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06-12-2010 Sankt Petersburg
Judith Hermann in Russland: „Es gibt nur einen Versuch“


[ Von Arina Popova ] Im Rahmen des Projekts von Goethe-Instituts „St. Petersburg 2010“ ist Judith Hermann für eine Lesereise in die Nordwestregion Russlands gekommen. In Sankt-Petersburg, Velikij Novgorod und Petrozavodsk las sie aus ihrem mit dem Kleist-Preis und Hugo-Ball-Förderungpreis ausgezeichneten Buch „Sommerhaus, später“. Wir haben uns mit der Autorin in Velikij Novgorod getroffen.



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Arina Popova: Frau Hermann, wieso spielt die literarische Handlung in Ihrem ersten Buch „Sommerhaus, später“ ausgerechnet in Russland, in Sankt-Petersburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts?

Judith Hermann: In Deutschlad antworte ich, es sei meine Autorenfantasie. Aber da es hier in Velikij Novgorod gefragt wird, sage ich, dass meine Großmutter in Sankt-Petersburg, auf der Vassilij-Insel geboren ist. Sie hat in der Stadt als Kleinkind einige Jahre gelebt. Es gibt einen sehr autobiografischen Bezug zu der Geschichte „Rote Korallen“, und ich habe versucht, einen Teil der Geschichte meiner Familie zu erzählen.

Arina Popova: Sind Sie zum ersten Mal in Russland?

Judith Hermann: Ja, zum ersten Mal. Ich bin absichtlich mit dem Zug gekommen, um unterwegs mehr sehen zu können. Und ich fühle mich hier nicht fremd, irgendwie vertraut.

Arina Popova: So haben Sie die Erzählung „Rote Korallen“ nach den Unterhaltungen mit Ihrer Großmutter geschrieben?

Judith Hermann: Damals, als ich diese Geschichte geschrieben habe, war ich sehr jung, 25 Jahre alt, und ich war nie zuvor in Russland gewesen. Als die Großmutter 70 Jahre alt war, ist sie nur einmal nach Sankt-Petersburg zurückgekehrt. Sie wollte noch einmal an den Ort gehen, an den sie geboren ist. Und sie ist alleine gefahren. Ich war damals 20 und ich fand es schön, dass sie nach Sankt-Petersburg gefahren ist, aber es hat mich eigentlich nicht so interessiert, wie es mich heute interessieren würde. Es ist traurig, denke ich manchmal. Heute berührt es mich sehr zu denken, dass sie, eine alte Frau, alleine noch Mal diese Wege gegangen ist. Und damals, als sie zurückkam, habe ich mit ihr darüber auch nicht gesprochen. Jetzt ist es zu spät. Ich hatte drei Hilfsmittel für die Geschichte: das Lexikon, ein Fotoalbum mit alten Fotos von Sankt-Petersburg und meine russische Klavierlehrerin.

Arina Popova: Wie viel Realität steckt in Ihren Geschichten?

Judith Hermann: Ich denke mir ganz wenig aus. Ich erzähle von Menschen, die ich kenne, von den offenen Fragen, von dem Alltag, von dem, wonach man Sehnsucht hat,was man bekommt, oder von dem, was man eben auch nicht bekommt. Aber ich würde nicht sagen, das ich nichts tue (beim Schreiben). Man hat eine kleine Geschichte, und ich diese Geschichte so zu sagen, kenne. Ich weiß, wie sie aussieht, ich weiss genau, wie sie geht, aber sie ist im abgeschlossenem Raum und ich muss den richtigen Schlüßel finden, im richtigen Moment, am richtigen Tag. Es gibt nur einen Versuch. Es ist manchmal sehr schwer, alles richtig zu machen.

Arina Popova: Ich habe ihr letztes Buch „Alice“ gelesen. Obwohl es um Tod geht, gibt es keine tragische Atmosphäre im Text. Das Lesen des Buches war für mich etwas fast Meditatives – etwas, das in Verbindung mit östlicher Philosophie steht. War das so auch gemeint?

Judith Hermann: Nicht bewusst, aber das Wort Meditation ist richtig. Es ist in diesen Geschichten so, dass plötzlich die Begegnung mit dem Tod gleichzeitig alles sehr auf den Punkt bringt. Innerhalb der Begegnung mit dem Tod bekommen diese kleinen Gegenstände – ein Buch, eine Tasche, ein Glas – eine höhere Bedeutung. Und das ist ein meditativer Gedanke und es freut mich, wenn Sie das so lesen, weil ich es mir so wünsche, dass man so liest und das ist tröstlich.

Arina Popova: Was sind ihre Themen, gibt es solche?

Judith Hermann: Die Figuren der Geschichten sind sehr jung im Buch „Sommerhaus. Später“, im zweiten Buch „Nichts als Gespenster“ sind sie älter und im dritten Buch „Alice“ sind sie so alt, wie ich jetzt bin. Die lernen das, was man im Leben lernt. Es gibt ein Sprichwort: „Man soll sich vor der Erfüllung seiner Wunsche hüten“. Das lernen sie zum Beispiel. Oder dass man selten das bekommt, was man will, aber stattdessen bekommt man etwas Anderes. Das Andere ist klein, aber sehr kostbar. Also sie lernen gegewärtiger zu sein. Und bei aller Traurigkeit sind sie eben doch auch froh. Das Glück des Augenblicks und der Trost der kleinen Dinge.

Arina Popova: Wie Sind Sie dazu gekommen, Schriftstellerin zu werden?

Judith Hermann: Ich glaube, man entscheidet es nicht, aber es ist auch nicht etwas, das einem überfällt oder vom Himmel kommt. Ich habe als Journalistin gearbeitet, und ich bin einmal lange Zeit von Zuhause weggegangen nach Amerika. Da habe ich Heimweh gehabt und sehr viele Briefe nach Hause geschrieben. Ich glaube, als ich diese Briefe schrieb, das war der Anfang. Es war etwas Persönliches von mir in den Briefen und dann in den späteren Geschichten. Und Journalismus ist ja eher etwas Unpersönliches, es soll ein authentisches Schreiben sein, aber es soll unpersönlich, neutral sein. Und ich konnte in Amerika nicht neutral sein, weil ich Sehnsucht hatte. Dieser Übergang, ein Schritt vom journalistischen zum literarischen Schreiben hat mir Schmerzen bereitet, aber beim Weg ins Schreiben hinein war es gut.

Arina Popova: Denken Sie an die Leser beim Schreiben?

Judith Hermann: Wenn ich beim Schreiben an der Geschichte denkend mir Fragen stellen würde, was brauchen die Menschen, was bräuchte ein Leser, was meint die Gesellschaft zu diesem Text, wo sind die Fragen der Gesellschaft, dann könnte ich nicht schreiben. Es ist wichtig für mich beim Schreiben ganz alleine zu sein und nur an mich zu denken und an den ganz kleinen Kreis der Menschen, mit denen ich lebe. Wenn ich Glück habe, erzähle ich indem ich über sie erzähle auch etwas über die Gesellschaft, aber das darf ich nicht wollen, sonst zerbräche der Text.

Arina Popova: Haben Sie Vorlieben in der russischen Literatur?

Judith Hermann: Dostoevskij, Dostoevskij, Dostoevskij. Und noch Tolstoj, Paustovskij und Achmatova. In Deutschland, als dieses Buch erschien, hat die Kritik gesagt, ich sei eine Enkeltochter Tschechovs. Es war schön für mich aber gleichzeitig hat es mir Angst gemacht. Ich habe eine grosse Distanz zu Tschechov.
[ Das Interview wurde auf Russisch in der “Moskauer Deutschen Zeitung” veröffentlicht ]


[ Arina Popova /Sankt Petersburger Herold ]
Foto: Goethe-Institut