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14-10-2010 Sankt Petersburg
Die Kunst vergisst nichts – “Ultramemory” im Fotozentrum in Sankt Petersburg


[ Von Eugen von Arb ] “Ultramemory” – fünf französische Fotokünstler rollen den alten Streit zwischen Malerei und Fotografie wieder auf. In den Arbeiten von Michel Castaignet, Joseph Choi, Hervé Ic, Nataliya Lykah, Cyril Hatt gelingt es, das Spannungsfeld zwischen den beiden Kunstgattungen verblüffend interessant herzustellen.



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Für die Gesellschaft um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert muss die Fotografie einen ähnlichen Quantensprung bedeutet haben, wie die Digitalisierung des Lebens von heute. Viele sahen sogar den Tod der Malerei gekommen, obschon sie noch heute existiert, wenn auch in anderer Form. Nur als reine Reproduktionstechnik musste sie dem Lichtbild das Feld räumen – in allen anderen Bereichen blieb sie selbstständig.

Im Zuge der Digitalisierung der visuellen Welt nähern sich die beiden einstigen Konkurrenten sogar wieder an. Ein Blick auf die Betätigungsfelder der fünf ausstellenden Künstler reicht, um zu sehen, dass weder Malerei, noch Fotografie und Film heute noch ohne das andere auskommt – die Künstler von heute müssen Universalkünstler und – Techniker sein.

Wo sind denn nun die Grenzen geblieben?

Aber wo sind denn nun die Grenzen geblieben? Zum Beispiel die Komposition: Während in der Malerei die Bildaufteilung meist im vornherein festgelegt ist, kommt in der Fotografie das Element der Spontaneität hinzu. Wählt man jedoch wie Michel Cataignet den “dilettantischen Blick” eines Hochzeitsknipsers und “sägt” Beine und Köpfe ab, so entstehen vom Wesen her Fotografien, auch wenn die lächelnden Frauen in Aquarelle entstanden.

Ein absolutes Fehlen von Spontaneität hingegen haben die Foto-Porträts in Natalia Liakhs “Rückspiegel-Bildern”. Die erstarrten Blicke von Papa, Mama, Onkel und Tante, die damals auf das Objektiv des Studiophotographen gerichtet waren, gehen jetzt in die Vergangenheit. Fast etwas hilflos-verzweifelt wirken sie angesichts der rasenden Gegenwart um sie herum, die nur noch Zukunft kennt und vor lauter Geschwindigkeit verwischt. Dieses Verwischen trägt gleichzeitig das Element des Film in sich – Liakhs Werke sind nicht mehr nur Moment, sondern Handlung.

Film zu Einzelbildern erstarren lassen

Genau umgekehrt läuft es in den Arbeiten des französisch-koreanischen Künstlers Joseph Choi, der den Lauf des Films zu Momentaufnahmen einfriert. Seine “Leute” stammen aus den Aufnahmen eines Super-8-Filmers, der 1962 in Denver John F. Kennedy in dem Moment aufnahm, als er im fahrenden Wagen erschossen wurde. Die Vergrösserung dieses miserabel auflösenden Filmformats wirkt ebenso verzweifelt wie die Suche nach der Wahrheit in diesem Jahrhundert-Mordfall der niemals richtig aufgelöst werden konnte.

Auf ganz andere Weise verwischt Cyril Hatt die Grenzen zwischen Gemälde und Fotografie – ganz gemäss Magrittes “Ceci n’est pas une pipe” nimmt er Ikonen aus der Malereigeschichte und hängt sie als Fotoreproduktion in Originalgrösse an die Wand. Nur die Zerstückelung der Gemälde inklusive Rahmen in Einzelfotos entlarven diese Illusion.

Erfrischender Kontrast

Die erfrischende Ausstellung der Pariser Galerie Nivet-Carzon und dem Französischen Institut in St. Petersburg ist ein guter Kontrast zu den statischen Motiven in den übrigen Räumen des Fotozentrums. Hier wird parallel dazu Ausstellung mit frühen Fotografien aus dem 19. Jahrhundert der Clémentine Foundation (Paris) gezeigt, die ebenfalls vom Französischen Institut im Rahmen des Frankreichjahrs in Russland organisiert wurde.

Bilder: Rosfoto

Bis am 14. November. ROSFOTO (Staatliches Zentrum für Photographie), ul. Bolschaja Morskaja 35. Eintritt: 100 Rubel. Tel.: 314-12-14. www.rosfoto.org
[ eva /Sankt Petersburger Herold ]