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30-06-2010 Sankt Petersburg
“Volkspolizist” Dymowsky will mit “Bürger-Picknicks” gegen illegale Landaneignung protestieren


[ Video am Ende ]

[ Von Eugen von Arb ] Ex-Miliz-Major Alexei Dymowski, der mit seiner im Internet verbreiteten Rede an Putin über die Zustände im russischen Polizeiapparat für einen Skandal sorgte, will sich weiter gegen die Missstände engagieren. Mit so genannten “Bürger-Picknicks” will er im ganzen Land gegen die widerrechtliche Besetzung von Erholungszonen durch die Mächtigen protestieren.



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An einer Pressekonferenz erläuterte Dymowski den Hintergrund für diese neue Art des Protests. In Zusammenarbeit mit der Bürgerrechtsbewegung “Weisses Band” will er friedlich und im Rahmen des Gesetzes Meetings an jenen Orten organisieren, wo sich einflussreiche Geschäftsleute oder Politiker illegal Land für ihre Wohnhäuser oder Datschen unter den Nagel gerissen haben.

Protest-Picknick gegen Datschensiedlung

Konkret geht es um die geplante Datschensiedlung “Osero” an der Küste des “Komsomolskoe”-Sees bei Priosersk, zu dessen Teilhabern Premierminister Putin gehören soll. Die ganze russische Gesellschaft sei von Selbstbereicherung geprägt – die Mächtigen täten dies im grossen Stil, die Kleinen steckten sich ab und zu einen Rubel in die eigene Tasche.

Deshalb sei die Korruption ein Übel, an dem praktisch jeder russische Bürger beteiligt sei und das deshalb nur gemeinsam durch anständiges Handeln aus der Welt zu schaffen sei. Darum sei auch die geplante Reform des Polizeiapparats “von oben” eine Farce. Warum sollten die Mächtigen bei sich anfangen, fragte Dymowski.

Die angekündigte Kürzung des Personalbestandes führe lediglich dazu, dass erfahrene Polizisten, die sich nicht mehr mit dem System arrangierten, den Dienst quittierten. Übrig blieben junge und unerfahrene Beamte.

Die Probleme lägen viel tiefer – die Bevölkerung habe kein Vertrauen in die Polizei und die Justiz, gleichzeitig, seien die Polizisten völlig demotiviert. Dymowski erzählt Beispiel aus Samara – eine Angestellte einer Firma bemerkt nachts dass ihre Firma ausgeraubt wird und ruft die Polizei an. “Wir rauchen noch schnell eine Zigarette und schauen dann vorbei”, kriegt sie zu hören. Am nächsten Morgen erscheint eine Polizeistreife um das Protokoll aufzunehmen.

Polizisten sozial schlecht gestellt

Ein Grossteil der Polizisten haben diesen Beruf gewählt, um nicht ins Militär zu müssen. Dabei sei ihre gesellschaftliche Position miserabel. Sie verdienten schlecht, und von den angekündigten staatlichen Vergünstigungen für sie und ihre Familien hätten sie bisher wenig zu sehen bekommen.

Besonders interessant war, die Position des Ex-Polizisten Dymowski zu hören: “Wenn Du am einzigen freien Wochenende des Monats zum Einsatz bei einer Demo eingesetzt wirst, ist es Dir völlig egal, wofür oder wogegen die Leute demonstrieren. Du willst nur möglichst bald nach Hause, um Dich zu erholen. Darum wünschst Du Dir nur eines – nämlich dass die Veranstaltung möglichst schnell aufgelöst wird.”

Zubrot durch Schmiergelder

Darum versuchten sie, sich ein Zubrot durch Schmiergelder zu verdienen und sich irgendwie bis zur Pensionierung durchzuschlagen. Moralisch seien viele völlig demoralisiert – besonders in den Provinzsstädten. In Sibirien zum Beispiel hätte niemand etwas dagegen, wenn man sich bald China anschliessen würde, weil der Nachbar als wirtschaftlich erfolgreich gelte. Aber Russland hätte schon zuviele wichtige Leute verloren – es sei viel wichtiger, hier eine Bürgergesellschaft aufzubauen.

Die Machthaber zählten darauf, dass sich die Opposition spalte, erklärte Dymowski. Wolle eine Bürgerrechtsgruppe Erfolg haben, müsse sie ihre Einheit und die Solidarität unter den Mitgliedern wahren. Wie solidarisch sich die Petersburger Opposition mit Dymowski ist, wird sich schon bald zeigen, denn schon am 10. Juli soll das erste “Bürger-Picknick” steigen. Während der Ferien- und Datschenzeit Leute für Oppositionspolitik zu begeistern, dürfte besonders schwierig sein.
[ Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold ]
Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold


Russland und Korruption



Dymowskis Anklage


Ein Videoclip ist aktuell Hauptgesprächthema in Russland und wird bald seinen millionsten Zuschauer haben. Es handelt sich um die Anklage des Milizbeamten Dymowski. Er schildert offen systematische Korruption und Manipulation bei Russlands Polizei.