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03-09-2009 Sankt Petersburg
Petersbürger Walter Denz: Gekommen, geblieben und glücklich geworden
[ Von Anna-Lena Dohrmann ] Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Als Walter Denz vor siebzehn Jahren nach St. Petersburg kam, hat er sich sofort in die Schönheit dieser Stadt verliebt. Für ihn stand fest, dass er hier bleiben möchte. Und er hat es geschafft. Trotz vieler Probleme und Rückschläge hat er sich als Geschäftsmann in St. Petersburg behauptet, ist glücklich mit einer russischen Frau, Natalia, verheiratet und Vater eines 3 ½ -jährigen Sohnes, Markus.



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Ohne Russisch ist man in Russland verloren – das hat Walter Denz sehr schnell gemerkt, als er nach St. Petersburg kam. „Und das war Anfang der 90er Jahre noch viel extremer. Heute ist es immer noch sehr schwer, wirklich weit zu kommen, ohne die russische Sprache. Aber damals war es unmöglich. Russland war ein absolut abgeschlossenes Land, da gab es keinen Austausch, also gar keinen Austausch.“ Walter Denz guckt nachdenklich nach oben – eine Mischung aus Unglauben aber auch Begeisterung.

“Für mich stand fest, dass die Zukunft im Osten liegt”

„Diesen historischen Moment wollte ich miterleben. St. Petersburg war gerade dabei aufzuwachen, da gab es soviel angestaute Energie. Für mich stand fest, dass die Zukunft im Osten liegt. Diese Momente kannst du nicht nachholen, oder? Entweder man ist dabei oder eben nicht. Und ich wollte dabei sein!“ Seine Augen leuchten, er nimmt seine Brille ab und spielt mit ihr herum. Walter Denz ist in Zürich geboren und aufgewachsen, hat dann zuerst in St. Gallen und später in London Politik studiert. Als er dann gerade dabei war seine Dissertation zu schreiben, hat er alles hingeschmissen und ist aufgebrochen in den wilden Osten.

Angekommen in St. Petersburg, ohne ein Wort Russisch zu sprechen, entstand dann die Idee eine eigene Sprachschule zu gründen. „Ich musste ja selber Russisch lernen, so habe ich automatisch diese Infrastruktur gebraucht und aufgebaut. Als Ausländer eine Sprachschule aufzumachen, ist eigentlich recht üblich. Schließlich bin ich so quasi selber Konsument und weiß genau, was meine Kunden brauchen.“

“Man muss als Unternehmer eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen”

Soweit so gut. Doch aller Anfang ist schwer. Anfang der 90er Jahre gab es den Internetboom noch nicht. Werbung musste also über Telefon, Plakate und Flyer erledigt werden. „Wir waren voller Enthusiasmus. Für uns war ganz klar, dass jetzt alle kommen und unsere Sprachkurse besuchen wollen. Doch leider ging das alles nicht so schnell wie gedacht. Der Markt gibt das Tempo vor, nicht wir – das war eine harte Lektion.“

Doch der Durchhaltewillen hat sich gelohnt: Mittlerweile hat Walter Denz nicht nur zwei Büros in St. Petersburg, sondern auch noch eine Niederlassung in Moskau und sogar eine eigene Reiseagentur, die Reisen in die Schweiz und nach Österreich organisiert. Insgesamt beschäftigt er inzwischen ca. 50 ständige Mitarbeiter plus Teilzeitkräfte oder Aushilfslehrer. All das zu erreichen, bedeutete aber auch, immer wieder Rückschläge einzustecken. „Ja klar hatte man dann auch Zweifel und Überlegungen alles hinzuschmeißen. Aber ich bin nicht der Typ, der aufgibt. Und außerdem bin ich der Meinung, dass man als Unternehmer eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen muss. Es geht immer einen Schritt vor und zwei zurück – das sage ich aus eigener Erfahrung“, er lacht, holt einmal tief Luft und sagt: „Und es geht immer weiter. Richtig schlimm wird es eigentlich nie.“

“Diese Stadt hat alles: Weltgeschichte, Weltliteratur, Kultur und auch Tragik”

Und er sieht für St. Petersburg noch eine blühende Zukunft. Auch wenn die Stadt noch sehr viele Probleme hat – besonders was die gesamte Infrastruktur anbelangt. „Das ist eine Frage der Zeit. Hier werden viele Fehler gemacht, aber die wurden in anderen Städten auch gemacht. Das ist normal. Aber das Potential von St. Petersburg ist einfach da. Diese Stadt ist einfach unglaublich attraktiv. Sie hat alles: Weltgeschichte, Weltliteratur, Kultur und ja, auch die ganze Tragik der Stadt. Keine andere Stadt hat so geballt so viel zu bieten. Ich empfinde es als ganz großes Privileg hier leben zu dürfen.“

Die Lebensbedingungen in St. Petersburg haben sich seit seiner Ankunft dramatisch verbessert. Heute ist üblich, dass sich viele Russen, eine Wohnung, ein Sommerhaus und ein Auto (und nicht nur einen Lada) leisten können. Außerdem ist es für viele mittlerweile selbstverständlich auch Urlaub im Ausland zu machen. „Früher war das alles unvorstellbar. Früher waren die Regale eher leer als voll. Und als Ausländer wurde man in der Metro angestarrt, also wirklich richtig angestarrt wie ein Außerirdischer. Aber gleichzeitig wurden wir Ausländer auch vergöttert, man hat uns immer alles geglaubt.“

Auch die Arbeitsmoral ist europäisch geworden

Und auch gesellschaftlich gab es riesige Unterschiede erinnert sich Walter Denz. War es früher unmöglich einer Frau die Hand zu geben, ist es heute selbstverständlich. Auch eine Frau hinter dem Steuer ist heute normal – als seine eigene Frau Anfang der 90er Jahre ihren Führerschein machte, war ihr Fahrlehrer nicht so begeistert von der Idee. Und auch die Arbeitsmoral ist europäisch geworden: Von Montag bis Freitag wird gearbeitet und dann gibt es das verdiente Wochenende. Früher wurde zwar immer gearbeitet, aber dazwischen auch immer ein bisschen Wodka getrunken.

Seit siebzehn Jahren in St. Petersburg, erfolgreicher Unternehmer, glücklicher Ehemann und Vater –Walter Denz hat sein Zuhause gefunden, ganz klar! Und dennoch macht er einen feinen Unterschied: „Zuhause ist nicht gleich Heimat. Meine Heimat ist nach wie vor die Schweiz, dort wo ich geboren bin.“ In die Schweiz zu ziehen, steht für die Familie Denz aber nicht zur Debatte – spätestens jetzt nicht mehr, wo doch in diesem Jahr die Deutsche Schule eröffnet wurde. „Die Einschulung unseres Sohnes hätte ein Grund sein können. Aber den gibt es jetzt nicht mehr. Wir wollen, dass Markus zweisprachig und mit zwei Kulturen aufwächst. Aber seine Heimat ist Russland – dort, wo er geboren ist.“
[ Anna-Lena Dohrmann / Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Sankt Petersburger Herold