russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



20-02-2005 Sankt Petersburg
Die kleine Leningraderin Tanja Sawitschewa starb wie eine Heilige
Die zwölfjährige Leningraderin Tanja Sawitschewa begann ihr Tagebuch etwas früher zu führen als das Holocaust-Opfer Anne Frank. Sie waren beinahe gleichaltrig und schrieben über das Gleiche:

den Schrecken des Faschismus. Beide Mädchen starben auch, ohne den Sieg zu erleben: Tanja im Juli 1944, Anne im März 1945.

"Das Tagebuch der Anne Frank" wurde nach dem Krieg veröffentlicht und erzählte der ganzen Welt von der Schreiberin. Ein "Tagebuch der Tanja Sawitschewa" wurde nie herausgegeben, es enthält nur sieben entsetzliche Aufzeichnungen über den Untergang ihrer großen Familie im Leningrad der Blockadezeit. Dieses kleine Notizbuch wurde auf dem Nürnberger Prozess als ein den Faschismus anklagendes Dokument vorgelegt.

Gegenwärtig ist Tanja Sawitschewas Tagebuch im Museum der Geschichte von Leningrad (Sankt Petersburg) ausgestellt. Kopien sind in einer Vitrine der Gedenkstätte Piskarjowskoje Friedhof, auf dem 570 000 Opfer der 900 Tage währenden faschistischen Blockade (1941 - 1943) ruhen, sowie auf dem Poklonnaja-Berg in Moskau zu sehen.

Die Kinderhand schrieb, von Hunger entkräftet, ungleichmäßig und wortkarg. Die zerbrechliche, durch unerträgliche Leiden arg angegriffene Seele war keiner lebhaften Emotionen mehr fähig. Tanja fixierte einfach reale Fakten ihres Daseins: die tragischen "Besuche des Todes" in ihrem Heim. Beim Lesen erstarrt einem das Blut in den Adern:

"28. Dezember 1941. Schenja ist um 12.30 Uhr in der Nacht gestorben. 1941."

"Oma ist um 3 Uhr des 25. Januar 1942 gestorben."

"Ljoka um 5 Uhr morgens des 17. März 1942 gestorben."

"Onkel Wassja um 2 Uhr nachmittags des 13. April 1942 gestorben."

"Onkel Ljoscha, um 4 Uhr nachmittags des 10. Mai 1942."

"Mutti, um 7.30 Uhr früh des 13. März 1942.

"Alle sind tot." "Nur Tanja ist übrig geblieben."

Sie war Tochter eines Bäckers und einer Näherin, das Nesthäkchen, von allen geliebt. Große graue Augen unter einem kastanienbraunen Pony, Bluse mit Matrosenknoten, eine reine, helle "Engelsstimme", die vielleicht die Laufbahn einer Sängerin versprach. Alle Sawitschews waren musikalisch begabt. Die Mutter, Marija Ignatjewna, bildete sogar ein kleines Familienensemble: Zwei Brüder, Ljoka und Mischa, spielten Gitarre, Mandoline und Banjo, Tanja sang, die übrigen bildeten den Chor.

Der Vater, Nikolai Rodionowitsch, war früh gestorben, und die Mutter verschmähte keine Arbeit, um die fünf Kinder großzuziehen. Die Näherin des Leningrader Modehauses hatte viele Kundinnen und verdiente ganz gut. Kunstvolle Stickereien schmückten das gemütliche Heim der Sawitschews: lustige Fenstervorhänge, Läufer, Tischdecken. Auch Tanja stickte von früh auf: Blumen über Blumen...

Den Sommer 1941 wollten die Sawitschews in einem Dorf bei Gdow in der Nähe des Peipussees verbringen, aber nur Mischa schaffte es, wegzufahren. Der Morgen des 22. Juni, der den Krieg ankündigte, warf die Pläne um. Die einträchtige Familie beschloss, in Leningrad zu bleiben, zusammenzuhalten und der Front zu helfen. Die Näherin fertigte nun Soldatenuniformen an. Ljoka (Leonid), der wegen seiner schlechten Augen nicht einberufen wurde, arbeitete als Hobler im Admiraltejski-Betrieb, die Schwester Schenja schliff Minengehäuse, Nina war zu Verteidigungsarbeiten mobilisiert. Die beiden Onkel von Tanja, Wassili und Alexej Sawitschew, dienten in der Luftverteidigung.

