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11-11-2010 Sankt Petersburg
Die Leute sind sehr stolz und haben Charakter


Barbara Streiff malte russische Menschen

[ Von Eugen von Arb ] Die Schweizer Künstlerin Barbara hat diesen Herbst St. Petersburg besucht. Obschon Russlands Kulturhauptstadt von einem akademisch-konservativen Geist geprägt ist, gelang es Streiff als zeitgenössische Künstlerin leicht, eine Brücke zu schlagen. Sie knüpfte Kontakte mit KünstlerInnen und GaleristInnen und suchte mutig den direkten Kontakt zu den RussInnen.



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Mit Tusche und Pinsel machte sie sich auf, um die Leute spontan auf russische Zeitungen zu malen, wie sie es schon seit vielen Jahren in der Schweiz, Brasilien, China, Zypern und Saudi Arabien getan hat. Wo auch immer sie sich bewegte, inszenierte sie ihre Mal-Performance – auf dem Flughafen, in den Parks, in der Fußgängerzone und direkt vor der Eremitage.

EvA: Du hast schon in vielen Ländern Leute auf der Strasse gezeichnet – was ist Dir an Deinen russischen Modellen aufgefallen?

Barbara Streiff: Die Leute sind sehr stolz und haben Charakter. Sie zeigen Ihr Gesicht und spielen einem nichts vor. Sie sagen oft kompromisslos ihre politische Meinung und was Sie denken. Mir gefiel vor allem die Vielfalt. Vom asiatischen Gesicht, über den typischen Russen bis zu Zigeunern ist alles zu sehen. Die Leute tragen auch spezielle Kleider, welche viel über ihre Herkunft aussagen.

EvA: Obschon Dich Deine Bekannten gewarnt hatten, hast Du auf dem Moskauer Flughafen und an anderen öffentlichen Plätzen in Russland gemalt und gefilmt – wo ist die Polizei strenger, in Russland oder in der Schweiz?

Barbara Streiff: Die Italiener sagen, wir haben viele Polizisten, aber in der Schweiz ist jeder ein Spitzel. Die Russen waren offen und erfreut an meiner Kunstaktion. Ich wurde nirgends gestört. Wie ich im Flugzeug wider den Anweisungen gefilmt habe, schützte mich der Nachbar vor neugierigen Augen, ohne mich zu kennen. Danach hat er den Kontakt mit mir gesucht und wir lachten und politisierten offen miteinander. Es hat mich erstaunt, wie offen die Russen Ihre kritische Meinung sagen, obwohl der Staat so streng ist. Ich hatte einige Verweise, dass mich Beamte streng anfuhren, ich solle dies und das nicht machen, da bin ich einfach um die Ecke gelaufen und machte weiter wie zuvor.

EvA: Haben sich die Leute für Deine Arbeit oder Herkunft interessiert, oder war es ihnen gleichgültig, dass Du sie zeichnest?

Barbara Streiff: Es waren viele Leute, welche sich für mich interessierten, aber niemand hat gefragt, woher ich komme. Ich hatte von den Leuten auf den öffentlichen Plätzen das Gefühl, dass sie sich darüber freuten, gemalt zu werden und dass ich ihnen Interesse zukommen liess. Sie sind mir mit Respekt und Achtung begegnet.

EvA: Ist es leicht, mit RussInnen in Kontakt zu kommen?

Barbara Streiff: Das ist sehr verschieden. Ich hatte viele schöne und ebenso interessante Begegnungen. Sie sind sehr hilfsbereit. In Moskau als ich mit einem Stadtplan und ohne die Sprache zu beherrschen vom Flughafen mit Bus und Metro zum roten Platz fahren wollte, halfen mir alle von Jung bis Alt, den Weg zu finden.

Sie betreuten mich und machten oft Umweg, um mich an richtigen Ort zu führen. Ich hatte nicht ein einziges einmal das Gefühl, belächelt, oder abgelehnt zu werden. In der Kasaner Kirche wurde mir vom Aufseher sogar erlaubt zu filmen, was jedoch darauf zurückzuführen ist, dass ich aus Respekt vor den Sitten der orthodoxen Kirche ein Kopftuch getragen habe.

EvA: Fühltest Du Dich sicher auf Petersburgs Strassen?

Barbara Streiff: Dank der Einführung meiner Freunde, die die Sitten Russlands kennen, habe ich mich sehr sicher und wohl gefühlt. Die Innenstadt ist ein sicherer Ort.

Es heißt, dass St.Petersburg die Banditenstadt Russlands ist. Wenn ich um die Ecken in die Nebenstrassen ging, habe ich schon einige dubiose Mafiatypen gesehen. Doch dann legte ich meinen russischen Schal um den Kopf (denn die langen roten Haare waren etwas auffällig ) und ich konnte sorglos weitergehen.

EvA: Moskau und Petersburg sind ein bisschen Konkurrenten – hast Du einen Unterschied zwischen den beiden Hauptstädten bemerkt?

Barbara Streiff: Moskau ist eine Stadt, welche sehr anonym ist. Die einfachen Leute auf der Strasse sind freundlich und bescheiden. Erstaunt haben mich die großen Klassenunterschiede. An einer Ecke kriegst Du nie, was Du willst, und sie haben nur ein kleines Sortiment, beschränkt auf das Notwendigste, aber in den Warenhäusern nahe dem Roten Platz herrscht ein Luxus, den ich noch nirgends auf der Welt in solchem Ausmaß gesehen habe.

Ich habe mich in St:Petersburg verliebt und ich werde nächstes mal Moskau überfliegen, was übrigens echt schön ist auf all die Binnengewässer mit Schifffahrt und die endlosen Wälder hinunterzuschauen.

Petersburg ist nur schon von der Architektur her viel interessanter und schöner. Ich denke, es ist kulturell interessanter als Moskau. Es ist auch, trotz der Größe von sieben Millionen Einwohnern irgendwie heimelig. Neben riesigen Strassen und Häusern und einer gut organisierten Metro hat es auch viel Grün, um sich zu erholen. Bei einem Rundgang in der Innenstadt vom hektischen Newski-Prospekt vorbei an fantastischen Kirchen an die ruhige Newa erlebt Frau alle Facetten des Seins.

EvA: Wodurch unterscheidet sich der Newski-Prospekt von der Bahnhofsstrasse?

Barbara Streiff: Der Newski Prospekt ist viel farbiger und reich an historischen Gebäuden. Der Newski ist sicher zwei bis drei Mal so breit und lang wie die Bahnhofstrasse. St. Peterburg ist ja auch sieben Mal größer wie Zürich und hat so viele Einwohner wie die ganze Schweiz. Ich finde die Bahnhofstrasse in Zürich echt grau und langweilig im Gegensatz zum Newski Prospekt.

Wie ich von Russland zurückkam, hatte ich an der Bahnhofstrasse das Gefühl, dass es hier wie in einem betonisierten Dorf aussieht. Der Straßenverkehr ist etwas kritisch am Newski – Prospekt, da sich niemand an die Ampeln hält und alle durcheinender laufen und fahren. Da ist in der Schweiz schon viel die bessere Ordnung.

EvA: Was empfiehlst Du Deinen Freunden, wenn sie eine Reise nach Russland planen?

Barbara Streiff: Zuerst einmal alles vergessen, was sonst so üblich ist und sich offen und ohne Vorurteile auf die russische Kultur einstellen. Ich denke auch, es ist nicht jedermann`s Sache, mit unerlaubten Handlungen seine Freiheit zu riskieren. Die Polizei kann einem bei Auffälligkeiten grundlos von der Strasse holen.

Die Gefängnisse in Russland sind echt grausam. Darauf achten was im Lande erlaubt ist und was nicht. Bei einem Besuch in den orthodoxen Kirchen sollte die Frau ein Kopftuch tragen, oder in der Metro darf zum Beispiel nicht gefilmt werden etc.

Außerdem: Sich zwei Monate vorher schon um das Visum bemühen, welches mich teurer gleich teuer zu stehen kam wie der Flug hin und zurück. Es braucht eine Einladung von Russland, um dieses Land zu besuchen. Das Visum ist nur für die Einreise, und danach braucht es noch die Registrierung am Ort, was schwierig sein kann, wenn man es selbst auf der Post erledigt und nicht per Agentur.

Dossier:

Barbara Streiff stammt aus dem Schweizer Gebirgskanton Glarus und ist ein echtes Urgestein – direkt, ehrlich und voller Emotionen. Obschon sie sich als Malerin, Bildhauerin, Performance-Künstlerin, Kuratorin und Galeristin stark in ihrer Heimatregion engagiert, konnte sie auch an einer Reihe internationaler Kunstprojekte teilnehmen und dabei ein dichtes kulturelles Kontaktnetz herstellen. Mit ihrem “Aion”-Projekt – Metallskulpturen, in denen Symbole sämtlicher Weltkulturen vereint sind – und ihren Tuschporträts auf Zeitungen aller Herren Länder konnte sie sich bereits in Brasilien, China, Zypern vorstellen. Seit Jahren arbeitet sie mit dem New Yorker Galeristen Abraham Lubelski und dem Zürcher DaDa-Haus zusammen.
[ eva /Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Sankt Petersburger Herold