Putin weichgespült – Unterschiede im russischen und deutschen Wortlaut des Interviews

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Das Interview der BILD-Zeitung mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das in zwei Teilen am 11. und 12. Januar auf der Internetseite des Blattes in deutsch und englisch veröffentlicht wurde, sorgte nicht nur Deutschland und Europa für Aufsehen, sondern auch im russischsprachigen Raum. Nahezu zeitgleich hatte der Kreml eine russischsprachige Version ins Netz gestellt.

Dabei zeigte sich, dass beide Varianten nicht unbedingt übereinstimmten.

Nun ist es eher weniger verwunderlich, dass Übersetzungen nicht immer genau die Äußerung in der Fremdsprache wiedergeben, denn auch Dolmetscher greifen auf ihren vorhandenen Wortschatz zurück.

Aber hier ging es um mehr als um Feinheiten. Auch Russland.RU hatte sich bei der Veröffentlichung des Interviews an die russische Variante gehalten, um eben die Fragen und vor allem die Antworten möglichst genau wiederzugeben. Dabei stellten wir fest, dass unsere Übersetzung aus dem Russischen rund ein Drittel länger war, als das bei BILD- veröffentlichte Gespräch. Ein Vergleich ergab allerdings, dass beide Texte inhaltlich im Wesentlichen übereinstimmten. Aber auch uns war bereits die unterschiedliche Diktion aufgefallen.

Die russische Internetzeitung Gazeta.ru analysierte heute die Unterschiede bei Fragen und Antworten.

Als Beispiel nannte sie gleich die erste Frage von BILD an den russischen Präsidenten, die sich auf der Kreml-Seite so liest: „Wir haben gerade erst den 25.Jahrestag des Endes des „kalten Krieges“ begangen. Im vergangenen Jahr wurden auf der ganzen Welt eine große Anzahl von Kriegen und Krisen beobachtet, wie es sie viele Jahre nicht gab. Was haben wir falsch gemacht?“ In der deutschen Version klingt die eigentliche Frage anders: „Warum haben sich die Beziehungen zwischen Russland und dem so katastrophal verschlechtert?“

Außerdem, so schreibt die Internetzeitung, seien im russischen Text einige Bemerkungen der Journalisten herausgefallen, etwa diese: „Rundheraus gesagt – die Länder Mitteleuropas wollten aus eigenem Willen in die NATO eintreten. Sie ließen sich dabei von Sicherheitsüberlegungen leiten.“

Putins Erwiderung wird veröffentlicht, steht allerdings an einer ganz anderen Stelle.

Die Frage des deutschen Journalisten: „Wie sehr sehnen sie sich nach einer Rückkehr in die G8-Runde?“, formulierte der Redakteur von Kremlin.ru um in „Herr Präsident, werden Sie irgendwelche Schritte unternehmen zur Wiederumwandlung des Formats der G7 in das Format der G8?“

Zum Nutzen der russischen Diplomatie wurde auch der Dialog Putins mit dem deutschen Fragesteller zum Status der Krim geändert. „Was verstehen Sie unter dem Wort „Krim““, fragte Putin. „Die Veränderung der Grenzen“ antwortete der Gesprächspartner in der russischen Version von kremlin.ru. Auf der Seite von BILD lautet die Antwort: „Das ist eine einseitige Veränderung der Grenzen in Europa, dessen System insbesondere auf der Respektierung der staatlichen Grenzen beruht.“

Diese Beispiele ließen sich fortsetzen bis zur Schlussformel: Aus dem deutschen „Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch“ wird das russische „Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für dieses wunderschöne und ausführliche Gespräch!“

Insgesamt hat man bei einem Vergleich der beiden Versionen den Eindruck, dass der russische Text „weichgespült“ wurde, was vermutlich nicht in Putins Interesse ist und möglicherweise den Redakteur seinen Job kosten dürfte.

Denn Putin hat sich nicht umsonst die Bildzeitung für die Darlegung seiner Sicht auf die Dinge ausgesucht, ist Dr. Alexander Rahr überzeugt. „Putin geht wieder auf Europa zu“, schreibt er in einem Beitrag für huffigtonpost.de und weiter: „Was er im Interview sagte, liest sich teilweise wie ein Friedensangebot: Baschar Assad soll nicht zwingend an der Macht in Syrien bleiben, Moskau sei an einer Normalisierung der Beziehungen zur NATO interessiert, die strategische Partnerschaft mit dem europäischen Schlüsselland Deutschland und seiner Bundeskanzlerin soll fortgesetzt werden. Russland wolle wieder zurück in die G-8, die Sanktionen sollten verschwinden und Russland freue sich auf eine sportliche Willkommenskultur bei der kommenden Fußballweltmeisterschaft.“

Bemerkenswert an dem Interview sind zwei Dinge: Zum einen, dass Putin es einer Zeitung gegeben hat, die ihn gern als blutrünstiges Monster darstellt. Aber der russische Präsident wollte wohl die auflagenstärkste Zeitung in Deutschland, seinem wichtigsten Partner in Europa nutzen, um seine Positionen darzulegen und Angebote zu machen. Zum anderen ist zu vermuten, dass auch BILD nicht ohne Abstimmung mit der Spitze der Bundesregierung dieses Gespräch geführt hat., zumal Putin auch in diesem Jahr nicht an der Münchner Sicherheitskonferenz teilnehmen wird.

Ob dieses Interview die durch intensive Medienarbeit entstandene einseitig negative Mainstream-Meinung zu Russland und Putin auf einen Schlag verändern wird, ist zweifelhaft. Aber auf jeden Fall hat sich der Herr im Kreml wieder ins Gespräch gebracht. Nach dem Erreichen dieses Ziels sind auch die Ungereimtheiten in den Sprachversionen nicht mehr als eine Randnotiz. (hh)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.