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05-10-2010 Sankt Petersburg
Strelna: fröhliches Jubiliäumsfest vor tragischem Hintergrund


[ Von Eugen von Arb ]
Das 200-Jahre-Jubiläum der Deutschen Kolonie Strelna ging mit einem Festtag am Schauplatz zu Ende. Mit einer traurigen und gleichzeitig festlichen Note begann der Tag: die Einweihung des Denkmals an die Gründer der Kolonie beim lutherischen Friedhof unweit des Dorfs Gorbunki, das gleichzeitig Geburt und Untergang der Kolonie symbolisiert.



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Aman, Brenner, Kraubner, Eidemüller, Schäfer, … so hießen die Pionier-Familien, die in den Stein gemeisselt wurden. Für manche Abkömmlinge, die extra für das Jubiläum aus dem Ausland angereist waren, begann an diesem Tag eine Ahnensuche zwischen den Grabsteinen. Wege und Marmorplatten wurden freigewischt, Namen und Jahreszahlen entziffert. Noch sind bei weitem nicht alle Schicksale der hier beigesetzten Menschen erforscht.

Die Siedlung wurde 1941 endgültig ausgelöscht

Die Kolonie selbst gibt es nicht mehr, 1941/42 wurde sie endgültig ausgelöscht – ihre Menschen und ihre Häuser. Nach dem Überfall von Hitlerdeutschland auf die Sowjetunion wurden die letzten Deutschen, die den stalinistischen Terror bis dahin überlebt hatten, nach Sibirien oder nach Kasachstan deportiert oder flohen ins belagerte Leningrad.

Wer hinter die deutsche Front geriet, wurde mehr oder weniger freiwillig als “Volksdeutscher” in den besetzten polnischen Gebieten angesiedelt oder wurde zur Wehrmacht eingezogen. Die Ortschaft Strelna lag während der Schlacht um Leningrad in der Kampfzone, wo kein Stein auf dem anderen blieb. Lediglich die Ruine des Altersheims der Kolonie hat den Krieg überstanden.

Loyalität trotz Repression

Trotz der Repressionen von russischer Seite hielten viele Strelna-Deutsche loyal zur Sowjetunion. So leisteten beispielsweise die beiden jungen Männer Andrei Steinmüller und Rumjanzew als Partisanen Widerstand – doch wurden sie schon bald von den Deutschen gefasst und in Strelna gehängt. Ein Alexander Aman brach 1942 aus einem Arbeitslager im “Warthegau” aus, schlug sich über Frankreich nach England durch, woher er 1944 als Soldat nach Holland kam und eine Holländerin heiratete. Seine Töchter nahmen am Jubiläumsfest teil.

Doch die Loyalität gegenüber dem Sowjetregime, die viele Russlanddeutsche schon vor dem Krieg bewiesen hatten, wurde von russischer Seite wenig geschätzt. Wer als “Deutscher” nach dem Krieg zurückkam, geriet in die Mühlen des NKWD und danach ins Lager oder in die Verbannung. Noch bis 1956 war es den Russlanddeutschen verboten, an ihre angestammten Gebiete in der Sowjetunion zurückzukehren.

Woher kommen wir?

So verschieden ihre Schicksale auch waren – ihre Nachkommen interessieren heute dieselben Fragen: Woher kommen wir und zu wem gehören wir? Diese Entwurzelung kann jetzt wieder ein bisschen gut gemacht werden – und das Fest war ein Auftakt dazu, die reiche Geschichte der Kolonie neu zu entdecken und zu schreiben. In bescheidener Auflage sind drei Publikationen erschienen:

- Der lutherische Friedhof der deutschen Kolonisten (Irina Archiptschenko-Eidemüller, herausgegeben vom Deutsch-Russischen Begegnungszentrum an der Petrikirche)

- Die deutsche Kolonie in Strelna bei St. Petersburg (Marina Lewitzkaja, eine erweiterte Neuauflage des 2006 erschienen Buches)

- Die Strelnaer Deutschen-Kolonie – Ausstellungskatalog zum 200-Jahre-Jubiläum (Elena Lebedewa und Irina Tscherkasjanowa)

Entdeckung des gemeinsamen Ursprungs auf Fotos aus dem Dorfleben

Das Fest war in erster Linie ein Treffen von Menschen gleichen Ursprungs, deren Vorfahren einst in direkter Nachbarschaft gelebt oder gearbeitet hatten. Gemeinsam freuten sie sich über Tänze und Gesänge der Folklore-Ensemble “Folklore-Wagen” und “Nemezkaja Sloboda” aus Petrosawodsk und über die Ausstellung die zum Jubiläum entstanden war. Gemeinsam entdeckte man seine Vorfahren auf alten Bildern aus dem Strelnaer Dorfleben.

An der Feier, die vom Deutsch-Russischen Begegnungszentrum St. Petersburg koordiniert wurde, nahmen auch jene russlanddeutschen Nachkommen teil, die Ende Neunzigerjahre aus Kasachstan in die Siedlung Neudorf Strelna umgezogen waren. Ihre Häuser stehen in unmittelbarer Nähe zur Sonderwirtschaftszone Strelna, wo in den vergangenen Jahren Siemens-Bosch eine Fabrik für Haushaltgeräte eröffnet hat – auf andere Weise sind Deutsche nach Strelna zurück gekehrt.
[ Eugen von Arb /Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Eugen von Arb /Sankt Petersburger Herold