Russische Literatur: „Sankya“

Sakhar PrilepinSakhar Prilepin
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[von Dr. Christian Wipperfürth] Zakhar Prilepin (geb. 1975), der Autor des Romans „Sankya“, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen russischen Autoren, vielleicht der berühmteste seiner Generation.

In den 1990er Jahren stieß er zu den „Nationalbolschewiken“, einer radikalen bis extremistischen Gruppierung mit nationalistisch-egalitär-kommunistischen Idealen, die immer wieder mit spektakulären Aktionen versuchte, die Staatsmacht bloß zu stellen. Im Protestwinter 2011/12 waren die Nationalbolschewiken eine der tragenden Säule der Opposition gegen den Kreml.*

Prilepin ist weiterhin Mitglied der seit 2005 verbotenen Nationalbolschewiken, gleichwohl hat er zahlreiche angesehene russische Literaturpreise gewonnen, renommierte Verlage veröffentlichen seine Bücher. Er arbeitet auch als Redakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gazeta“.

„Sankya“ ist ein Roman, der meines Erachtens nur in Russland spielen kann, nur von einem Russen geschrieben werden konnte. In gewisser Hinsicht hätte er auch vor 120 Jahren verfasst sein können. Die russische Kritik verglich Prilepin mit dem jungen Maxim Gorki. Es ist Zusammenstellung verschiedener Charakteristika und ihr Ausmaß, die „Sankya“ „typisch Russisch“ erscheinen lassen: die Radikalität, der Anarchismus, die Bereitschaft, Schmerzen zu erleiden und zuzufügen, die Brutalität, die Zärtlichkeit und Loyalität, der Mut, die Unbesonnenheit, der sehr hohe Wert, den die Ehre spielt, die Liebe zum eigenen Land und zugleich die Verzweiflung an der Realität. Und die Sehnsucht nach Erlösung, nach einer Vision.

„Sankya“ ist fern jeder Ironie oder modischem Zynismus. Prilepin ist ernst und unbedingt. Der (auch ins Deutsche übersetzte) Roman zeichnet selbstverständlich kein umfassendes Bild der russischen Gegenwart oder der 90er Jahre. Er ist einseitig. Darstellungen der Gewalt fand ich kaum erträglich. Auch die verbreitete Hoffnungslosigkeit macht „Sankya“ zu einer schwer verdaulichen Kost. Gleichwohl empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses so sehr russischen und beeindruckenden Buchs.

Foto: http://zaharprilepin.ru/img/foto/fotoset/6.jpg

* Die Protestbewegung habe ich ausführlich analysiert, s. insbesondere http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/21/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-i/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/02/28/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-ii-3/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/02/umbruch-in-russland-eine-zwischenbilanz-folge-iii/;

http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/07/382/; http://www.cwipperfuerth.de/2012/03/12/umbruch-in-russland-unter-veranderten-vorzeichen-oder-sein-ende-teil-i/)

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.