russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



07-10-2009 Sankt Petersburg
Der Standort verändert die Perspektive – 20 Jahre nach dem Fall der Mauer eine Podiumsdiskussion in St. Petersburg


Bei der Eröffnung des 2. Europatags in St. Petersburg diskutierte ein hochkarätiges Plenum die Europäische Geschichte seit dem Fall der Berliner Mauer und die Zukunftsaussichten der Gesellschaften zwischen Atlantik und Ural.




Werbung


St. Petersburg als die “europäischste Stadt Russlands oder russischste Stadt Europas” bietet die einmalige Chance ohne die Fehler verursachende Wechselwirkung all zu großer Nähe den Stand der Dinge zu betrachten. Der Standort bestimmt die Sichtweise, neue Standorte eröffnen neue Sichtweisen und St. Petersburg bietet schon zum 2. mal die Chance aus dieser anderen Perspektive auf Europa zu blicken.

20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer stellten sich geladenen Gäste 2 grundlegende Fragen – wurden die Erwartungen nach dem Fall der Mauer erfüllt ? und zweitens -wie entwickelt Europa und Russland sich in die Zukunft?

Ein leidenschaftlicher Europäer

Der polnische Dissident, führendes Solidarnocz Mitglied, Publizist, Herausgeber der größten Linksliberalen Tageszeitung Polens und bekennender Europäer, Adam Michnik, bedankte sich bei den Beteiligten des Mauerfalls, namentlich auch Gorbatschow für die Tatsache, nicht im üblichen “Reflex der Systeme” gehandelt zu haben. So konnte ein friedliches Ende der Diktaturen in Europa stattfinden.

Er verdeutlichte er die grundsätzliche Geografische und Politischen Umwälzungen die sich in dieser kurzen Zeit abspielten. Mit dem Bild die “Nachbarn Polens” vor dem Mauerfall waren es die DDR, die Tschechoslowakei und die Sowjetunion. Nach der Mauer gab es kein einziges dieser Länder mehr.

Er sieht den Mauerfall als Beginn einer Umwälzung von Ideen und die selbst die Russische Revolution übertreffend, eine 500 Jährige Ära abschließt. In diesem Kontext ist bei allem unvollkommenen in Europa noch viel Zeit zur Konsolidierung der immer noch nicht abgeschlossenen Zerfalls der alten Systeme.

Adma Michniks Ausblick für die Zukunft- Europa wird seine Qualität als “Softpower” und den Export seiner Grundwerte “Demokratie statt Diktatur”, “Markt statt Staat” und damit Russland auf Dauer nicht nervös sondern zum unverzichtbaren Teilhaber werden lassen.

Ein russischer Ökonom aus Paris

Aus Paris angereist hat Sergey Medwedew ( nicht verwand mit dem Präsidenten), Professor an der höheren Schule für Ökonomie, Paris, hat den geschärften detaillierten Einblick aus Europa auf seine Heimat. Auch er betont das Glück das 89 nicht in einer Katastrophe geführt hat. Und vermerkt ebenfalls, dass mit dem Fall der Mauer Europa noch ungeeint spricht.

So lehnen sich die ehemaligen Satelliten der Sowjetunion unter den direkten Schutz der USA weil Sie der EU und der Nato hier nicht genügend Verständnis für Ihre Lage zumessen. Am deutlichsten am Verhalten bei der Unterstützung zum 1. Irak Krieg zu sehen. Er sieht die Gefahr das ein Europa der 27 ohne die Ratifizierung des Lissabonner Vertrags unregierbar wird. Gleichzeitig hat die EU mit Ihren Werten große Erfolge, der Euro, die kontinuierliche Einflussnahme unter Ausschluss der Gewalt – die “Softpower” der EU wird auch in Zukunft ein Modell bilden.

Sein Ausblick – die Regionen innerhalb Europas werden wichtiger. Der Dialog Brüssel Moskau weniger wichtig als z.B. der zwischen Katalonien und St. Petersburg. Europa wird ein offener farbiger Raum für die nach-westliche und nach-östliche Welt.

Experimentierfreudige Softpower

Gunter Pleuger, Präsident der Europa-Universität Viadrina freut sich nicht nur ob des friedlichen Ausgangs und der Gunst der Stunde die Deutschland in Europa wiedervereinigt hat.

Er ist immer noch beeindruckt von der Geschwindigkeit mit der sich Europa in dieser Zeit verändert hat. Das führt zu unterschiedlichen Anpassungen – die neuen Mitglieder noch unter dem Eindruck der Sowjetunion fühlen sich in Sicherheitsfragen näher bei den USA. Für Pleuger ist das Ende der Sowjetunion und der Fall der Berliner Mauer auch eine Zeitenwende – das „metternichsche System“ des Gleichgewicht der Mächte mit dem Ziel der Restauration, dem neuen dynamischen aber friedlichen Europa gewichen ist.

Sein Ausblick für den alten Kontinent – die anfänglichen Ängste ein Uniformes Europa sind nicht wahr geworden. Er sieht ein Europa der Regionen in dem sich die Länder und die Regionen ihre Identität bewahren. Mit Blick auf die Ukraine und Georgien betont er die Notwendigkeit das Verhältnis zu den USA zu restaurieren ohne Russland auszuschließen. Er erinnert an den Marshallplan in dem Deutschland trotz heftiger Kritik miteinbezogen wurde und 80 Millionen besiegte wenn nicht zu Freunden doch zu Partnern machte.

Der Transatlantiker

Für Prof. Loukas Tsoukalis, als Directory vom ELIAMEP, dem griechischen Zentrum für Außen- und Sicherheitspolitik es als Erfolg an, das die EU immer noch im Auf und Umbruch ist. Mit 27 Mitgliedsstaaten ist zwar ein Zwischenstand erreicht, aber das Modell immer noch nicht am Ende, der Export der “PAX Europa” geht im den Osten weiter und macht auch Staaten wie Georgien und der Ukraine Hoffnung, erzieht sie zur Demokratie.

Eine der größte Identitätsstifter in Europa macht Prof. Tsoukalis mit dem Euro aus. Das Verhältnis zu Russland sieht er nicht unproblematisch. Die EU in Ihrem kontinuierlichen und beispiellosen experimentieren als Softpower beschreitet politisch immer wieder neue Wege die allen Partnern, den USA aber auch Russland oft schwer zu deuten sind.

Auch er sieht mit dem Fall der Mauer eine Zäsur die das Europa seit dem Westfälischen Frieden abschließt und in eine Multipolares globale politisches System aufgehen lässt. Teil dieser Multipolaren neuen Welt ist, das Europa an Gewicht verliert und in Asien Gewicht gewonnen wird, bei dem Europa und Russland ein gemeinsame Grundlage finden müssen. Größe ist dabei wichtig. Daher glaubt er das Russland und EU in Zukunft zwangsläufig aufeinander zugehend und öfter gemeinsam agieren werden.
[ mm / Sankt Petersburger Herold ]