russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



02-12-2009 Sankt Petersburg
Petersbürger Ernst Steinmann: Um die Welt mit Töff und Diplomatenpass


[ Von Eugen von Arb ] Als langjähriger Konsul an allen Ecken des Erdballs und Leiter der Sektion “Konsularischer Schutz” kennt Ernst Steinmann die Anliegen und Probleme der Schweizer im Ausland aus allen Perspektiven.



Werbung


Der neue Schweizer Generalkonsul hat sich bereits in den Petersburger Alltag gestürzt. Russland hat er schon einmal bis Wladiwostok durchquert – auf seinem Motorrad.

“Sehen und spüren”

Den Bernern sagt man Ruhe und Gelassenheit nach – Ernst Steinmann hat sie tatsächlich und verliert sie auch in Russland nicht. Was tut man, wenn man neu ist in einer Stadt? “Sehen und spüren” heisst seine Devise. Dazu muss man sich ohne Diplomatenwagen und Chauffeur bewegen und in der Metro fahren. “Ich bewundere die Disziplin der Menschen hier, wenn sie in der Rush-hour in den überfüllten Zügen fahren”, zeigt sich Steinmann beeindruckt.

“Annäherungsversuche” auf dem Bauernmarkt und beim Coiffeur

Eine andere Möglichkeit “unters Volk” zu kommen, ist ein Besuch auf einem Markt. “Ich war kürzlich auf einem Bauernmarkt und habe Salat gekauft. Aber das, was ich mit meinen Russischkenntnissen erstanden habe, entpuppte sich dann als eine Art Meerchabis”, erzählt er lachend. “So passieren eben auch Fehltritte – man darf einfach keine Berührungsängste haben.” Eine weitere Annäherungsmethode ist ein Besuch beim Coiffeur. “Überall, wo ich bisher stationiert war, liess ich mir mindestens einmal in einem einfachen Coiffeursalon die Haare schneiden, das ist hochinteressant.”

Ein Töff-Club, der die Welt umrundet

Steinmann mag Russland und hat sich für seine zehnte Versetzung nach Petersburg beworben. Schon 1985 fuhr er zum ersten Mal als Individualtourist mit einem Renault 4 nach Petersburg, und vor fünf Jahren kam er wieder nach Petersburg zusammen mit seiner Mutter. Das prägendste Erlebnis war aber die Durchquerung des Landes bis Wladiwostok auf einer Motorradtour von der Schweiz in den Iran, nach Turkmenistan, Kasachstan, die Mongolei und Russland. Während dieser Reise lernte er das Land lieben. Ein Töff steht auch hier in Petersburg – ein anderer wartet in Santiago di Chile auf die nächste Etappe des Clubs, dessen Ziel es ist, einmal ganz die Welt zu umrunden.

Trägheit, Wehmut und Gastfreundschaft der Russen

“Am meisten beeindruckt mich in Russland die Wärme der Leute und das völlig andere Zeitverständnis – es fehlt die Hektik und der Moment bekommt eine ganz andere Bedeutung”, erzählt Steinmann fasziniert. “Ich glaube, von daher kommt die Trägheit, die Wehmut und die Gastfreundschaft der Russen, bei denen ein Fremder immer willkommen ist.” Das eher negative Image des Landes als Touristendestination hält er für Überreste aus der Zeit des Kalten Kriegs.

Abgeschirmtes Leben im Diplomatenviertel

“Ich war schon in schwierigeren Ländern”, meint er gelassen – zum Beispiel in Mocambique Ende der Achtzigerjahre kurz nach dem Bürgerkrieg. Als Konsul lebte Steinmann mit seiner Familie abgeschirmt im Diplomatenviertel und kam kaum aus der Stadt heraus. “Die Verhältnisse waren dort derart einfach, dass wir uns fast nur von Grundnahrungsmitteln ernährten – es war eine Sensation, wenn jemand aus Südafrika Glace zum Dessert mitbrachte. Auch bezüglich Nachrichten lebten wir sehr isoliert, da es kein Fernsehen gab.”

Unter Druck von Seiten der Medien und der Angehörigen

Extreme Situationen erlebte Steinmann auch auf seinem letzten Posten in der Schweiz als Leiter “Konsularischer Schutz”, einer kleinen sechsköpfige Sektion des Departement für auswärtige Angelegenheiten. In Krisensituationen war er dort gleich von zwei Seiten einem hohen Druck ausgesetzt. Einerseits forderten die Opfer und ihre Angehörigen schnelle Hilfe, andererseits schalteten sich die Medien sofort ein, wenn ein Fall nach Sensation roch. “Die Erwartungshaltung gegenüber dem Staat war noch nie so hoch”, erklärt Steinmann. “Die Rollen haben sich völlig vertauscht – kontrollierte der Staat früher seine Bürger, so ist er heute zu einem Dienstleistungsunternehmen geworden.”

“Holt mich hier raus!”

Bei Unglücksfällen, wie der Tsunami-Katastrophe in Asien oder der Sperrung des Flughafens Bankok, wird es sofort sehr emotional. “Holt mich hier raus!” So tönt es dann aus dem Telefonhörer. “Dann ist es sehr wichtig, den Leuten ruhig zu erklären, dass man sie nicht einfach in ein Flugzeug setzen kann”, meint der erfahrene Diplomat. “Am besten fragt man die Hilfesuchenden, was sie an meiner Stelle tun würden, dann begreifen die meisten sehr schnell. Dasselbe gilt bei Straftaten im Ausland – bei der Frage, ob sie einen Schlüssel fürs Gefängnis hätten, in dem ihr Sohn eingesperrt ist, werden die Eltern sofort vernünftig”, erklärt Steinmann sein Verhalten. “Auch die Kosten kann der Staat nicht einfach übernehmen – darum ist ein genügender Versicherungsschutz auf Reisen sehr wichtig.”

Braucht keinen Zibelimärit zum Leben

Obschon stark mit seiner Heimatstadt verwurzelt, ist Steinmann kein Heimweh-Berner: “Wenn ich meine Mutter besuche, so schätze ich die Ruhe und die hohe Lebensqualität in der Schweiz. Aber ich brauche keinen Zibelimärit zum Leben.” Wie die meisten Berner hat er sich aber über die beiden sibirischen Bären gefreut, die der russische Präsident Medwedew auf seinem Schweizer Staatsbesuch dem Bärengraben geschenkt hat. “Das hat die Berner Seele getroffen!”

Dossier:
eda.- Ernst Steinmann wurde 1957 in Bern geboren und ist in Lauperswil/BE heimatberechtigt. Er trat 1980 in den Dienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten und besetzte verschiedene Posten in Kapstadt, Wien, Tel Aviv, Marseille, Maputo, Brasilia, Istanbul und Addis Abeba. Im Februar 2004 wurde er in Bern als Desk Officer bei der PA II Asien/Ozeanien eingesetzt. Von 2006 bis 2009 hatte er die Funktion des Chefs Konsularischer Schutz inne.
[ Von Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Sankt Petersburger Herold