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07-10-2009 Sankt Petersburg
Petersbürgerin Daria Gvasaliya – Vier Jahre Schweiz und retour


[ Von Eugen von Arb ] Die Physikerin Daria Gvasaliya lebte mit ihrem Mann für vier Jahre in der Schweiz und kehrte 2006 wieder in ihre Heimat zurück. Zwar verbringt sie gerne die Ferien bei ihren Freunden im Land der Seen und Berge, doch zu Hause fühlt sie sich eindeutig in St. Petersburg.



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Sie ist eine Petersburgerin durch und durch – Daria Gvasaliya ist auf der Wassili-Insel aufgewachsen und verbrachte wie die meisten Russinnen und Russen ihre Sommerferien regelmässig auf der Datscha. Lange kannte sie keine andere Welt, doch dann kam der Bruch mit dieser Tradition – nach dem Abschluss ihrer Dissertation erhielt sie ein Forschungsstipendium am berühmten Trinity-College in Dublin.

“Es war für mich die erste Reise ins westliche Ausland, und ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten”, schildert sie ihr Erlebnis. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zum ersten Mal an den Klippen an der irischen See stand – es war eine Erleuchtung!” Zunächst schien es Gvasaliya, als hätte sie ihre Erfüllung gefunden: Die Arbeit im Labor war spannend, sie unterrichtete gerne, in dieser Zeit heiratete sie ihren weißrussischen Berufskollegen.

Nicht als Forscherin geboren

Doch mit der Zeit merkte sie, dass sie nicht als Forscherin geboren worden war. “Für die Forschung muss man ein Genie sein, und ich habe nichts Geniales geschaffen”, meint sie. “Die Forschung erschien mir mehr und mehr wie ein Laufrad – der ständige Wechsel zwischen Experiment-Aufsatz-Experiment-Aufsatz wurde mir zu eintönig.”

Nach einem Jahr Irland folgte sie ihrem Mann, der am Paul-Schärer-Institut ein Forschungsstipendium erhalten hatte, in die Schweiz. Ihr neuer Wohnort war Villigen – kein typisches Schweizer Dorf, denn ein Grossteil der Aargauer Gemeinde sind Ausländer aus allen Erdteilen, die am Paul-Schärer-Institut arbeiten. “Ich verkehrte fast nur mit Ausländern, darum fühlte ich mich überhaupt nicht als Fremde”, erzählt Gvasaliya.

Eine Schwester aus der Dominikanischen Republik

Über eine Kollegin lernte sie ihre “Schwester”, eine Dominikanerin kennen, die mit einem Berner verheiratet ist. “Sie behandelte mich wie ihre jüngere Schwester, weil sie selbst in ihrer Familie die jüngste ist und sich immer eine solche “kleine Schwester” wünschte”, erzählt Gvasaliya schmunzelnd. “In dieser Gesellschaft war es immer sehr laut und emotional – ich fühlte mich dort sehr wohl. Ich hatte immer geglaubt, ich sei temperamentvoll, aber bei meiner dominikanischen Freundin verstand ich wie “nordisch” mein Typ im Vergleich zu ihnen ist.”

Um sich besser zu integrieren, besuchte die Physikerin einen Deutschkurs und später auch einen Englisch-Konversationskurs – wo sie zum ersten Mal richtig mit Schweizern in Kontakt kam. Viele von ihnen waren schon etwas älter, hatten im Ausland gearbeitet und wollten ihr Englisch weiter pflegen. Sie wurde gut aufgenommen, doch spürte sie bei sich und bei ihren Kollegen, wie stark sie durch die Vorurteile des Kalten Kriegs geprägt wurden. “Ich war die einzige Russin in dieser Gruppe und begann manchmal richtig meine Heimat zu verteidigen.”

Wie viel hat der Eintritt gekostet?

Die Kurse wurden in der Villa Boveri in Baden abgehalten, womit Gvasaliya Einblick in die Geschichte der Badener Fabrikantendynastie erhielt, die sie faszinierte. Auch die übrige Schweiz lernte kennen und schloss sie in ihr Herz – “Ich liebe die Schweiz, ihre reine Natur, die schönen Berge und Seen”, schwärmt sie.

Doch gleichzeitig gab es auch Dinge, die sie störten. Zum Beispiel das Verhältnis der Schweizer zur Kultur: “Oft, wenn ich meinen Schweizer Bekannten von einem Konzert oder einem Museumsbesuch erzählte, war ihre erste Frage “Wie viel hat der Eintritt gekostet?” Wenn sie dann hörten, dass ich mir beispielsweise einstündiges Orgelkonzert für zwanzig Franken angehört hatte, fanden sie das teuer. Wurde hingegen neben dem Konzert noch ein Aperitif angeboten, fanden sie den Preis angemessen – diese Denkweise ist mir fremd.”

Nach vier Jahren trennte sich Gvasaliya von ihrem Mann und kehrte nach St. Petersburg zurück. “Erst hatte ich Angst, ich würde in mein altes Leben zurück zu kehren”, beschreibt Gvasalia ihre Gefühle. “Dann bemerkte ich, dass sich hier in der Zwischenzeit vieles verändert hatte – Russland ist offener geworden, man hat mehr “Bewegungsfreiheit”. Zum Beispiel genieße ich es, dass ich wie im Ausland einfach in eines der vielen Strassencafes setzen und etwas trinken kann.”

“Wir waren die Generation der Verweigerer”

Dank ihres zweifachen Hochschuldiploms in Physik und Informatik kann sie in beiden Fächern an der Herzen-Universität unterrichten. Trotz 30 Wochenstunden macht ihr die Arbeit viel Freude. “Die jungen Menschen sind voller Enthusiasmus und haben so viele Ideen – das finde ich sehr schön, denn zu meiner Zeit war noch alles normiert”, erzählt sie. “Wir waren die Generation der Verweigerer, und alles war grau und langweilig. Als Dekan für Kulturangelegenheiten organisiert sie alle möglichen Veranstaltungen mit den Studenten. “Kürzlich habe ich ein Kompliment bekommen – die Studenten sagten mir, ich sei ihre Muse, und das hat mich riesig gefreut!”

Als Dozentin beschäftigt sie sich mit Dingen wie “Cloud Computing” – die Entwicklung von Computerprogrammen, die Online laufen, statt auf dem Computer. “Auf diesem Gebiet verändert sich alles sehr schnell – wer weiss wie lange ich mich noch damit zurecht finde”, meint sie nachdenklich. ”Wenn ich ehrlich bin, unterrichte ich aber auch aus reinem Eigeninteresse – es macht mir einfach Spaß, immer wieder etwas Neues zu lernen.”

Fremdsprachen – ein Gottesgeschenk!

Zum Beispiel Fremdsprachen – dank ihrer guten Englisch- und Deutschkenntnisse brechen die Brücken ins Ausland nicht ab. “Als ich im vergangenen Jahr beruflich nach Deutschland reiste, spürte ich, was für ein Glück es ist, eine Fremdsprache zu sprechen – es ist ein Gottesgeschenk!”

Die Rückkehr nach Petersburg bedeutete aber auch die Rückkehr auf die geliebte Datscha, wo sich Daria Gvasaliya als begeisterte und kreative Gärtnerin betätigt und mit Erfolg Rhododendron und Tuja pflanzt. “Viele haben heute eine Allergie gegenüber der Arbeit im Garten – für mich hingegen ist es eine Entdeckung, weil ich früher nie dazu gezwungen wurde.”
[ Von Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Sankt Petersburger Herold