Rubel kaputt: Heftiger Kursrutsch an der Moskauer Börse

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Der Ölpreis zieht Russlands Währung in den Abgrund: Am heutigen Donnerstag brach der Dollarkurs an der Moskauer Börse kurzzeitig auf 85,8 Rubel und der Eurokurs auf 93,7 Rubel ein. Der Wertverfall des Rubels hatte sich zwar seit Jahresbeginn schon sichtlich beschleunigt, doch nun erleben Devisenmakler wieder eine „Situation am Rande der Panik“.

Von einem „schwarzen Mittwoch“ für die russische Valuta war schon gestern die Rede gewesen: Ihr Wert sank im Laufe des Tages um etwa 5 Prozent – und der Dollar kletterte nicht nur über die 80-Rubel-Marke, sondern auch über den historischen Spitzenwert von 81,1 Rubel, der am 16. Dezember 2014 ganz kurzfristig aufgestellt worden war. An jenem denkwürdigen Tag herrschte allerdings die blanke Panik auf dem Börsenparkett – die anschließend auch auf die Bevölkerung übergriff: Die Russen stürmten Autosalons, Möbelhäuser und Elektronikmärkte, um ihre vom Verfall bedrohten Ersparnisse oder Bargeldreserven vermeintlich sinnvoll anzulegen.

In der gegenwärtigen Phase der Rubelkrise verläuft alles ruhiger und gemessener – was auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Bevölkerung nach dem mehrfachen Gürtelengerschnallen des letzten Jahres gar keine so großen Geldreserven mehr hat (oder diese schon längst wohlweislich in Devisen konvertiert wurden ). Außerdem hat sich die Preisentwicklung auf dem Verbraucher-Binnenmarkt wegen stark rückläufiger Importe etwas von den Devisenkursen abkoppelt. Und Urlaub machen in der Türkei oder in Ägypten ist ja inzwischen ohnehin verboten.

Zentralbank-Chefin gießt Öl ins Feuer – oder auch umgekehrt

An der Börse sieht das allerdings anders aus: Zwei Faktoren zogen am Donnerstagmorgen den Rubelkurs so richtig herunter: Zum einen war dies, wieder einmal, ein Preisrückgang beim Rohöl: Das Barrel Brent als Marktmessbecher war mittlerweile bei einem neuen Tiefstwert von 27,3 Dollar angekommen. Und von Zentralbank-Chefin Elvira Nabiullina hatte die Aussage die Runde gemacht, der im Laufe des Tages mächtig gefallene Rubelkurs sei „nahe an seinem fundamentalen Wert“ und die Zentralbank werde erst dann intervenieren, wenn die finanzielle Stabilität des Landes gefährdet sei. Sprich: Vorerst ist mit keinen Stützungskäufen zu rechnen. Hauptleitlinie für den Wert des Rubels bleibt also weiterhin der Ölpreis.

Auch nicht gerade stimulierend für die Wertschätzung des Rubels war eine Aussage von Präsident Putin auf einem Unternehmerforum, wonach der fallende Rubelkurs der russischen Geschäftswelt ja auch „zusätzliche Möglichkeiten“ einräume. In der Tat, wer in Russland Metall, Getreide, Chemieprodukte, Technik oder Knowhow gegen schwergewichtige Devisen exportieren kann, der lebt dieser Tage sorglos gut …

Euro überspringt die 90-Rubel-Linie

So kam es, dass der Dollar bei der Eröffnung der Moskauer Börse bereits mit 82,3 gehandelt wurde – um dann alsbald innerhalb von zwei Stunden um weitere 4 Prozent abzustürzen. Als Spitzenwert wurden 85,81 Rubel erreicht. Der Euro-Kurs stieg parallel über die 90er-Marke und schoss auf 93,70 hoch.

Nach einer halben Stunde hatte sich die Panikattacke wieder einigermaßen gelegt und die Kurse sackten etwas zurück. Gegen 14.30 Uhr Moskauer Zeit lagen sie bei 84,45 für den Dollar und 92,05 für den Euro. Die Tendenz sprach zu diesem Zeitpunkt aber dafür, dass der Rubel weiter sanft nachgibt.

Seit Jahresbeginn hat die russische Währung damit etwa 15,5 Prozent gegenüber dem Euro verloren. Der Rückgang seit der letzten Stabilitätsphase des Kurses im Oktober und November (damals bei Werten um die 70 Rubel) beträgt etwa 31 Prozent.

Putins Pressesprecher Dmitri Peskow erklärte auf eine Journalistenfrage nach der Kreml-Reaktion auf den jüngsten Kursabsturz, dass man davon gar nicht sprechen könne: „Ja der Kurs ändert sich, der Kurs ist volatil – aber das ist kein Absturz.“

Also gut, kein Absturz. Aber ein Sturzflug ist es allemal – doch auch der ist beängstigend, wenn niemand im Cockpit weiß, wie man die Maschine abfängt. Und weil gerade auch noch der Treibstoff ausgeht.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.