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15-06-2010 Sankt Petersburg
Sommerzeit ist Prüfungszeit - und die Korruption im russischen Bildungssystem grassiert


[ Von Eugen von Arb ] Sommerzeit ist Prüfungszeit in Russland – in dieser Zeit werden die Diskussionen über die Korruption im Bildungssystem wieder wach. Damit russische Kinder und Jugendliche Kindergarten, Schule und Uni wohlbehalten durchlaufen, muss geschmiert werden – und das nicht zu knapp.



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Wer die Gelegenheit hat, zum Schulbeginn am 1. September in ein Klassenzimmer zu blicken, staunt nicht schlecht – nicht nur die Schülerinnen und Schüler sind wie Geschenke herausgeputzt und eingepackt, sondern auch der Schreibtisch der Lehrkraft gleicht einem Gabentisch, übersät mit teuren Blumenbouquets und Pralinenschachteln.

Bezahlt wird für Geburtstagsgeschenke und gute Noten

Sich mit den Erzieherinnen und Erziehern gut zu stellen, empfiehlt sich, denn sie sitzen sie bei wichtigen Entscheidungen, Noten, Versetzungen usw. am längeren Hebel. Obschon auch es auch in dieser Berufsgruppe Enthusiasten gibt, lassen sich vielen den Zustupf gefallen oder machen ihn sogar zur Bedingung für ein gutes Verhältnis, zumal die russischen Lehrergehälter miserabel sind.

Bezahlt werden muss nicht nur “richtige” Entscheide, sondern auch für “Kleinigkeiten”, wie ein Festbankett für die Prüfungskommission oder das Geburtstagsgeschenk für Lehrer und Professoren.

In Internetforen wird einerseits über den wachsenden Appetit der Lehrkräfte geschimpft und andererseits darüber debattiert, was an der Abschlussfeier auf dem Tisch für das Lehrerkollegium stehen muss. Da der Staat die Schulen am langen Arm verhungern lässt, finanzieren sich Schulen gewisse Anschaffungen wie Drucker, oder ein Computerbildschirme einfach auf Kosten der Eltern, schreibt Fontanka.ru

Vier Fünftel der Hochschulabschlüsse dank Bestechung

Laut offiziellen Statistiken gehen von den rund 500.000 jährlich erworbenen russischen Hochschuldiplomen etwa ein Fünftel dank materieller “Nachhilfe” an ihre Empfänger. Die Summe an Bestechungsgeldern wird auf insgesamt 5,5 Milliarden Dollar geschätzt – das Budget eines Kleinstaats.

Auch die Einführung des so genannten Einheits-Schulexamens (EGE) im vergangenen Jahr hat nicht wie erhofft zu einer Senkung der Korruption geführt, ganz im Gegenteil wurden im letzten Jahr 91 Prozent mehr Korruptionsfälle angezeigt, schreibt die russischsprachige “Epoch Times”. Abiturientenzeugnisse und Hochschuldiplome können zum Preis zwischen 1000 bis 2000 Euro auf der Strasse oder im Internet gekauft werden.

Mittlerweile viele Führungskräfte mit falschen Diplomen im Amt

Die jahrzehntelange Vernachlässigung dieses Problems hat mittlerweile dazu geführt, dass eine stattliche Zahl von Leuten mit gefälschten Diplomen und Doktortiteln in den Führungsetagen sitzt. Bekannt geworden sind unter anderem die Fälle des Bürgermeisters von Archangelsk, des Gouverneurs des Permsker Gebiets, des stellvertretenden Kulturministers und des Leiters des Katastrophenschutzes im Swerdlowsker Gebiet.

Laut Viktor Panin, Autor der Studie “Korruption im Bildungssystem Russlands” und stellvertretender Vorsitzender der Verbraucherschutzorganisations Russlands, ist diese Entwicklung sehr gefährlich. Er kommt zum Schluss, dass die Kinder bereits ab dem frühsten Schulalter mit diesem System vertraut werden und sich darum auch an die Korruption in allen anderen Lebensbereichen gewöhnen.
[ Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Bild: “Ich will alle Prüfungen bestehen” – ein Plakat in der Metro wirbt für das staatliche Einheits-Schulexamen (EGE).
Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold