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27-04-2010 Sankt Petersburg
Deutsche Woche: Was haben Blogger in der deutschen und russischen Medienwelt zu suchen?


[ Von Eugen von Arb ] Die diesjährige Deutsche Woche hat es wirklich voll erwischt – die Sperrung des europäischen Luftraums wegen der Vulkanasche machte monatelang vorbereitete Veranstaltungen zunichte, liess Auftritte von Künstlern, Wissenschaftlern und anderen interessanten Persönlichkeiten wie Seifenblasen platzen – schade!



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Improvisation war gefragt

Die Situation zwang zur Improvisation, besonders flexible Personen nahmen einfach den Zug oder das Auto, statt zu fliegen. Wieder andere Deutsche, die zufällig in der Stadt waren und nicht wegfliegen konnten, nahmen plötzlich am Programm teil.

Der bekannte Hamburger Publizistikprofessor Siegfried Weischenberg und sein Kollege Steffen Burkhardt waren durch Zufall noch vor der Sperrung nach Petersburg gekommen und nahmen an der Konferenz “Medien und Politik: Mediakratie in Deutschland und Russland” an der journalistischen Fakultät der staatlichen Petersburger Uni teil.

Bloggs können professionellen Journalismus nicht ersetzen

Thesen zur Macht und Einfluss der Medien auf Politik und Gesellschaft kamen hier zur Sprache. Das Internet, das momentan Zeit die ganze übrige Medienwelt vereinnahmt oder auf den Kopf stellt, stand im Mittelpunkt, insbesondere die Bloggerszene.

Weischenberg und Burkhardt zeigten grosses Interesse an der russischen Bloggerszene, betonten aber gleichzeitig, wie wichtig eine kritische Distanz gegenüber dieser Szene sei. Bloggs könnten professionellen Journalismus nicht ersetzen, meinte Weischenberg. Oft seien Bloggs auf seriös recherchierten Nachrichten aufgebaut – nur erlaubten sich die Blogger einen viel schärferen Ton als die klassischen Medien. Das Internet habe einerseits zu einer Brechung des Informationsmonopols geführt, andererseits hätten sich Rolle und Berufprofil der JournalistInnen fundamental verändert.

Bloggs spiegeln Mangel an Demokratie und Kommunikation in Russland

Burkhardt, der sich als “Spezialist für Skandaljournalismus” bezeichnete, gab sich begeistert ab der grossen und aktiven russischen Blogger-Community, die 17 Millionen Mitglieder zählen soll. In Deutschland beschäftigten sich viele Blogger mehr mit Lifestyle-Themen als mit Politik, für die sich kaum jemand interessiere. Burkhardt verglich die Blogger mit jenen Leuten, die im 18. Jahrhundert Flugblätter verfassten, in denen sie über die “Sauereien” an den Königshäusern berichteten.

Sie wünsche Deutschland keine Zustände wie in Russland, entgegnete die Journalistin und Bloggerin Olga Serebrjanaja – die aktive politische Bloggerszene spiegle nur den Mangel an Demokratie und Kommunikation.

Viele Russinnen und Russen seien von einem typisch sowjetischen Misstrauen gegenüber den staatlichen Medien geprägt und informierten sich darum in erster Linie per Blogg oder Gerüchteküche – vor allem in Katastrophenfällen. In den meisten Fällen seien Blogger und Journalisten nicht dieselben Leute, grenzte Serebrjanaja ab.

“Netikette” statt Gesetzeszwang

Die von Angelina Davidowa geführte Diskussion war erstaunlich lebhaft – zahlreiche StudentInnen meldeten sich zu Wort, ein junger Zuhörer gab Kommentare zum Thema bekannt, die er direkt per Netbook von seiner Blogggemeinde erhielt. Es wurde auch durchaus provokativ gefragt, zum Beispiel meinte eine Studentin, man sollte den vielen Unsinn, der in Bloggs geschrieben werden, vielleicht durch Kontrollen vermindern.

Dagegen setzten sich die meisten Podiumsteilnehmer zur Wehr – Weischenberg forderte eine Berufsethik für Blogger, eine “Netikette”, an die man sich nicht durch den Zwang von Gesetzen, sondern freiwillig halte. Auch mit extremen Bloggs, zum Beispiel jenen von Neonazis, müsse die Gesellschaft irgendwie fertig werden. Demokratie sei ein Pluralismus an Foren.
[ Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold