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29-08-2010 Sankt Petersburg
Spurensuche zur Sowjetzeit
Ein erster Blick auf das neu erschienene Werk „Auf Spurensuche durch die Zarenstädte“ von Elisabeth Weinschrott im Regal der Buchhandlung täuscht. Denn es handelt sich hier nicht um einen Reiseführer Moskau – Nowgorod – Sankt Peterburg, wie man erst vermuten könnte, sondern um einen Reisebericht aus den letzten Jahren des kalten Krieges.



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Was ebenfalls erst auf den zweiten Blick sichtbar wird (selbst der Klappentext erwähnt das nur im letzten Absatz) – die „Spurensuche“ ist der dritte Band einer Trilogie rund um die fünfwöchige UdSSR-Reise von vier (West-)Deutschen Anfang der 80er Jahre – vor Glasnost und Perestroika. Die beiden ersten Bände schilderten Reiseabschnitte hauptsächlich von nichtrussischen Teilen des Sowjetreichs, so dass sie der Aufmerksamkeit unserer Russland-Buchrezensenten entgingen. Dennoch ist der Band drei auch für sich lesenswert. Vor allem für Russlanderfahrene, die erst die nachsowjetische Föderation bereist oder dort gelebt haben.

Denn die Erlebnisse der vier Deutschen, unterwegs in zwei Privatautos, unterscheiden sich eklatant von den Erfahrungen, die man im neuen Russland sammelt. Alles war für Reisende streng reglementiert und vereinheitlicht. Die auf ein wenig Abenteuer abzielende Reisegesellschaft tat alles, um dem Intourist-Einheitsangebot der damaligen Zeit zu entfliehen, was jedoch nur schwer gelang. So endet ein Versuch, sich von Moskau „ungenehmigt“ zu entfernen, nach wenigen Kilometern an einer Polizeisperre. Heute von Touristen überfüllte Attraktionen genossen sie dafür weitgehend leer gefegt, wie den Nowgoroder Kreml. Die Grenzen zwischen der Ukraine und Russland existierte damals nur auf dem Papier, die Innenstadt von Sankt Petersburg (damals Leningrad) konnten sie in atemberaubender Geschwindigkeit mit ihren Fahrzeugen durchqueren – beim heutigen Verkehr undenkbar.

Dafür finden sich Eindrücke, die Russland damals ebenso hinterließ, wie noch heute oder auch zu weitaus früheren Zeiten. Etwa die unbeschreibliche Schönheit von Sankt Petersburg, Peterhofs Gärten oder die majestätische Aura des Kremls in Moskau. Interessant sind hier die über das Buch verteilten Bildaufnahmen, in denen sich ebenso Wandel und Kontinuität spiegeln. So hat sich das Erscheinungsbild des Newski Prospekts in Petersburg seit der damaligen Aufnahme so stark gewandelt, dass man kaum glauben kann, dass es sich hier um die gleiche Straße handelt.

Das Buch steckt auch für Kenner des neuen Russlands voller Überraschungen und ist darüber hinaus für zeitgeschichtlich Interessierte ein authentischer Leckerbissen. Die Erlebnisse werden ohne große Ausschmückungen geschildert und nur gelegentlich durch Zitate aus damaliger Reiseliteratur ergänzt. Neben dem Bericht an sich gibt es ein paar Übersichtskarten, ein zeitgenössisches Vor- und heutiges Nachwort. Wer sich für eine authentische Momentaufnahme des russischen Alltags in der späten Sowjetzeit interessiert, sollte bei der Spurensuche durch die Zarenstädte zugreifen.

Daten zum Buch: Elisabeth Weinschrott: Auf Spurensuche durch die Zarenstädte, Centaurus Verlag Freiburg 2010, ISBN 978 3862260010

Roland Bathon / russland.TV, Russland hören und sehen; mehr Russlandbücher auch unter www.buecher.nachrussland.de