russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



03-12-2004 Sankt Petersburg
Ballett über Rasputin löst Proteste aus
Das neue Ballett "Rasputin", dessen Uraufführung im Opern- und Balletthaus des Konservatoriums von Sankt Petersburg stattfand, hat die Aufmerksamkeit der meisten Massenmedien Russlands auf sich gelenkt und die Kenner und Freunde der Kultur in beiden Hauptstädten konsterniert.

Der Titelheld, interpretiert vom ausgezeichneten Tänzer Faruch Rusimatow, wird als eine tragische Figur dargestellt, eine Variante von Iwan dem Schrecklichen und Savonarola. Die Heiligkeit dieses Starez wird auf der Bühne gar nicht angezweifelt: Die Szene, in der Rasputin die Blutung des hämophiliekranken Zarewitsch Alexej bespricht und zum Stehen bringt, gehört zu den eindrucksvollsten in der Inszenierung.

An einen solchen Rasputin sind die Russen nicht gewöhnt, denn sonst gilt der sibirische Zauberer als der böse Genius Russlands, der die Zarenfamilie zerstört und die blutige Revolution der Bolschewiki nähergebracht habe.

Zudem fasste das Konzil der Russisch-Orthodoxen Kirche kurz vor der Uraufführung des skandalösen Balletts den Beschluss, Rasputin - entgegen dem Wunsch eines Teils der radikalsten Geistlichen - nicht zu kanonisieren.

Nicht weniger Einwände erhoben sich auch gegen den tanzenden Nikolaus II., der, zusammen mit der Zarin und den Kindern erschossen, gerade vor Kurzem samt seiner Familie kanonisiert wurde. In Hunderten von russischen Kirchen hängen nun neue Ikonen, auf denen der zugrunde gerichtete Zar und Märtyrer wie auch seine getöteten Angehörigen neben Christus beten. Den Gläubigen erscheinen die Sprünge des Tänzers Valeri Lantratow in der Rolle des letzten Zaren gotteslästerlich, das Liebesduo Rasputins mit der heiligen Zarin grenzt für sie an Blasphemie. Der Regisseur des Balletts, der Petersburger Choreograph Georgi Kowtun, macht kein Hehl daraus, dass er an das lasterhafte Verhältnis Alexandra Fjodorownas mit dem Favoriten glaubt. Dabei haben Historiker längst bewiesen, dass all das Erdichtungen, ein böser Mythos sind, den Rasputins Gegner bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts ins Bewußtsein der Russen einträufelten.

"Selbst in der atheistischen Sowjetzeit konnten wir uns keine solche Religionsspötterei vorstellen, niemand durfte sich am Namen von Zar Nikolai Alexandrowitsch und seiner Umgebung in einer dermaßen ungenierten Weise vergreifen. Die Inszenierung ist eine Art Geschenk für die Verehrer des teuflischen Halloween und fällt nicht von ungefähr mit ihm zeitlich zusammen", lautet die Einschätzung der Premiere durch den bekannten russischen Monarchisten Viktor Antonow, Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift "Imperski kurjer".

Am ehesten hat der Monarchist Antonow das Ballett "Rasputin" nicht gesehen und wird es wohl auch nicht tun. Ebenso wie für viele andere ist für ihn das Thema selbst unannehmbar und von ästhetischen Werten, welcher Art auch immer, kann für ihn überhaupt keine Rede sein. Das Ballett Kowtuns, der expressive Tanz Rusimatows, die virtuose Darbietung Lantratows oder die Musik des Komponisten Wladimir Katschessow mögen noch so ausgezeichnet sein - an der abfälligen Beurteilung der Inszenierung ändert das nicht das Geringste. Ganz im Gegenteil: Die Tatsache, dass Katschessow vor Kurzem beim Internationalen Weber-Komponistenwettbewerb einen Preis erhielt, wird die negativen Gefühle der Kritiker nur noch verstärken.

Die Premiere von "Rasputin" zeigt, dass ein Teil der russischen Gesellschaft selbst nach der offiziellen Aufhebung der Zensur künstlerische Novitäten nicht akzeptiert und nahe daran ist, die Rolle des verbietenden Instituts freiwillig, sozusagen ehrenamtlich, ohne äußeren Zwang, zu spielen.

Mir erscheint die Priorität der Kunst in dieser prekären Situation wichtiger als die Angst, einen Tänzer in der Rolle eines Zaren zu sehen; denn Kunst ist ein Gebiet der Konvention, ein Bestandteil des Gesellschaftsvertrages über die Möglichkeit, das Leben - sei es auf der Bühne oder auf einem Gemälde - in der ganzen Fülle des menschlichen Daseins darzustellen.

In Abänderung de berühmten Worte von Vespasian, Geld stinke nicht, könnte man sagen: Musik (Kunst) stinkt ebenfalls nicht.

Leider hat das Ballett "Rasputin" eine andere Schwachstelle: Es stellt einen typischen Ausfuhrartikel dar und wurde von Anfang an für den Vertrieb bei Gastspielreisen gemacht; allein schon die Zahl der Kostüme beträgt über ein hundert! Außerdem wurden in die Musik des Balletts Aufzeichnungen des Großen Chors der Don-Kosaken unter der Leitung von Petja Chudjakow eingestreut. So etwas will bezahlt sein, daher auch die beabsichtigte Einstellung auf Skandal. Für einen Skandal aber gibt es keinen verlockenderen Namen als Rasputin. Der unheilvolle Name gehört ja zu den nicht weniger aufdringlich verkauften Markenzeichen von Russland wie russischer Kaviar, russischer Wodka und russischer Bär. Eben deshalb hat das Ballett Züge angenommen, die auf den ausländischen Verbraucher zugeschnitten sind. Den Rasputin und den Zaren ergänzen Kirchenglocken, Gebete und - wie nicht anders zu erwarten - Zigeuner.

Dem Geiste nach haben wir es mit etwas zu tun wie dem Restaurant "Zu Rasputin"; dieses befindet sich in einem Flügel jenes an der Newa gelegenen Palais von Fürst Jussupow, in dem der „Starez" ermordet wurde. Ein Tod auf der Speisekarte - gibt es einen spritzigeren Einfall?

Nun, die Manager des Projektes haben einen Erfolg zu verzeichnen: Das Ballett "Rasputin" ist von einem Skandal umweht. Die ersten Gastspiele werden in der Ukraine und dann in Moskau stattfinden. (Anatoli Koroljow, Kommentator der RIA Nowosti).