RUSSISCHE HÄNDLER BLEIBEN AUF BAUMASCHINEN SITZEN

Wirtschaftskrise und Politik der Importsubstitution bremsen Importe aus Deutschland

akwbau400
image_pdfimage_print

Von Ullrich Umann Moskau (gtai) – Die Nachfrage nach deutschen Baumaschinen bricht 2016 in Russland weiter ein. Für eine spürbare Belebung fehlen Bauprojekte mit größerem Umfang in ausreichender Menge. Denn die Bauinvestitionen sinken. Private Investoren agieren schon seit 2014 zurückhaltend. Sie beschränken sich mehrheitlich auf den Neubau oder Ausbau von Industrieanlagen. In Zeiten knapper Haushaltsmittel nimmt der Staat aber nur noch wenige Vorhaben in Angriff.

An öffentlichen Großprojekten wurden für das laufende Jahr angekündigt: die Stadterweiterung Moskaus (Urbanisierungsprojekt „Neues Moskau“), der Ausbau der U-Bahn-Netze in Moskau und Sankt Petersburg, der Ausbau einiger Schnellstraßen in und um die russische Hauptstadt herum sowie die bautechnische Vorbereitung der Fußball-WM 2018 an den elf Austragungsorten. Doch wurden diese Vorhaben auf ein Mindestmaß zusammen gestrichen.

Ausbau der Infrastruktur unabdingbar

Kurz- bis mittelfristig sind der Baustart für die Brücke über die Meerenge von Kertsch zwischen der Krim und dem russischen Festland sowie verschiedene Einzelvorhaben zum Ausbau der Infrastruktur im Fernen Osten zu erwarten. Hierzu gehören Erschließungsarbeiten für die regionalen Sonderwirtschaftszonen namens „Territorien der beschleunigten sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung“, der Ausbau der Schienenstrecken Transsibirische Eisenbahn und Baikal-Amur-Magistrale sowie Erweiterungsarbeiten in verschiedenen Hochseehäfen in den Regionen Primorje und Chabarowsk, auf Sachalin und Kamtschatka.

In den fernöstlichen Häfen müssen die Verladekapazitäten für Schüttgut, darunter für den Kohleexport, erweitert werden. In Wladiwostok kommt der wachsende Containerumschlag durch die Einrichtung von Freihäfen für Exportgüter aus der VR China, die für Drittmärkte bestimmt sind, hinzu.

Baukonjunktur 2016 im Keller

Mit der Baukonjunktur ist es 2016 nicht zum besten bestellt. Projekte zum Bau von Bürogebäuden, Verkaufseinrichtungen, Restaurants und Cafés, Sport- und Freizeitzentren, die vor allem von privaten Auftraggebern kommen, werden in ihrer Mehrheit zwar zu Ende geführt.

Es gehen 2016 aber kaum noch neue Vorhaben an den Start. Wie die Immobiliengesellschaft S.A.Ricci unterstrich, sind die Investitionen in Gewerbeimmobilien wertmäßig 2014 um 72% und 2015 um 58% (jeweils im Vergleich zum Vorjahr) eingebrochen.

Die privaten Investitionen betrugen 2015 nur noch 2,6 Mrd. US$. Zudem konzentrierten sich private Investitionen 2015 geographisch stark auf Moskau und das Moskauer Gebiet. Für 2016 prognostiziert S.A.Ricci im günstigsten Fall eine Stagnation.

Rückzug des Staates als Auftraggeber

Spätestens seit 2015 zieht sich – parallel zur Privatindustrie – der Staat als Großinvestor und Auftraggeber für Bauvorhaben zurück. Das rückläufige öffentliche Engagement setzt sich 2016 fort. Das aktuelle Haushaltsjahr wurde mit umfangreichen Kürzungen gestartet. Bereits 2015 waren die öffentlichen Bauinvestitionen um 20 bis 30% gesunken, je nach Projektart.

Im Jahr 2016 dürften die Einsparungen sogar noch größer ausfallen. Die für den Autobahnbau zuständige Behörde Rosavtodor bezifferte den Rückgang ihrer Projektmittel für 2016 auf 30%, nach einem Minus von 25% im Vorjahr.

Konkurse im Baugewerbe häufen sich

Baufirmen, die Vorhaben 2016 fertigstellen und auf die Vergabe neuer Projekte angewiesen sind, leiden unter der Baurezession am stärksten. Firmenaufgaben sind fast schon vorprogrammiert. Im Jahr 2015 hatte es sogar einen der größten russischen Baukonzerne, SU-155, erwischt. Dieser wurde auf Betreiben der Gläubigerbanken in den Konkurs geschickt.

Um das umfangreiche Projektportfolio des Wohnungsbau-Konzerns zu retten, hat sich die Föderalregierung im Dezember 2015 verpflichtet, diese Vorhaben mit Staatshilfen zu Ende zu führen. Derart umfangreiche Stützungsmaßnahmen dürften auf Grund knapper Haushaltsmittel 2016 nur noch im Ausnahmefall bei anderen systemrelevanten Firmen wiederholbar sein.

Importsubstitution behindert deutsche Lieferanten

Die russische Regierung setzt auf Importsubstitution bei Maschinenbauerzeugnissen. Speziell für Baumaschinen bedeutet das einen Einfuhrstopp aus westlichen Industriestaaten, wenn es sich um ein öffentliches Bauvorhaben handelt und wenn es analoge Technik aus lokaler Fertigung gibt. Diese Politik schränkt die Absatzchancen für deutsche Exporteure von Baumaschinen – zusätzlich zu den negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise – ein.

Protektionismus zementiert technologischen Rückstand

Die Importsubstitution ist bei russischen Bauingenieuren jedoch nicht unumstritten. Es hat sich herausgestellt, dass russische Baumaschinen – sofern es sie gibt – den Spitzenerzeugnissen aus Industrieländern qualitativ unterlegen sind. Den Rückstand russischer Hersteller von Baumaschinen sehen Experten vor allem bei Hydraulik, Pneumatik, Elektronik, Telematik sowie bei Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit. Die Betriebskosten inländischer Technik liegen über denen westlicher Maschinen. Selbst im Anschaffungspreis können sie in einzelnen Fällen teurer als Importtechnik sein. Das resultiert aus der Monopolstellung, die inländische Hersteller infolge der Importsubstitutionspolitik des Staates bekommen haben.

Projektausgaben 2015 um 40% gestiegen

Negative Folge: Die Kosten für staatliche Vorhaben ufern aus. Diese sind 2015 im Schnitt um 40% gestiegen. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung startete im Februar 2016 einen Vorstoß und schlug eine Lockerung der Politik der Importsubstitution vor, um bei der Kostenexplosion gegenzusteuern.

Durch Lockerungen der Einfuhrbeschränkungen würde das Preisniveau bei Investitionsgütern wieder sinken, so die Überlegungen. Doch reagierte das für Industriepolitik zuständige Ministerium für Industrie und Handel in keiner Weise. Hier haben nicht Kosteneinsparungen, sondern die Protektion der heimischen Industrie Priorität.