Auch Tanja machte sich nützlich. Zusammen mit anderen Kindern und Halbwüchsigen half sie den Erwachsenen, Brandbomben zu löschen und Schützengräben auszuheben. Aber der Ring der Blockade verengte sich: Nach Hitlers Plan war Leningrad "durch Hunger abzuwürgen und dem Erdboden gleichzumachen". Eines Tages kam Nina nicht nach Hause. An jenem Tag wurde die Stadt stark beschossen, zu Hause war man voller Unruhe und wartete auf das Mädchen. Als aber immer mehr Zeit verstrich und die Hoffnung dahinschwand, schenkte die Mutter Tanja Ninas kleines Notizbuch als Andenken an die Schwester, und darin machte Tanja ihre Aufzeichnungen.

Ihre Schwester Schenja starb direkt im Betrieb. Sie arbeitete regelmäßig zwei Schichten hintereinander, außerdem spendete sie Blut, und die Kräfte hatten nicht mehr ausgereicht. Bald brachten sie auch die Großmutter auf den Piskarjowskoje Friedhof, ihr Herz hatte versagt. In der Geschichte des Admiraltejski-Betriebes sind folgende Zeilen zu lesen: "Leonid Sawitschew arbeitete sehr fleißig, obwohl er erschöpft war. Eines Tages kam er nicht zur Schicht - in der Halle erfuhr man, dass er gestorben war..."

Tanja griff immer öfter zu ihrem Notizbuch: Einer nach dem anderen gingen beide Onkel und dann auch die Mutter aus dem Leben. Eines Tages zog das Mädchen das furchtbare Fazit: "Alle Sawitschews sind tot. Nur Tanja ist übrig geblieben."

Es war ihr nicht beschieden zu erfahren, dass nicht alle Sawitschews gestorben waren, ihr Geschlecht lebte fort. Nina wurde gerettet und ins Hinterland evakuiert. 1945 kehrte sie in ihre Heimatstadt, in ihr Haus zurück - und fand zwischen den nackten Wänden, inmitten von Splittern und abgebröckeltem Putz das Notizbuch mit Tanjas Eintragungen. Nach einer schweren Verwundung an der Front wurde auch Tanjas Bruder Mischa wiederhergestellt.

Tanja aber, die vor Hunger das Bewusstsein verloren hatte, wurde von den Mitgliedern einer der Sanitätseinheiten entdeckt, die die Leningrader Häuser durchgingen. Das Leben glimmte in ihr gerade noch. Zusammen mit anderen 140 völlig ausgehungerten Leningrader Kindern wurde das Mädchen in die Siedlung Schatki im Gebiet Gorki (heute Nischni Nowgorod) evakuiert. Die Bewohner brachten den Kindern alles, was sie nur konnten, nicht nur Lebensmittel, sie gaben ihnen auch ihre Herzlichkeit und menschliche Wärme. Viele der Kinder erholten sich, kamen wieder auf die Beine. Aber Tanja konnte sich nicht wieder aufrichten. Zwei Jahre lang kämpften die Ärzte um das Leben der jungen Leningraderin, aber die verderblichen Prozesse in ihrem Organismus erwiesen sich als unumkehrbar. Tanja konnte ihre zitternden Arme und Füße nicht beherrschen, sie litt unter grausamen Kopfschmerzen. Am 1. Juli 1944 starb Tanja Sawitschewa. Sie wurde auf dem Friedhof der Siedlung begraben, und dort ruht sie unter einer marmornen Grabplatte. Daneben erhebt sich eine Stele mit einem Relief des Mädchens und einigen Seiten aus ihrem Notizbuch. Tanjas Aufzeichnungen sind auch in den grauen Stein des Denkmals "Blume des Lebens" bei Sankt Petersburg eingemeißelt; es steht am dritten Kilometer der "Straße des Lebens" aus der Blockadezeit.

Tanja Sawitschewa wurde am 25. Januar, dem Tag der Heiligen Märtyrerin Tatiana, geboren. Die Sawitschews, die am Leben geblieben sind, wie auch ihre Kinder und Enkelkinder kommen oft zusammen, manchmal singen sie dabei die "Ballade von Tanja Sawitschewa" (Musik: Je. Doga, Text: W. Gin). Die Ballade erlebte ihre Uraufführung in einem Konzert der Volkskünstlerin Edita Pjecha: "Tanja, Tanja ... Gleich einer Sturmglocke hallt dein Name durch die Welt ..."

Das Herz darf nichts vergessen, sonst bricht unser Menschengeschlecht ab. (Tatjana Sinizyna, Kommentatorin der RIA Nowosti.)