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06-12-2010 Sankt Petersburg
Hüst- und Hott-Politik um Gasprom-Turm geht weiter – Gouverneurin spricht von neuem Standort


Während einer Fernsehsendung zeigte sich die Petersburger Gouverneurin Valentina Matwijenko unerwartet offen gegenüber einem alternativen Standort für das Gazprom-Hochhaus “Ochta-Zentr”. Ihre Andeutungen werden von den einen bereits als Ende des Hochbaus im Zentrum beurteilt, andere halten es für ein Manöver vor dem bevorstehenden Wahljahr.




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Das Ochta-Zentr sei zweifellos ein interessantes Projekt – nur der Standort sei noch umstritten, darum werde man sich noch im Dezember mit Denkmalschützern treffen über mögliche alternative Lösungen zu diskutieren, liess Matwijenko vergangene Woche in der Sendung “Dialog mit der Stadt verlauten.

Solche Töne waren in dieser Angelegenheit bisher unbekannt – im Gegenteil hatte Matwijenko bisher betont, der Bau werde von der Mehrheit befürwortet und werde wie vorgesehen durchgeführt, basta. Wie eine Bestätigung dieses Kurses war der Gerichtsentscheid, welcher im Oktober eine Klage der Gegner wegen Verfahrensfehlern zurückwies. Mit ihrem – bisher nur rethorischen – Kurswechsel hat die Gouverneurin bei Politikern, Architekten, Denkmalschützern und Journalisten ein Rätselraten über die Hintergründe ausgelöst.

Die Botschaft aus Moskau

Pikanterweise decken sich die Aussagen Matiwijenkos genau mit jenen von Präsident Medwedew, der vor einem Monat geäussert hatte, er kenne mindestens zehn Standorte ausserhalb des Zentrums, an denen der Büroturm errichtet werden könnte. Wie bei solch unverbindlichen Stellungnahmen aus dem Kreml üblich, muss die Botschaft zwischen den Zeilen heraus gelesen werden – und in diesem Fall lautet sie eindeutig: “Zeigt Euch kompromissbereit!”

Möglicher Grund für diese “Anweisung” an die Petersburger Regierung sind die bevorstehenden Wahlen im nächsten Jahr, bei denen die politische Opposition den Gazprom-Turm sicherlich als Feindbild und Synonym für die Machthaber im Smolny eingesetzt hätten. Mit dem jüngsten Manöver wurde ihr bereits jetzt der Wind aus den Segeln genommen. Einen Schritt in dieselbe Richtung machte Matwijenko kürzlich, indem sie Denkmalschützer und Oppositionspolitiker zu einem “Dialog” einlud und der Leiterin der Bewegung “Lebendige Stadt” einen hohen Posten im Kommitee für Denkmalschutz anbot.

“Hochbauten nicht mehr Mode”

Die wohl unwahrscheinlichste Variante wäre, dass die Stadtregierung sich tatsächlich von den Gegnern des Turms im Zentrums hätte überzeugen lassen, die schon lange einen anderen Standort im Süden vorschlagen. Immerhin meinte der Redaktor der Architekturzeitschrift “Projekt Russland” Alexei Muratow gegenüber Fontanka.ru., es sei an der Zeit, dass die Gouverneurin die Signale aus Moskau erhöre, denn Hochbauten von solcher Grösse seien längst nicht mehr Mode.

Andere halten Matwijenkos Äusserungen für eine reine Finte – kurz nach den Wahlen werde das Ochta-Zentr gebaut, und zwar am bisherigen Standort, sagen sie nüchtern. Für einen Rückzug sei schon zuviel Geld investiert worden, und für einen anderen Standort müsste ein völlig neues Projekt als jenes von RMJM erarbeitet werden. Das britische Architekturbüro hatte den Wettbewerb mit einem 400 Meter hohen Bürohochhaus gewonnen, der jedoch bei Teilen der Stadtbevölkerung, Denkmalschützern und bei der Unesco auf Widerstand stösst.
[ eva /Sankt Petersburger Herold ]
Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold