bereits 1650 wurde Anna auf Geheiss des Zaren Alexei heilig gesprochen, ihre Gebeine bestattete man in der Auferstehungskirche. Während der Spaltung der orthodoxen Kirche machte man die Kanonisierung jedoch wieder rückgängig, und erst am 25. Juni 1909 setzte Zar Nikolai II. sie wieder in Kraft. In der Ausstellung im Ausstellungssaal wird man in diese Zeit zurück versetzt – dank der umfangreichen Ausstellung mit rund 70 historischen Aufnahmen, die im Archiv des Fotografen Wladimir Kolotilschik überlebten.

Fotos versetzen einen zurück ins Jahr 1909

Auf ihnen wird sichtbar, wie sich der kleine Flecken mit rund 7.000 Einwohnern für den grossen Tag herausputzte, an dem neben dem Zaren mehrere Zehntausend Gläubige anreisten. Daneben werden auch Bilder aus dem Alltag Kaschins gezeigt, das im 19. Jahrhunderts wegen seines Mineralwassers zum Kurort erklärt wurde. Wären es nicht Fotodokumente, könnte man wirklich glauben, die idyllische Hügellandschaft, gespickt mit Zwiebeltürmchen stammten aus einem Märchenbuch. Allerdings sind von den 70 Kirchen und 13 Klöstern nicht einmal die Hälfte übrig geblieben.

Mit grossem Enthusiasmus arbeitet das örtliche Kloster wieder an der Wiederauferstehung Kaschins – neben der Ausstellung hat man ein Buch über die Heilige Anna herausgegeben, das am 14. Juli in der Ausstellung vorgestellt wird. Gleichzeitig mit der Stadt Kaschin feiert auch die Kirche der Heiligen Anna auf der Vyborger Seite ihr Jahrhundert-Jubiläum, die zu Ehren der Kaschiner Heiligen errichtet wurde.

Die Ausstellung ist bis am 26. Juli geöffnet.
Städtisches Skulpturenmuseum,
Newski-Prospekt 179,
Eintritt: 50 Rubel.
[ eva / Sankt Petersburger Herold ]